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08.09.2017

„Suchtpolitik darf nicht bei den Suchtkranken enden“

Kinder suchtkranker Eltern sind besonderen Belastungen ausgesetzt und haben ein hohes Risiko, später selbst eine Sucht oder andere psychische Erkrankungen zu entwickeln. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler über die Situation betroffener Kinder und die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten gesprochen.
Mortler

Marlene Mortler MdB, Drogenbeauftragte der Bundesregierung

Frau Mortler, Sie haben in diesem Jahr Ihren Schwerpunkt auf die Unterstützung von Kindern aus suchtbelasteten Familien gelegt. Warum?

Mortler: Wenn mich in meiner Zeit als Drogenbeauftragte ein Thema noch mehr berührt hat als andere, dann sind es die Erzählungen von Kindern suchtkranker Eltern, die schon im Grundschulalter ihre noch jüngeren Geschwister versorgen, ihnen die Windeln wechseln, ihnen Essen machen, sie abends ins Bett bringen müssen. Kinder, die ihre eigenen Eltern ersetzen müssen, obwohl sie selbst erst sechs, acht oder zehn waren. Das sind natürlich die extremen Fälle. Und noch mehr erschüttert hat es mich immer wieder, wenn ich gehört habe, dass sich diese Kinder auch noch selbst die Schuld an der Misere geben, in der sie leben. Suchtpolitik darf daher nicht bei den Suchtkranken selbst enden. Wir müssen die gesamte Familie im Blick haben und dringend mehr machen, um die Situation von Kindern suchtkranker Eltern zu verbessern!

Von wie vielen betroffenen Kindern sprechen wir hier?

Mortler: Etwa drei Millionen Kinder haben in Deutschland einen suchtkranken Elternteil, etwa 2,65 Millionen von ihnen einen alkoholabhängigen. Insgesamt geht es also um jedes fünfte oder sechste Kind in Deutschland.

Welchen besonderen Belastungen sind diese Kinder im Alltag ausgesetzt?

Mortler: Natürlich wollen auch die meisten suchtkranken Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Doch ist es für sie schwierig, ein stabiles, verlässliches und sicheres Umfeld zu schaffen, wie es Kinder für ein gesundes Aufwachsen brauchen. Denn es ist ja die Sucht, die zu Hause das Sagen hat. Deswegen werden die Kinder immer wieder enttäuscht. Oft sind sie viel zu früh auf sich allein gestellt und mit dem eigenen Leben deshalb chronisch überfordert. Hinzu kommt das Zusammenspiel mit der Außenwelt. Viele betroffene Kinder tun alles, um ihre Situation geheim zu halten. Auch das ist unglaublich anstrengend. Und wenn die Geheimnistuerei einmal nicht glückt, was einerseits gut ist, weil nur so Unterstützung möglich ist, droht von anderer Seite Stigmatisierung: Was hast Du denn für Eltern? Deshalb sind die Zahlen wirklich nicht gut: Ein Drittel der betroffenen Kinder wird am Ende selbst suchtkrank und ein weiteres Drittel entwickelt andere psychische Störungen. So darf es nicht bleiben!

Und was kann man dagegen tun?

Mortler: Eines der Hauptprobleme ist ja, dass viele Kinder suchtkranker Eltern auf eine erschreckende Weise allein sind. Wir wissen, wie sehr es ihnen helfen kann, verlässliche Ansprechpartner außerhalb ihrer Kernfamilie zu gewinnen, die ihnen zuhören, die einfach für sie da sind. Es geht gar nicht immer darum, viel zu tun. Schon eine zugewandte, offene Haltung von Lehrern oder Nachbarn diesen Kindern gegenüber kann unglaublich viel verändern. Deshalb sind auch Kinderpatenprogramme wie „Vergiss mich nicht“ in Berlin so wertvoll. Zum Glück gibt es heute aber auch verschiedene andere ausgezeichnete Unterstützungsangebote für Kinder suchtkranker Eltern, von der kurzfristigen Intervention bis zu langfristig ausgelegten Gruppenangeboten. Vereinzelt gibt es auch Unterstützung für die Eltern beim Elternsein – ein Thema, das mich sehr interessiert. Meines Erachtens muss da allerdings noch viel mehr geschehen. Wenn ich mir die Zahlen so anschaue, kann ich eigentlich nicht nachvollziehen, warum entsprechende Angebote nicht Bestandteil so ziemlich jeder stationären Suchttherapie sind, schon weil ein drogenfreies Leben in der Regel viel besser gelingt, wenn ich weiß, warum ich das mache – nämlich für meine Kinder.

