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Suchtexpertin: „Einsamkeit lässt sich nicht wegtrinken“

Donnerstag, 27. Januar 2022 – Autor:
Die Pandemie hat mehr Menschen denn je einsam gemacht. Viele greifen zum Alkohol, doch Trinken verschlimmert das Problem. Eine Suchtexpertin erklärt die toxische Beziehung zwischen Einsamkeit und Sucht.
Das Gefühl der Einsamkeit lässt sich kaum willentlich beeinflussen. Man muss aktiv dagegen angehen

Das Gefühl der Einsamkeit lässt sich kaum willentlich beeinflussen. Man muss aktiv dagegen angehen, nur nicht mit Alkohol! – Foto: © Adobe Stock/ zinkevych

Die Corona-Pandemie hat die Zahl der Menschen, die sich einsam fühlen, deutlich ansteigen lassen. Die EU-Kommission veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Studie, wonach sich der Anteil der Befragten, die sich einsam fühlen, mit dem Ausbruch der Pandemie verdoppelt hat. In den ersten Monaten der Pandemie gaben demzufolge 25 Prozent der befragten EU- Bürger an, sich einsam zu fühlen. 2012 lag der Wert noch bei 12 Prozent.

Einsamkeit macht krank

Psychiater sagen, dass Einsamkeit einer der größte Risikofaktoren für psychische und körperliche Krankheiten ist, dass einsame Menschen früher sterben. Sie registrieren auch, dass in  der Gemengelage aus pandemiebedingter Einsamkeit und Stress immer mehr Menschen zum Alkohol greifen. Doch das verschlimmert das Problem

Das Gefühl der Einsamkeit ist genau wie alle anderen Gefühle in einer Region des Gehirns verankert, die nur bedingt vom eigenen Willen beeinflusst werden könne. Dies ist evolutionär für das Überleben wichtig gewesen. Doch diese „Urgewalt“ erschwert es uns, die Wahrnehmung der Dinge willentlich zu steuern.

„Um Gefühle ins Positive zu verkehren, braucht es mehr als nur den Wunsch dazu", erklärt Dr. Reingard Herbst, Chefärztin der NESCURE Privatklinik am See. Vielmehr brauche es „neue Ziele, Ideen, Visionen vom neuen, anderen Leben und dafür wiederum die Botenstoffe, die Antrieb, Aufbruch und positives Denken und Handeln unterstützen.“

 

Glückshormone lassen sich durchaus aktivieren

Dopamin ist so ein Stoff oder Endorphine und Serotonin, die umgangssprachlich als Glückshormone bezeichnet werden. „Allesamt sind sie nicht einfach abrufbar“, sagt die Ärztin. Eine ausgewogene Ernährung, die die Bausteine für die Botenstoffe mitbringt, könne unterstützend wirken. Dazu gehörten zum Beispiel Lebensmittel wie Milch, Lachs, Käse oder Sonnenblumenkerne. „Zudem lassen sich die Botenstoffe durch Aktivität, kleine Freuden, gute soziale Kontakte und zugewandte Menschen hervorlocken", führt die Expertin weiter aus.

Alkohol verstärkt Botenstoffmangel

Den umgekehrten Effekt haben Suchtmittel wie Alkohol. Sie können zwar das Gefühl der Einsamkeit vorübergehend ausblenden, erzeugen jedoch eine Verstärkung des Botenstoffmangels, der letztlich das Gefühl von Einsamkeit weiter intensiviert. „Betroffene entwickeln eine Abhängigkeit vom Suchtmittel, eine Beziehung dazu und an die Stelle einer Person, die der Einsamkeit entgegenwirken könnte, tritt schlimmstenfalls nun der Suchtstoff. Es entsteht so etwas wie eine echte Zuwendung zum Objekt Alkohol oder anderen Stoffen - eine schwer zu lösende Bindung", betont Herbst.

Alleinsein ist etwas anderes als Einsamkeit

Wer alleine ist, ist nicht unbedingt einsam. Manche Menschen schöpfen sogar Kraft aus dem Alleinsein und sind gerne für sich. Das Gefühl der Einsamkeit ist etwas ganz anderes. Es entsteht zwar meist durchs Alleinsein, aber man kann sich auch einsam unter Menschen fühlen.

„Einsamkeit lässt sich nicht wegtrinken, sondern nur wegagieren", betont die Suchtexpertin. In Kombination mit einer Depression sei Einsamkeit oftmals nicht aus eigener Kraft zu bewältigen. Dann sollte man sich fachliche Hilfe holen, rät Herbst.  Schön wäre parallel auch die Hilfe von Mitmenschen.

Hauptkategorien: Corona , Medizin
 

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