. Covid-19-Pandemie

Studie: Hohe Luftverschmutzung – mehr Corona-Tote

Erstmals seit der Ausbreitung des Coronavirus über den Globus haben Wissenschaftler Satellitendaten zur Luftverschmutzung mit bestätigten Covid-19-Todesfällen kombiniert. Eine Studie der Universität Halle-Wittenberg legt zwischen beiden einen Zusammenhang nahe: In Regionen mit dauerhaft hoher Schadstoffbelastung ist demnach auch die Zahl der Corona-Toten höher.
Satellitenbild Luftverschmutzung Stickstoffdioxid Norditalien

Ein Blick aus 824 km Höhe auf Europa zeigt: In Norditalien ist die Stickstoffdioxid-Konzentration in der Luft besonders hoch.

Warum ausgerechnet Italien? Die Europäer und auch die Wissenschaft rätselten bisher darüber, warum Italien von der Covid-19-Pandemie mit solcher Wucht getroffen wurde. Ende Februar verbreitete sich das Virus vor allem im Norden des Landes rasend schnell und machte Italien zum Land mit den weltweit meisten Coronavirus-Toten. Manche vermuteten schon, die starke chinesische Community dort hätte das Virus eingeschleppt. Dabei gibt es keine belastbaren Hinweise darauf, dass der Ausbruch der Pandemie in Italien mit der chinesischen Gemeinde dort statistisch in irgendeiner Verbindung stünde. Der erste Tote in Italien wurde am 21. Februar in der Gemeinde Vo' Euganeo in Venetien registriert. Auf Druck des Regionalpräsidenten von der rechtspopulistischen Partei „Lega"  wurden daraufhin alle acht Chinesen im Ort auf das Coronavirus getestet. Alle Tests verliefen „negativ“.

Coronavirus und Luftschadstoffe: Beide greifen die Atemwege an

Zu den ersten Universitäten, die sich um rationale Erklärungsansätze für das Phänomen Italien bemüht haben, gehört die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). In einer neuen Studie der MLU wurde die Frage untersucht, ob bei einer Häufung von schwereren Covid-19-Verläufen und Todesfällen in bestimmten Regionen die dortige Luftverschmutzung eine Rolle spielen könnte – und insbesondere das Stickstoffdioxid.

Dieses giftige, stechend chlorähnlich riechende Gas ist ein Schadstoff in der Luft, der die Atemwege des Menschen schädigt. Seit vielen Jahren ist bekannt, dass er beim Menschen zahlreiche Atemwegserkrankungen oder auch Herz-Kreislaufbeschwerden begünstigen kann. „Da das neuartige Coronavirus ebenfalls die Atemwege befällt, liegt die Vermutung nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen der Luftverschmutzung und den Todeszahlen bei Covid-19 geben könnte", sagt Yaron Ogen vom Institut für Geowissenschaften und Geographie der MLU. Bislang fehlte es hierfür aber an belastbaren Zahlen.

 

Satellitenbilder: Weltweite Hotspots für starke Luftverschmutzung

In seiner neuen Studie, deren Ergebnisse im Fachjournal „Science of the Total Environment" veröffentlicht wurden, kombinierte der Geowissenschaftler drei Datensätze miteinander: Die Messungen zur regionalen Belastung mit Stickstoffdioxid stammen von dem Satelliten Sentinel 5P der Europäischen Weltraumbehörde ESA, der die Luftverschmutzung der Erde kontinuierlich überwacht. Anhand dieser Daten erstellte er eine globale Übersicht für Regionen mit einer hohen und langanhaltenden Stickstoffdioxid-Belastung. „Ich habe mir die Werte für Januar und Februar dieses Jahres angeschaut, bevor die Corona-Ausbrüche in Europa begonnen haben", so Ogen weiter. Diese Daten kombinierte er mit den Angaben der US-Wetterbehörde NOAA zu den vertikalen Luftströmen. Die Idee dahinter: Ist die Luft in Bewegung, werden auch die bodennahen Schadstoffe stärker verteilt. Bleibt die Luft jedoch eher am Boden, gilt das auch für die darin enthaltenen Schadstoffe: Sie können dann eher vom Menschen eingeatmet werden und zu gesundheitlichen Problemen führen. Mit Hilfe dieser Daten konnte der Forscher weltweit Hotspots mit einer hohen Luftverschmutzung und gleichzeitig einer geringen Luftbewegung ausmachen.

Wuhan und Norditalien: Umtriebige Wirtschaft, hohe Berge außenrum

Diese Hotspots verglich der Wissenschaftler dann mit den Angaben zu Todesfällen in Zusammenhang mit Covid-19. Speziell analysierte er die Angaben aus Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland. Dabei stellte sich heraus, dass vor allem die Regionen eine hohe Todeszahl aufweisen, in denen sowohl die Belastung mit Stickstoffdioxid besonders hoch als auch der vertikale Luftaustausch besonders gering sind. "Wenn wir uns beispielsweise Norditalien, den Großraum Madrid oder die Provinz Wuhan in China anschauen, sehen wir eine Besonderheit: Sie alle sind umgeben von Bergen. Das macht es noch einmal wahrscheinlicher, dass die Luft in diesen Regionen stabil und die Belastung mit Schadstoffen höher ist", sagt Ogen weiter.

Die Analyse vergleicht nicht Länder miteinander, sondern Regionen. Durchschnittswerte für ganze Länder könnten darüber hinwegtäuschen, dass die Luftverschmutzung von Region zu Region sehr unterschiedlich ausfallen kann. Deshalb seien diese kein verlässlicher Indikator.

These: Luftverschmutzung greift Grundgesundheit an

Der Geowissenschaftler vermutet, dass diese langanhaltende Luftverschmutzung in den betroffenen Regionen insgesamt zu einem schlechteren Gesundheitszustand der Menschen geführt haben könnte und dass diese deshalb besonders anfällig für das Virus sind. „Meine Arbeit zu dem Thema ist aber nur ein erster Hinweis, dass es offenbar einen Zusammenhang zwischen dem Grad der Luftverschmutzung, der Luftbewegung und der Schwere des Verlaufs von Corona-Ausbrüchen gibt", sagt Ogen. Dieser Zusammenhang müsste nun für weitere Regionen untersucht und in einen größeren Kontext gesetzt werden.

Stickstoffdioxid: Grenzwerte in 35 deutschen Städten überschritten

Nach Berechnungen des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Universitätsmedizin Mainz verkürzt Luftverschmutzung die Lebenserwartung weltweit um drei Jahre. Abgase stehen im Ruf, auch jenseits der Atemwege für schwere Erkrankungen zu sorgen – für Herzerkrankungen etwa oder Diabetes.

Für Stickstoffdioxid gilt in der EU ein Jahresgrenzwert von 40 μg/m³. Das deckt sich mit der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dieser Wert wurde beispielsweise im Jahr 2018 von mindestens 35 deutschen Städten überschritten, darunter auch Berlin. Der höchsten Jahresmittelwerte wurden in Stuttgart und München gemessen.
Foto: Science of The Total Environment/ESA

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Hauptkategorien: Medizin , Corona
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