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18.04.2021

Suizidrate in der ersten Welle der Pandemie nicht angestiegen

Nach einer neuen Studie ist die Suizidrate während der ersten Welle unverändert geblieben. Doch Psychiater befürchten ein Nachbeben. Denn die Selbsttötungen nehmen meist erst gegen Ende einer Krise zu.
Psychiater befürchten eine Zunahme von Selbsttötungen  – auch wenn in der ersten Welle der Pandemie die Suizidraten stabil geblieben sind

Psychiater befürchten eine Zunahme von Selbsttötungen – auch wenn in der ersten Welle der Pandemie die Suizidraten stabil geblieben sind

Große Krisen wie Kriege, Wirtschaftskrisen oder Pandemien führen in der Regel zu einem Anstieg von Suiziden. Zumindest in der ersten Welle der Corona-Pandemie ist es nicht zu einem solchen Anstieg gekommen. Das berichten jetzt Wissenschaftler der Universität Frankfurt. Für die Studie wurde die Zahl der Selbsttötungen in 21 Ländern – darunter auch Deutschland - zwischen dem 1. April und 31. Juli 2020 untersucht und mit den Trends der vorangegangenen ein bis vier Jahre verglichen. Danach sind die Suizidzahlen in den ersten Monaten der Pandemie weitgehend unverändert geblieben oder teilweise sogar zurückgegangen.

Lang anhaltendes „Nachbeben“ befürchtet

„Die Ergebnisse unserer globalen Studie klingen erst einmal ermutigend“, sagt Studienautor und Psychiater Prof. Andreas Reif, „aber die Langzeitfolgen der Pandemie sind noch nicht absehbar."

So ist aus anderen Krisen wie etwa der Finanzkrise von 2008 oder der Griechenlandkrise bekannt, dass die Suizide meist erst gegen Ende einer Krise stark zunehmen. Das befürchten auch die Psychiater von der Universitätsklinik Frankfurt. „Andere Studien haben gezeigt, dass der Anstieg von Suiziden nach einer wirtschaftlichen Rezession mehrere Jahre anhalten kann. Ähnliche Mechanismen könnten auch bei der COVID-19-Pandemie und ihren Nachbeben eine Rolle spielen“, sagt Reif.

 

Finanzielle Sicherheit wichtig

Es sei darum wichtig, die Entwicklungen im Blick zu behalten und Präventionsmaßnahmen zu ergreifen, etwa psychiatrische Dienste und Suizidpräventionsprogramme auszubauen und vor allem "finanzielle Sicherheitsnetze" bereitzustellen. Solche Maßnahmen könnten die möglichen längerfristigen schädlichen Auswirkungen der Pandemie auf die Suizidrate zu verhindern, sind sich die Autoren sicher.

Für die Studie nutzten die Wissenschaftler Echtzeit-Suiziddaten aus offiziellen Regierungsquellen. 21 Länder und Regionen waren einbezogen – 16 Länder mit hohem Einkommen und fünf Länder mit mittlerem Einkommen. Unter den High-Income-Countries waren neben Deutschland unter anderem Österreich, Niederlande, Polen, USA, Australien, Japan, Südkorea. Zudem wurden Daten aus Russland, Brasilien, Peru, Ecuador und Mexiko analysiert.

Gegenmaßnahmen der Regierungen haben womöglich viele Selbsttötungen verhindert

Einige dieser Länder hatten Schritte unternommen, um finanzielle Einbußen abzufedern oder ihre psychiatrischen Dienste aufgestockt, um die potenziellen Auswirkungen des Lockdowns auf die psychische Gesundheit abzumildern. Aus Sicht der Autoren könnte diese Maßnahmen dazu beigetragen haben, Schlimmeres zu verhindern. Und sie haben noch eine weitere Vermutung: Die Pandemie könnte auch einige Faktoren verstärkt haben, von denen bekannt ist, dass sie vor Suizid schützen. Zum Beispiel die Unterstützung durch die Gemeinschaft, neue Online-Kontaktmöglichkeiten, ein kollektives Wir-Gefühl sowie eine Verringerung des Alltagsstresses für einige Menschen.

Doch mehr als ein Jahr Pandemie hat viele Menschen zermürbt und krank gemacht. Das zeigen unter anderem die psychiatrischen Behandlungszahlen, die bereits angestiegen sind. „Wir müssen auf einen Anstieg der Suizidrate achten“, meint Studienautorin Prof. Jane Pirkis, Direktorin des Centre for Mental Health an der Universität von Melbourne, „insbesondere wenn die ganze Härte der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie deutlich wird.“

Die Ergebnisse der Untersuchung wurden am 13. April 2021 in der Fachzeitschrift „The Lancet Psychiatry“ veröffentlicht.

Foto: © Adobe Stock/Parten

Autor: ham
Hauptkategorien: Corona , Medizin
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