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04.06.2020

Studie belegt häusliche Gewalt während Lockdown mit Zahlen

Die Kontaktbeschränkungen im März und April haben zu häuslicher Gewalt geführt. Inwieweit Frauen und Kinder zum Opfer wurden, haben Wissenschaftler der TU München in 3.800 online-Interviews erfragt. Die Studie liefert nun belastbare Zahlen für Deutschland.
Rund 3 Prozent der Frauen in Deutschland wurden in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen zu Hause Opfer körperlicher Gewalt

Rund 3 Prozent der Frauen in Deutschland wurden in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen zu Hause Opfer körperlicher Gewalt

Die Kontaktbeschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie haben Familien und Paare vor eine besondere Herausforderung gestellt. Schnell kam die Sorge auf, häusliche Gewalt gegen Kinder und Frauen könne zunehmen. Da nicht alle Opfer Anzeige erstatten oder Hilfsangebote nutzen, blieb die tatsächliche Dimension jedoch im Dunkeln.

Wissenschaftler der TU München haben darum eine online-Befragung von 3.800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren durchgeführt. Die Frauen wurden zwischen 22. April und 8. Mai nach dem vorangegangenen Monat gefragt, also der Zeit der strengsten Kontaktbeschränkungen.

Die Ergebnisse im Einzelnen

Körperliche Gewalt gegen Frauen: 3,1 Prozent der Frauen erlebten zu Hause mindestens eine körperliche Auseinandersetzung, zum Beispiel Schläge.

Körperliche Gewalt gegen Kinder: In 6,5 Prozent der Haushalte wurden Kinder körperlich bestraft.

Sexuelle Gewalt: 3,6 Prozent der Frauen wurden von ihrem Partner zum Geschlechtsverkehr gezwungen, also vergewaltigt

Emotionale Gewalt: 3,8 Prozent der Frauen fühlten sich von ihrem Partner bedroht. 2,2 Prozent duften ihr Haus nicht ohne seine Erlaubnis verlassen. In 4,6 Prozent der Fälle regulierte der Partner Kontakte der Frauen mit anderen Personen, auch digitale Kontakte, zum Beispiel über Messenger-Dienste.

 

Finanzielle Sorgen und Verlust von Arbeit triggern Gewalt

In bestimmten Situationen kam es noch häufiger zu Gewalt gegen Frauen und Kindern.

So stieg die Zahl der Opfer, wenn

sich die Befragten zu Hause in Quarantäne befanden (körperliche Gewalt gegen Frauen: 7,5 %, körperliche Gewalt gegen Kinder: 10,5 %).

die Familie akute finanzielle Sorgen hatte (körperliche Gewalt gegen Frauen: 8,4 %, körperliche Gewalt gegen Kinder: 9,8 %).

einer der Partner aufgrund der Pandemie in Kurzarbeit war oder arbeitslos wurde (körperliche Gewalt gegen Frauen: 5,6%, körperliche Gewalt gegen Kinder: 9,3 %).

einer der Partner Angst oder Depressionen hatte (körperliche Gewalt gegen Frauen: 9,7 %, körperliche Gewalt gegen Kinder: 14,3 %).

sie in Haushalten mit Kindern unter 10 Jahren lebten (körperliche Gewalt gegen Frauen: 6,3 %, körperliche Gewalt gegen Kinder: 9,2 %).

Hilfsangebote kaum genutzt

Die Studie zeigt außerdem, dass nur ein sehr kleiner Teil der betroffenen Frauen Hilfsangebote kannte und nutzte. Am häufigsten wurde das Elterntelefon angerufen (21,5 %). Die Telefonseelsorge wurde dagegen nur von 3,9 Prozent genutzt, das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ von 2,7 Prozent und das „Codewort Maske 19“ von nur 1,8 Prozent. Dieses Codewort kann in Apotheken genannt werden, damit die Apotheker die Behörden verständigen.

Angesichts der Studienergebnisse empfehlen die Studienautorinnen um Janina Steinert für eine mögliche zweite Corona-Welle, mehr Notbetreuungen für Kinder und niedrigschwellige psychologische Hilfsangebote zu schaffen. Außerdem müssten die bestehenden Hilfsangebote bekannter gemacht werden, „zum Beispiel durch große Plakate in Supermärkten und Apotheken sowie durch Onlineanzeigen.“

Ob die Gewalt gegen Frauen und Kinder durch die Corona-Pandemie zugenommen hat, beantwortet die Studie nicht. Es liegen keine vergleichbaren Befragungen vor, die sich auf einen so kurzen Zeitraum beziehen. Die Studie ist hinsichtlich Alter, Bildungsstand, Einkommen, Haushaltsgröße und Wohnort repräsentativ für Deutschland.

Foto: © Adobe Stock/Vadim Guzvha

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Corona , Medizin
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