. Schmerztherapie

Suchtpotenzial von Opioiden überschätzt?

Aus Angst vor Abhängigkeit scheuen sich viele Mediziner und Patienten vor dem Einsatz von Opioiden. Studien zeigen jedoch, dass das Suchtpotenzial der Schmerzmittel weniger groß ist als viele denken. Auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag wurde das Thema diskutiert.
Opioide sind in der Schmerztherapie unverzichtbar

Experten raten, Schmerzpatienten nicht die notwendigen Medikamente vorzuenthalten

Dass Opioide bei Tumorschmerzen unverzichtbar sind, darüber ist man sich einig. Doch bei nicht-tumorbedingten Schmerzen wird der Einsatz immer wieder kontrovers diskutiert. Der Grund: Ärzte und Patienten befürchten eine Abhängigkeit von diesen stark wirksamen Schmerzmedikamenten. Beim diesjährigen Deutschen Schmerz- und Palliativtag diskutierten Experten über die Wahrscheinlichkeit einer Opioid-Sucht. Dabei kam man zu dem Ergebnis, dass das Risiko einer Abhängigkeit in der Praxis bedeutend weniger relevant sei als befürchtet. Viel wichtiger sei es, Patienten mit starken Schmerzen wirksame Therapien nicht vorzuenthalten.

Furcht vor Opioiden

„Obwohl sich Opioide weltweit durch Wirksamkeit und Verträglichkeit gegenüber vielen Formen von Schmerzen etabliert haben, besteht eine weit verbreitete Opioidphobie“, so Dr. Johannes Horlemann, Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin mit der Zusatzbezeichnung Spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin in Kevelaer und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS). Konsens bestehe in der Anwendung und Dauertherapie von Opioiden bei Palliativpatienten, jedoch nicht bei der großen Zahl bei Patienten mit nicht-tumorbedingten Schmerzen.

Auch laut Dr. Oliver Emrich, Facharzt für Allgemeinmedizin und Spezielle Schmerztherapie in Ludwigshafen sowie ebenfalls Vizepräsident der DGS, ist die Opioid-Abhängigkeit in Deutschland ein überschätztes Problem. Einig waren sich die Experten auf dem Kongress, dass bei der Verordnung von Opioiden immer die individuellen Kriterien berücksichtigt werden müssen.

Opioid-Sucht seltener als gedacht

In verschiedenen Studien wird das Risiko für eine Opioid-Sucht bei Schmerzpatienten auf etwa drei Prozent geschätzt. Die Rate bei Patienten, die zuvor keine Abhängigkeitsproblematik aufwiesen, liegt Untersuchungen zufolge sogar nur bei 0,19 Prozent.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2008, die im Journal of Pain and Symptom Management veröffentlicht worden war und insgesamt 17 Studien untersucht hatte, kam zu einem noch geringeren Ergebnis: Bei über 2.000 Patienten mit moderaten bis starken nicht-tumorbedingten Schmerzen, die mindestens sechs Monate lang Opioide einnahmen, konnten bei nur 0,4 Prozent Missbrauch festgestellt werden, eine Abhängigkeit sogar nur in einem einzigen Fall (0,05 Prozent). Bekannt ist, dass das Suchtpotenzial bei schnell anflutenden Opioiden höher ist als bei retardierten Zubereitungen oder transdermalen Systemen.

Foto: © Zerbor - Fotolia.com

Autor: red
Hauptkategorie: Medizin

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