Welche Zugangswege zu den Kindern haben sich besonders bewährt?

Mortler: Ein Zugangsweg, der sich bewährt hat, sind die sogenannten Frühen Hilfen in den Kommunen. Sie haben Zugang zu Eltern mit kleinen Kindern zwischen null und drei Jahren. Noch kein vergleichbares System gibt es für die Kinder ab drei Jahren. Wenn diese Hilfe erhalten, dann oft – das muss man so offen sagen – durch Zufall. Auch bei der Suchthilfe sind vielfach nur die suchtkranken Eltern im Fokus, aber nicht deren Kinder. All das müssen wir ändern. Auf Suchtkongressen fordere ich immer wieder, im Rahmen der Suchthilfe sofort nach Kindern zu fragen.

Das heißt also, es gibt noch viel zu tun. Welche Pläne gibt es zurzeit?

Mortler: Ich habe zum Beispiel gerade Plakate an alle deutschen Grundschulen verschickt, um die Lehrer für die versteckten Hilferufe von Kindern suchtkranker Eltern zu sensibilisieren. Und damit auch Jugendliche leichter an Informationen und Hilfe kommen können, fördern wir den Ausbau des Online-Portals von Kidkit. Das kann man schon jetzt jedem betroffenen Jugendlichen nur empfehlen. In Zukunft sollen alle die Chance haben, direkt Kontakt mit der nächsten Beratungsstelle aufzunehmen.

Was sind die Hauptprobleme bei der Unterstützung der Kinder?

Mortler: Sucht ist ja das am besten gehütete Familiengeheimnis. Die Kinder zu erreichen bzw. zu entdecken, ist daher eine der zentralen Herausforderungen überhaupt. Hier ist große Sensibilität von Lehrern und Erziehern gefordert. Selbst ältere Kinder sprechen nicht gerne über ihre Situation. Zunächst muss man die betroffenen Kinder also erkennen. Das ist Schritt eins. Wenn ein unterstützungsbedürftiges Kind erkannt wurde, muss natürlich auch etwas geschehen. Wünschenswert wäre, wenn überall geeignete Angebote bestünden, um Kinder zu stärken, widerstandsfähiger zu machen. Programme wie Fitkids aus Wesel oder Schulterschluss in Baden-Württemberg und Bayern arbeiten daran, die Kluft zwischen Sucht- und Jugendhilfe zu überwinden – das muss einfach Hand in Hand gehen. Häufig scheitert Hilfe aber nicht einmal daran, dass es keine Angebote gibt, sondern dass sich niemand so recht auskennt.

Was können denn Freunde, Nachbarn, Verwandte und Pädagogen konkret tun, wenn sie erfahren, dass ein Kind in seiner Familie mit dem Thema Sucht konfrontiert ist?

Mortler: Sie können schlichtweg da sein. Zuzuhören, sich ernsthaft für die Lage des betroffenen Kindes zu interessieren, ist häufig erst einmal das Allerwichtigste. Es ist aber auch wichtig, dass diejenigen, die helfen wollen, wissen, wo sie selbst Unterstützung finden. Daher wünsche ich mir, dass die Jugendämter eine Person benennen, die in solchen Fällen Ansprechpartner ist, der beraten und Hilfe vermitteln kann – ich spreche immer von einem Lotsen. Was nicht passieren darf, ist, dass Lehrer, Freunde und Nachbarn lieber wegschauen, weil sie Angst haben, eine zu große Aufgabe zu übernehmen und damit allein gelassen zu werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Hauptkategorie: Medizin
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