. Psychotherapeutische Verfahren

Systemische Psychotherapie: Prüfbericht erschienen

Bisher gehörte die Systemische Psychotherapie nicht zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen. Das könnte sich bald ändern. Denn das IQWiG hat den Nutzen des Verfahrens geprüft und bei einigen Störungen eine Wirksamkeit gefunden.
Wirkt die Systemische Psychotherapie?

Bei der Systemischen Psychotherapie geht es um Beziehungsprozesse

Neben der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie ist die Systemische Psychotherapie eine weitere Therapieform, die bei psychischen Problemen häufig zum Einsatz kommt. Zwar wurde die Systemische Therapie im Jahr 2008 vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) wissenschaftlich anerkannt. Doch um in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen werden zu können, muss auch der Nutzen nachgewiesen sein. Daher wurde das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) nun mit der Untersuchung beauftragt. Es ist das erste Mal, dass das Institut ein Psychotherapieverfahren bewertet. Die vorläufigen Ergebnisse liegen nun vor.

Studienmängel erschwerten die Bewertung

Den Nachweis für den Nutzen eines Psychotherapieverfahrens zu erbringen, ist grundsätzlich nicht einfach. Von den für den aktuellen Bericht analysierten Studien passten zudem viele nicht zur Fragestellung des Berichts. So handelte es sich bei den behandelten Personen häufig nicht um Menschen mit psychischen Erkrankungen, sondern um andere Personengruppen, wie beispielsweise Schwangere, bei denen die Angst vor der Geburt mittels Systemischer Therapie reduziert werden sollte. Zudem waren die meisten Studien recht klein.

Auch Mängel bei der Studiendurchführung machte den Wissenschaftlern ihre Aufgabe schwer. So handelte es sich stets um offene, nicht verblindete Studien, denn bei einer Psychotherapie wissen die Therapeuten natürlich, welche Art der Therapie sie jeweils durchführen. Zudem basieren die Ergebnisse auf subjektiven Einschätzungen der Betroffenen. Trotz dieser zahlreichen Probleme konnten die Wissenschaftler Hinweise auf die Wirksamkeit der Systemischen Therapie finden, und zwar für die Störungsbereiche Angst- und Zwangsstörungen sowie für die Schizophrenie.

Nutzen der Systemischen Therapie bei drei Störungsformen

Allerdings konnte ein Nutzen in diesen Bereichen nur gefunden werden, wenn die Vergleichsgruppen keinerlei Behandlung erfuhren. Gegenüber einer Beratung oder Informationsvermittlung zeigten die Daten bei Angst- und Zwangsstörungen lediglich einen Anhaltspunkt für einen Nutzen; gegenüber einer Psychotherapie schnitt die Systemische Therapie sogar schlechter ab. Bei der Schizophrenie wiederum fehlten für den Vergleich mit anderen psychotherapeutischen Verfahren Daten. Bei den übrigen fünf untersuchten Störungsbereichen (depressive Störungen, Essstörungen, gemischte Störungen, körperliche Erkrankungen, Substanzkonsumstörungen) lieferten die Daten nur Anhaltspunkte, aber keine Hinweise für einen Nutzen der Systemischen Psychotherapie. Bis zum 20. September 2016 können interessierte Personen und Institutionen nun schriftliche Stellungnahmen zum Vorbericht abgeben.

Beziehungsprozesse als Kern von Problemen

Der Kerngedanke der Systemischen Therapie ist die Annahme, dass der Schlüssel zum Verständnis und zur Veränderung von Problemen weniger in der behandelten Person allein liegt, als vielmehr in den sozialen Interaktionen zwischen Familienmitgliedern und anderen Personen. Die Systemische Therapie ist also an Beziehungsprozessen interessiert, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung eines Problems beteiligt sind. Die symptomfördernden Strukturen und dysfunktionalen Lösungsversuche infrage zu stellen und neue, heilsamere Interaktionen zu entwickeln, ist das Ziel der Therapie. Im Idealfall - so die Idee - kann das System so verändert werden, dass das Symptom nicht mehr „notwendig“ ist.

Die Ausprägungen und Techniken der Systemischen Therapie sind sehr vielgestaltig. Häufig werden metaphorische Techniken eingesetzt. Dazu gehört auch die bekannte „Familienaufstellung nach Hellinger“. Dabei werden beispielsweise Familienmitglieder von einer Person so im Raum aufgestellt, dass Position und Haltung der Mitglieder ein Bild ihrer familiären Beziehungen ergeben. In vielen Fachkreisen wird diese Methode zum Teil sehr kritisch gesehen.

Foto: © djama - Fotolia.com

Autor: red
Hauptkategorien: Medizin , Gesundheitspolitik
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Depression , Psychische Krankheiten , Psychopharmaka , Schizophrenie , Therapieverfahren , Verhaltenstherapie

Weitere Nachrichten zum Thema Psychotherapie

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Wer regelmäßig Sport treibt, wird seltener krank und kann den Alterungsprozess in einigen körperlichen Bereichen um zehn Jahre zurückdrehen. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Langzeitstudie „Gesundheit zum Mitmachen“.
Die (hATTR) Amyloidose ist eine seltene Erbkrankheit mit einer geringen Lebenserwartung. Hoffnung macht jetzt ein neues Medikament, das bereits die klinischen Phase III erfolgreich absolviert hat. Die Zulassung könnte schon nächstes Jahr erfolgen.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Kliniken
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.
Kinder suchtkranker Eltern sind besonderen Belastungen ausgesetzt und haben ein hohes Risiko, später selbst eine Sucht oder andere psychische Erkrankungen zu entwickeln. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler über die Situation betroffener Kinder und die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten gesprochen.
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.