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Straßenbäume wirken antidepressiv

Straßenbäume im direkten Lebensumfeld können das Risiko für Depressionen bei der Stadtbevölkerung reduzieren. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Die Pflanzung von Straßenbäumen in städtischen Wohngebieten sei „eine effektive und preiswerte naturbasierte Lösung, um psychische Krankheiten zu bekämpfen“. Und: um das Leben in Städten im Klimawandel erträglich zu halten.
Straßenbäume - blühende Kirschen.

Die Zahl der Menschen mit Depressionen nimmt zu, vor allem in Städten und Ballungsgebieten. Nach Angaben der Deutschen Depressionshilfe leiden inzwischen acht Prozent der Deutschen an dieser seelischen Erkrankung – 5,3 Millionen Menschen. Die COVID-19-Pandemie verstärkt dieses Problem noch. Eine Studie von vier deutschen Instituten und Universitäten unter Federführung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig zeigt jetzt: Straßenbäume wirken messbar antidepressiv auf Stadtbewohner.

Objektive Messung des Zusammenhangs Stadtgrün-Depressionen

Einen starken Einfluss auf das seelische Wohnbefinden hat das direkte Lebensumfeld. Aus früheren Studien weiß man, dass Stadtgrün sich in diesem Zusammenhang positiv auswirkt. Nur basierten diese Erkenntnisse meist auf die Selbsteinschätzung von Befragten. Ein interdisziplinäres Team von deutschen Umweltforschern unter Führung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig hat für dieses Problem eine Lösung gefunden und einen objektiven Indikator genutzt: Die Zahl der Verschreibungen von Antidepressiva.
Um herauszufinden, ob zwischen dem Begrünungsgrad von Städten und der psychischen Gesundheit der Bewohner ein positiver Zusammenhang besteht, wählten die Forscher ein in europäischen Städten sehr typisches Element der Stadtnatur: Straßenbäume. Dabei konzentrierten sie sich auf die Frage, wie sich die Anzahl und Art der Bäume und ihre Nähe zum Wohnort zur Anzahl der verschriebenen Antidepressiva verhielt.

 

Forschungsschauplatz: die Stadt Leipzig

Und so gingen die konkret vor: Sie nutzten schon vorhandene Daten von fast 10.000 erwachsenen Einwohnern der Stadt Leipzig, die an der LIFE-Gesundheitsstudie der Medizinischen Fakultät der dortigen Universität teilgenommen hatten, und setzten sie mit räumlich genauen Daten zu Straßenbäumen der Stadt Leipzig in Beziehung. So konnten die Forscher den Zusammenhang zwischen Antidepressiva-Verordnungen und der Anzahl der Straßenbäume in unterschiedlichen Entfernungen von den Wohnorten der Menschen ermitteln.

„Einfache, naturnahe Lösung für gute psychische Gesundheit“

Das Ergebnis der Analyse: Befinden sich in der unmittelbaren Umgebung eines Hauses (unter 100 Meter Entfernung) mehr Bäume, ist unter den Bewohnern die Zahl derjenigen geringer, die Antidepressiva verschrieben bekamen. „Straßenbäume in Städten könnten also als einfache naturnahe Lösung für eine gute psychische Gesundheit dienen“, schreiben die Forscher. „Die verschiedenen Baumarten scheinen dabei keine signifikante Rolle zu spielen.“

Zahl der Straßenbäume leicht zu erhöhen

Der beobachtete Zusammenhang war der Studie zufolge besonders klar für sozial benachteiligte Gruppen festzustellen, die in Deutschland als am gefährdetsten gelten, an Depressionen zu erkranken. „Unser Ergebnis deutet darauf hin, dass Straßenbäume dazu beitragen können, die Lücke der gesundheitlichen Ungleichheit zu schließen“, sagt Melissa Marselle, Umweltpsychologin und Hauptautorin der Studie. „Das ist eine gute Nachricht, da Straßenbäume relativ leicht zugänglich sind, und ihre Zahl ohne großen planerischen Aufwand erhöht werden kann.“

Der Baum vorm Fenster ist wichtiger als der im Park

Insgesamt vier Umweltforschungsstellen waren an der Studie beteiligt. Neben dem Zentrum für Biodiversitätsforschung waren dies das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und die Universitäten Leipzig und Jena. Kritisch sehen die Forscher, dass die meisten Planungsrichtlinien von Städten sich nur auf Grünanlagen wie Parks beschränkten, also Naherholungsräume, die extra aufgesucht werden müssten.  „Unsere Studie zeigt aber, dass die alltägliche Natur in der Nähe des Hauses – die Artenvielfalt, die man beim Blick aus dem Fenster sieht oder wenn man zu Fuß oder mit dem Auto zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen geht – genauso wichtig für die psychische Gesundheit ist“, sagt Diana Bowler, Datenexpertin im Forscherteam. Diese Erkenntnis sei gerade jetzt in Zeiten der Corona-Lockdowns von besonderer Bedeutung.

Straßenbäume: Gut auch für die körperliche Gesundheit

Nicht nur für die psychische – auch für die physische Gesundheit von Stadtbewohnern haben Gewächse in der Stadt eine Bedeutung. So gelten Straßenbäume auch als effektives Mittel, um in Zeiten der Erderwärmung und immer heißerer Sommer das Leben in Städten und Ballungsräumen erträglich zu halten. Allein im Großraum Berlin beträgt die Temperaturdifferenz zwischen dem dicht bebauten Stadtzentrum und der ländlichen Umland im Schnitt 12 Grad, teilte das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig mit.

 

Foto: AdobeStock/ArTo

Autor: zdr
Hauptkategorie: Umwelt und Ernährung
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