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Standardisierte Abläufe beugen Schlaganfall-Schäden vor

Beim akuten Schlaganfall zählt jede Minute. Durch straff organisierte Abläufe konnte die Universitätsmedizin Göttingen nun 53 Minuten bis zum Behandlungsbeginn einsparen. Das Ergebnis sind weniger Folgeschäden.
Klare Aufgabenverteilung, standardisierte Abläufe: Am Universitätsklinikum Göttingen wurden 53 Minuten in der Erstversorgung von Schlaganfallpatienten eingespart

Klare Aufgabenverteilung, standardisierte Abläufe: Am Universitätsklinikum Göttingen wurden 53 Minuten in der Erstversorgung von Schlaganfallpatienten eingespart

Jedes Jahr werden in Deutschland rund 270.000 Menschen von einem Schlaganfall getroffen. Von den ersten Symptomen wie Lähmungserscheinungen, Kopfschmerzen Schwindel bis zur Therapie vergeht oft sehr viel Zeit. Zu viel Zeit wie Daten zeigen: Denn nur ein Drittel der Betroffenen kommt ungeschoren davon. Zwei Drittel haben hingegen lebenslang mit den Folgen zu kämpfen, etwa ein Teil verstirbt daran.

Schlaganfallforscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben nun ein Konzept entwickelt, wie sich zumindest in der Klinik wertvolle Zeit einsparen lässt. Denn auch hier vergehen oft wertvolle Minuten bis hin zu Stunden, bis die Therapie beginnen kann. Wenn aber jeder Handgriff sitzt und das Personal einem standardisierten Ablaufplan folgt, können immerhin 53 Minuten eingespart werden, so das Ergebnis der nun in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichten Studie.

53 Minuten eingespart

„Durch Standardisierung der Abläufe und strukturierte Zusammenarbeit zwischen den einzelnen an der Schlaganfallbehandlung beteiligten Kliniken konnte an der UMG die Zeit bis zur Behandlung deutlich verkürzt werden“, sagt Erstautorin Dr. Katharina Schregel vom Institut für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie am UMG, nämlich im Schnitt um 53 Minuten. „Dadurch konnte der Behinderungsgrad von Schlaganfallpatienten erheblich reduziert werden.

Die Anzahl der Patienten, die nach einer endovaskulären Behandlung wieder völlig beschwerdefrei sind, konnte laut den Forschern von 1,5 Prozent vor Einführung des Ablaufplanes auf 9,1 Prozent angehoben werden. Gleichzeitig ist die Anzahl der dauerhaft sehr schwer betroffenen Patienten von 44,3 Prozent auf 36,4 Prozent gesunken.

 

Jeder Handgriff ist standardisiert

Das Erfolgsrezept basiert auf einer perfekten Organisation. Innerhalb des Göttinger Schlaganfall-Ablaufplans sind die Aufgaben der einzelnen Ärztinnen und Ärzte sehr genau definiert. Sobald ein Patient mit Schlaganfallsymptomen in der Notaufnahme eintrifft, wird er unmittelbar von einem Neurologen untersucht und anschließend von ihm persönlich zum CT/MRT begleitet. Finden die Radiologen auf den Schnittbildern einen Gefäßverschluss, erfolgt unmittelbar danach die Lysetherapie, wenn das Zeitfenster von 4,5 Stunden nicht überschritten wurde und sonst keine Gegenanzeigen vorliegen. Bei sehr großen Verschlüssen, die sich durch das Medikament nicht auflösen lassen, erfolgt sofort der Transport in das Katheterlabor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie. Dort wird die mechanische kathetergestützte Gefäß-Wiedereröffnung durchgeführt, die sogenannte Thrombektomie. Alle Patienten werden anschließend zur engmaschigen Überwachung und Diagnostik von möglichen Ursachen des Schlaganfalls auf die neurologische Intensivstation bzw. zertifizierten Stroke Unit aufgenommen.

„Jeder, in der Schlaganfalltherapie beteiligte Mitarbeiter der UMG, sei es technisches und Pflegepersonal, Assistenzärzte, Oberärzte oder Klinikleiter, hat eine wichtige Rolle in diesem Prozess“, sagt PD Dr. Mario Psychogios. Leiter der AG „Klinische Schlaganfallforschung“ am UMG. Aktuell arbeitet sein Team daran, die Zeit zwischen Einlieferung und Behandlung noch weiter zu verkürzen und die Arbeitsabläufe weiter zu optimieren. „Erste Ergebnisse zeigen, dass die Diagnosestellung direkt im Katheterlabor mit Hilfe von Schnittbildern über die Angiographie-Anlage erfolgen kann, die auch zur weiteren Behandlung genutzt wird“, erzählt  Psychogios. „Dadurch können in Zukunft weitere Minuten gespart werden, die bislang für den Transport und die initiale Diagnosestellung in der konventionellen CT oder MRT benötigt werden.“

Foto: © Kzenon - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorien: Medizin , Gesundheitspolitik
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