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Selbstmedikation: Experten warnen vor Folgen

Vor allem bei angeblich harmlosen Erkrankungen wie Kopfschmerzen oder Erkältungen nehmen viele Menschen Medikamente ein, ohne dies mit einem Arzt zu besprechen. Doch das kann zu Problemen führen, wie Experten warnen – beispielsweise dann, wenn es sich um die falschen Medikamente handelt oder sie zu oft eingesetzt werden.
Rezeptfreie Medikamente

Selbstmedikation wird immer beliebter

Das Geschäft mit rezeptfreien Medikamente gegen Schmerzen, Husten oder Erkältung boomt. So gibt Schätzungen zufolge jeder Deutsche pro Jahr rund 50 Euro für Selbstmedikation aus. Einer der häufigsten Gründe für Schmerzmittelkonsum sind Kopfschmerzen. Das hat auch eine Umfrage des Instituts Forsa im Auftrag der AOK Baden-Württemberg ergeben. Demnach nimmt ein Viertel der befragten Baden-Württemberger mindestens einmal im Monat rezeptfreie Schmerzmedikamente ein. Nach Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen für die Einnahme Erkältungen und Rückenschmerzen.

Ibuprofen ist besonders beliebt

Der mit Abstand beliebteste Schmerzkiller ist Forsa zufolge Ibuprofen, gefolgt von Paracetamol und Aspirin. Dass die Mittel Nebenwirkungen haben können, ist den meisten bewusst, macht ihnen jedoch wenig Sorge. Problematisch wird es vor allem dann, wenn die Schmerzen chronisch werden und der Medikamentenkonsum immer weiter ansteigt.

Auch beim Deutschen Schmerzkongress, der vom 11. bis 14. Oktober 2017 in Mannheim stattfindet, werden sich die Teilnehmer mit dem Thema Selbstmedikation beschäftigen. Um festzustellen, wie verbreitet insbesondere Kopfschmerzen in der Bevölkerung sind, hat die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) e. V. in einer repräsentativen Stichprobe Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene zu Häufigkeit und Dauer von Kopfschmerzen interviewen lassen. Insgesamt 40,2 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten sechs Monaten unter Kopfschmerzen gelitten zu haben. Davon hatten 3,8 Prozent der Männer und 10,9 Prozent der Frauen eine Migräne. Die Mehrzahl der Betroffenen hat im Mittel ein bis drei Kopfschmerztage pro Monat, Männer weniger als Frauen.

Kopfschmerzen sind Domäne der Selbstmedikation

Die Ergebnisse überraschen die Präsidentin der DMKG, Privatdozentin Dr.  Stefanie Förderreuther vom Klinikum Innenstadt der Ludwig-Maximilians-Universität München, nicht. „Wir wissen, dass Kopfschmerzen zu den häufigsten Beschwerden in der Bevölkerung zählen“, so die Medizinerin. Allerdings geht nur die Hälfte der Patienten mit den Beschwerden zu einem Arzt, so das Ergebnis der Studie. „Kopfschmerzen sind leider noch immer eine Domäne der Selbstmedikation“, erklärt Förderreuther. Die meisten Menschen vertrauen demnach auf Hausmittel oder frei verkäufliche Schmerzmittel aus der Apotheke. Insgesamt zehn Prozent gaben an, sich bei Kopfschmerzen ein einen Heilpraktiker zu wenden.

Mit Migräne immer zum Facharzt

Die seltene Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe steht im Widerspruch zu einem weiteren Ergebnis der Umfrage: Für insgesamt 35 Prozent der Interviewten sind Ärzte die häufigste Informationsquelle, gefolgt von Apothekern und dem Freundeskreis mit jeweils 20 Prozent. Erst dann folgte das Internet mit 14 Prozent. Wie wichtig vor allem eine fachärztliche Beratung ist, zeigt das Beispiel Migräne. Patienten, die einen Facharzt aufsuchten, erhielten häufiger eine Migräne-Prophylaxe als Patienten, die alleinig vom Hausarzt betreut wurden. Insgesamt nahm jedoch nur jeder fünfte Patient mit vier bis 14 Migränetagen im Monat auf ärztlichen Rat hin Medikamente ein.

Auch Entspannungsverfahren und Sport können helfen

Medikamente sind jedoch nicht die einzige Behandlungsmöglichkeit. Kongresspräsident Professor Dr. Matthias Keidel, Chefarzt am Campus Bad Neustadt/Saale, verweist auf nichtmedikamentöse Therapien: „Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Ausdauersport und verschiedene Arten von Biofeedback sowie die kognitive Verhaltenstherapie können helfen, die Kopfschmerzen in den Griff zu bekommen.“ Leider seien die Behandlungsmöglichkeiten zu wenig bekannt. Die Experten sind sich einig, dass vor allem Hausärzte als erste Ansprechpartner der Patienten über die heutigen Behandlungsmöglichkeiten informiert sein sollten.

„Der Hausarzt sollte in der Lage sein, die Diagnose Kopfschmerz oder Migräne sicher zu erkennen und den Patienten mit einer geeigneten Akutmedikation zu versorgen“, betont Keidel. Als Lotse im Gesundheitssystem sei es zudem wichtig, dass der Allgemeinarzt auch sogenannte Red Flags erkennt, die auf einen sekundären Kopfschmerz und damit möglicherweise auf eine schwerwiegende zugrundeliegende Krankheit hinweisen, die einer akuten Abklärung bedarf, so der Kongresspräsident.

Foto: © Sven Weber - Fotolia.com

Autor: anvo
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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