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20.08.2013

Test bei Wachkoma-Patienten lässt auf späteres Erwachen schließen

Ob Wachkoma-Patienten wieder ihr volles Bewusstsein erlangen, kann derzeit nicht vorhergesagt werden. Nun haben Forscher bei Betroffenen spezielle Hirnreaktionen gefunden, durch die sich auf die Wahrscheinlichkeit eines künftigen Erwachens schließen lässt.
Test bei Wachkoma

Hirnströme bei Wachkoma-Patienten lassen auf späteres Erwachen schließen

Jedes Jahr fallen etwa 3.000 Menschen in Deutschland in ein Wachkoma. Auslöser sind meistens Unfälle, bei denen es zu Hirnverletzungen kommt, ein Aneurysma oder ein Herzstillstand mit längerer Sauerstoffunterversorgung des Gehirns. Was genau im Gehirn von Wachkoma-Patienten abläuft, weiß bisher niemand. Immerhin findet einer von zehn Wachkoma Patienten nach einiger Zeit wieder in ein selbstbestimmtes Leben zurück. Forscher haben nun einen Test entwickelt, mit dem sich besser vorhersagen lässt, ob ein Patient wieder erwacht oder nicht.

Die Wissenschaftler um die Neuropsychologin Inga Steppacher von der Universität Bielefeld haben über 100 Diagramme ausgewertet, welche die Gehirnströme von Wachkoma-Patienten aufgezeichnet haben, während ihnen bestimmte Sätze, darunter auch unlogische Wortkombinationen wie „Paul trinkt seinen Kaffee mit Zucker und Socken“, vorgespielt wurden. Es zeigte sich, dass diejenigen Patienten, die auf solche Nonsens-Sätze mit einer Veränderung der Hirnaktivität reagierten, später mit größerer Wahrscheinlichkeit erwachten als andere.

Im Wachkoma: Reaktion auf unlogische Sätze

Die Studienautoren erklären das Phänomen folgendermaßen: Das menschliche Gehirn reagiert auf unlogische Sätze mit großer Aufregung. Es sucht instinktiv nach einem Sinn, was man an den starken Ausschlägen auf den Kurvendiagrammen erkennen kann. Auch Wachkoma-Patienten, die äußerlich nichts von ihrer Umwelt mitzubekommen scheinen, reagieren zum Teil mit diesen Schwankungen der Gehirnströme – ein Zeichen dafür, dass das Gehirn auch im Wachkoma mehr wahrnimmt, als man denkt.

Die Forscher untersuchten zunächst, wie die Patienten auf einfache Geräusche wie Klopfen oder Händeklatschen reagierten. Es zeigte sich, dass sich daraus keine Information auf die Heilungschancen ergab. Anders bei den unlogischen Sätzen: Hier fanden sich eindeutige Verbindungen. Von den Patienten, die auf die Nonsens-Sätze reagiert hatten, waren mehr als 80 Prozent später aus dem Wachkoma aufgewacht.

Für die Studie wurden die Daten von 87 Patienten ausgewertet, 15 davon hatten im Wachkoma auf die Nonsens-Sätze reagiert, 14 von diesen 15 wachten später auf. Von den 72 Patienten, die nicht auf diese sinnlosen Sätze reagiert hatten, wachten hingegen nur 16 wieder auf – im Verhältnis also wesentlich weniger. Die Bielefelder Hochschulprofessorin Johanna Kißler, welche die Studie betreut hat, kommentierte: „Wir haben hier einen guten Indikator für die Wahrscheinlichkeit des Aufwachens gefunden. Das ist ein Meilenstein innerhalb der Wachkoma-Forschung.“

 

Auch nach Jahren noch Rückkehr aus dem Wachkoma

Wie die Studienautoren betonen, bedeutet die Reaktion der Patienten nicht, dass sie den Inhalt der Sätze verstanden hätten. Doch das Gehirn scheint auch im Wachkoma zum Teil noch zu einer Art Sprachverarbeitung fähig zu sein. Steppacher erläutert: „Für diese Reaktion müssen gleich mehrere Hirnstrukturen zusammen arbeiten. Wir vermuten, dass darin auch der Schlüssel zum Wiedererwachen liegt: dass das Gehirn zwar im Moment etwa durch einen Verkehrsunfall oder Schlaganfall schwer geschädigt ist, dass bestimmte Bereiche aber weiterhin korrekt arbeiten.“

Die Studie zeigt nach Ansicht von Steppacher auch, dass selbst nach mehreren Jahren eine Chance auf die Rückkehr aus dem Wachkoma besteht: „Wir haben gesehen, dass von den Patienten, die sich erholt haben, fast die Hälfte erst nach drei bis fünf Jahren aufgewacht ist.“

Foto: © Guido Vrola – Fotolia.com

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Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
 

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