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Senioren: Sportliche und soziale Aktivitäten wichtig für geistige Fitness

Donnerstag, 6. Oktober 2022 – Autor:
Was kann man tun, um das Gehirn im Alter fit zu halten? Sport treiben zum Beispiel – denn das fördert die Rechenleistung des Gehirns und die Verbindung zwischen Hirnhälften und -sektoren. Aber es gibt noch mindestens drei weitere zentrale Faktoren.
Senioren machen Gymnastik.

Körperliche Aktivitäten sind wichtig – auch für die geistige Gesundheit im Alter. – Foto: AdobeStock/SB Arts Media

In einer immer älter werdenden Gesellschaft ist eine Frage von zentraler Bedeutung: Wie bleiben wir bis ins hohe Lebensalter hinein gesund und vital? Gesundes Altern heißt: möglichst lange so gut es irgend geht den üblichen gesundheitlichen Alterseinschränkungen entgehen, insbesondere einer Abnahme der kognitiver Fähigkeiten. In der Regel gelingt das nur einem kleineren Teil von alternden Menschen. Die Forschung hat sich deshalb bisher vor allem um die Behandlung typischer Alterserscheinungen wie Gebrechlichkeit oder der Alzheimer-Krankheit konzentriert.

Neuer Ansatz in der Alternsforschung: Was hält Gesunde gesund?

Einen anderen, neueren Ansatz verfolgen wissenschaftliche Einrichtungen wie das Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) oder die Universitätsmedizin in Mainz. Hier wird die Frage erforscht, welche biologischen Mechanismen gesund alternde Menschen schützen. Oliver Tüscher ist Professor für Resilienzforschung und Forschungsgruppenleiter an der Universitätsmedizin Mainz. Im Interview erklärt er seine interdisziplinäre Forschungsarbeit am Übergang von psychologischer zur neurobiologischen Forschung und aktuelle Erkenntnisse über gesundes Altern.

 

Interview mit dem Mainzer Resilienzforscher Oliver Tüscher

Herr Tüscher, warum ist es in Ihren Augen so wichtig, sich – neben der Behandlung von Krankheiten – mit der Resilienz bei älteren Menschen auseinanderzusetzen?

In der Psychiatrie, aber auch in der Alternswissenschaft wurde, was das Gehirn betrifft, in den letzten dreißig Jahren kein neues Arzneimittel entwickelt, was eine relevante Verbesserung von Krankheiten in diesen Bereichen erzielt. Deswegen gab es einen Paradigmenwechsel: Wenn wir bei der Krankheitsbekämpfung nicht so gut weiterkommen wie erhofft, dann kommen wir vielleicht weiter, wenn wir die Schutzmechanismen des Gehirns besser verstehen.

Warum gelingt es nur so wenigen alternden Menschen, dem körperlichen und geistigen Abbau besser entgegenzutreten – also resilient zu sein? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?

Es gibt ein sehr komplexes Zusammenspiel von Faktoren, die dazu führen, dass die Mehrzahl der Menschen im Alter Funktionsverluste erleiden. In unserer Forschung wollten wir herausfinden: Was sind Schutzsysteme, die diese Funktionsverluste vermeiden oder verlangsamen? Dafür analysieren wir ältere Menschen, die im Gegensatz zur großen Mehrheit kognitiv gesund bleiben. Ein paar Faktoren für deren Resilienz haben wir bereits auf der Ebene des Gehirns identifiziert. Wir sehen zum Beispiel, dass die Gehirne von kognitiv gesunden, resilienten älteren Menschen besser intern vernetzt sind als die Gehirne von älteren Menschen mit Funktionsverlusten. Derzeit untersuchen wir die Hypothese, dass resiliente Seniorinnen und Senioren auch in einer größeren Intensität beide Gehirnhälften benutzen.

Welchen Anteil hat die Genetik – und welche Rolle spielen Lebensbedingungen bei Resilienz im Alter?

Wir wissen aus der Langlebigkeitsforschung, dass es eine genetisch bedingte Altersgrenze gibt. Das bestimmt aber nicht notwendigerweise, ob wir gesund altern, denn dabei spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Was die Resilienz im Alter betrifft, kann man vorsichtig und nur sehr vorläufig sagen, dass nur ungefähr zehn Prozent genetisch determiniert sind und gut 90 Prozent durch die persönlichen Lebenserfahrungen und Lebensweise sowie das soziale Umfeld.

Was könnten Ihre Erkenntnisse für die Pflegepraxis bringen – welche Anreize könnten diese geben?

Drei Faktoren können wertvolle Anregungen für die Pflegepraxis geben. Erstens haben wir gesehen, dass ältere Menschen, die körperlich hochaktiv sind, bei kognitiven Tests besser abschneiden. Ihre physische Aktivität fördert die Konnektivität zwischen den verschiedenen Hirnbereichen und auch über die Gehirnhälften hinweg. Das zeigt, wie wichtig es vor allem auch für die Gehirngesundheit ist, sich regelmäßig zu bewegen – je mehr desto besser.

Kürzlich hat eine Studie zudem erstmals auch biologisch nachgewiesen, dass mediterrane Diät die Gehirngesundheit und kognitive Fähigkeiten positiv beeinflusst. Das, was man vorher also immer wieder epidemiologisch gesehen hat, kann man jetzt auch mechanistisch eindeutig zeigen. Ein dritter wichtiger Faktor, den wir identifizieren können, ist die soziale Interaktion: Die sozial Aktiven sind länger kognitiv gesund. Dabei fordert soziale Interaktion die Menschen ganzheitlicher als zum Beispiel rein kognitive Aufgaben – zum Beispiel werden auch Emotionen und die Aufmerksamkeitssteuerung angeregt.

(Quelle: Deutsche Gesellschaft für Geriatrie/DGG)

Hauptkategorie: Demografischer Wandel
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