Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
08.10.2018

Sexuelle Belästigungen im Gesundheitswesen häufig

Mitarbeiter der Charité wurden befragt, ob sie schon einmal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren haben. Das Ergebnis: 70 Prozent der Teilnehmer gaben an, schon einmal Opfer solcher Grenzüberschreitungen geworden zu sein. Am häufigsten sind dabei verbale Belästigungen.
sexuelle Belästigung

Anzügliche Sprüche und unerwünschter Körperkontakt: Sexuelle Belästigungen kommen weitaus häufiger vor, als die meisten Menschen denken

Studien haben bereits Hinweise darauf geliefert, dass es im medizinischen Bereich ein erhöhtes Risiko für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gibt. Allerdings lagen bislang keine Daten für die Häufigkeit von Grenzverletzungen im klinischen Alltag in Deutschland vor. Wissenschaftlerinnen der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben nun Daten über sexuelle Grenzverletzungen bei Frauen und Männern im klinischen Alltag erhoben. Die Ergebnisse der Studie „Watch – Protect – Prevent“ (WPP) wurden nun in der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine veröffentlicht. Für die Studie waren 743 Ärztinnen und Ärzte der Charité von Mai bis Juli 2015 online und anonym befragt worden. 

In der Umfrage ging es um Erfahrungen während des gesamten Berufslebens, also auch vor der Tätigkeit der Befragten an der Charité. Erhoben wurden zudem die Folgen der sexuellen Belästigung, die Profile der Verursacher sowie die Verfügbarkeit von strukturellen und organisationalen Informationen. 60 Prozent der Teilnehmenden waren weiblich, 39 Prozent männlich und ein Prozent hatte eine andere Geschlechtsidentität angegeben.

Verbale Belästigungen am häufigsten

70 Prozent der Befragten gaben an, im Laufe ihres gesamten Arbeitslebens eine Form der sexuellen Belästigung erfahren zu haben. Bei den befragten Frauen waren rund 76 Prozent betroffen, bei den Männern 62 Prozent. Es zeigt sich, dass verbale Belästigungen die häufigste Form von Grenzverletzungen am Arbeitsplatz sind. Dazu gehört eine abwertende Sprache (63 Prozent) sowie anzügliche Sprüche (25 Prozent).

Weiterhin haben die Befragten angegeben, Grenzverletzungen durch unerwünschten Körperkontakt (17 Prozent), Erzählungen mit sexuellem Inhalt (15 Prozent) sowie Nachpfeifen und Anstarren (13 Prozent) erlebt zu haben. Andere Formen von Fehlverhalten wurden wie folgt angegeben: sexuelle Angebote und unerwünschte Einladungen (7 Prozent), Belästigungen in schriftlicher Form, Bildern oder Witzen (6 Prozent), obszöne Gesten (5 Prozent). Die Betroffenen wurden am häufigsten von Kolleginnen und Kollegen belästigt. Bei Frauen spielten zudem männliche Vorgesetzte eine zentrale Rolle.

 

Grenzverletzungen im medizinischen Bereich keine Seltenheit

„Auch, wenn die Anzahl der empfundenen Belästigungen hoch und jeder einzelne Fall zu viel ist, haben uns diese Zahlen wenig überrascht. Internationale Studien deuteten bereits darauf hin, dass Grenzverletzungen im medizinischen Arbeitsumfeld aufgrund der speziellen Arbeitsbedingungen eine Sonderstellung einnehmen: Hier arbeiten Menschen sehr vertrauensvoll zusammen und haben berufsbedingt einen engen Kontakt zu Patientinnen und Patienten“, erklärt Sabine Jenner, dezentrale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an der Charité und Studienbeteiligte. „Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir das Thema offen kommunizieren und alle Beschäftigten der Charité für unsere Maßnahmen zum Schutz vor Belästigungen am Arbeitsplatz sensibilisieren.“

Beratungs- und Hilfsangebote sollen Betroffene unterstützen

„Wir als Vorstand der Charité tolerieren keine Form von sexueller Belästigung und vergleichbaren Grenzverletzungen – ob in der Klinik, im Institut, im Seminarraum oder im Verwaltungsbereich“, erklärt Prof. Dr. Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Wir alle sind gefordert, als Vorgesetzte oder als Kolleginnen und Kollegen einzuschreiten, sollten wir Zeugin oder Zeuge von solchen Vorfällen werden. Der Vorstand der Charité sieht sich in der Pflicht, hierfür die entsprechenden Beratungs- und Hilfsangebote bereitzustellen.“

Durch Aufmerksamkeit, Schutzangebote und vorbeugende Maßnahmen sollen sexuelle Grenzverletzungen aufgedeckt, eingeschränkt und bestmöglich vermieden werden. Die Charité hat seit 2016 zahlreiche Präventionsmaßnahmen gegen sexuelle Grenzverletzungen am Arbeitsplatz ergriffen. Als deutschlandweit einziges Universitätsklinikum hat sie eine Richtlinie zur Vorbeugung von Grenzverletzungen verabschiedet. Hierin hat der Vorstand null Toleranz gegenüber sexueller Belästigung festgelegt.

Darüber hinaus können die Beschäftigten der Charité ein Whistle-Blower-Programm zur anonymen Meldung von Verdachtsfällen nutzen oder sich an einen Vertrauensanwalt wenden. Die zuständigen Beratungsstellen, der Beschwerdeablauf und die Richtlinie sind auf der Intranet-Startseite zu finden.

Foto: © Dan Race - Fotolia.com

Autor: anvo
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Gesundheitssystem , Trauma , Psychische Krankheiten
 

Weitere Nachrichten zum Thema Sexualisierte Gewalt

09.02.2016

8.000 Fälle von Vergewaltigungen und sexueller Nötigung werden jedes Jahr in Deutschland angezeigt, die Dunkelziffer liegt aber weit höher. Vor allem Flüchtlinge sind häufig betroffen. Eine Hilforganisation bietet nun Schulungen für Ärzte im Umgang mit Betroffenen an.

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten

Weniger Wartezeit bei medizinischen Notfällen: Wissenschaftler der TU Bingen haben ein Prognose-Tool entwickelt, das Rettungsdienstorganisationen in die Lage versetzen soll, jederzeit genügend Rettungskräfte und -fahrzeuge parat zu haben.

Krätze ist hierzulande weiter auf dem Vormarsch. Das meinen Experten der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG). Vor allem kleine Kinder könnten eine unterschätzte Infektionsquelle sein.
 
Kliniken
Interviews
Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.

Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.

Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin