Schwangerschaftsdiabetes oft zu spät erkannt

Schwangerschaftsdiabetes verläuft oft ohne nennenswerte Symptome. Die Diagnose erfolgt daher meist viel zu spät. Experten fordern ein effektiveres Screening, um die Schwangerschaftskomplikation rechtzeitig aufzudecken.
Schwangerschaftsdiabetes: Experten sehen dringenden Verbesserungsbedarf im Screening-Verfahren

Schwangerschaftsdiabetes: Experten sehen dringenden Verbesserungsbedarf im Screening-Verfahren

In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 45.000 Frauen an einem Schwangerschaftsdiabetes, auch Gestationsdiabetes genannt. Das sind fünfmal so viele wie vor 20 Jahren. Da sich meist keine klassischen Diabetes-Symptome wie starker Durst oder Harndrang zeigt, wird die Erkrankung häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt.

„Ein zu spät oder nicht diagnostizierter Gestationsdiabetes kann zu schweren Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen sowie Folgeerkrankungen bei Mutter und Kind führen“, sagt Prof. Monika Kellerer. Zudem erhöhe sich das Risiko für die Mutter, später an einem Diabetes Typ 2 zu erkranken.

Screening auf Schwangerschaftsdiabetes unzureichend

Kellerer ist Präsidentin der Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), die schon seit Jahren das 2012 in in Deutschland eingeführte Screening auf Schwangerschaftsdiabetes als unzureichend kritisiert. Bei dem zweistufigen Testverfahren trinkt die werdende Mutter im Zeitraum zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche eine Lösung mit 50 Gramm Glukose. Nur wenn erhöhte Blutzuckerwerte gemessen werden, folgt ein erneuter Test: Der Nüchtern-Test mit 75 Gramm Glukose (oGTT).

 

Ein Drittel der Betroffen fällt durchs Raster

„Leider fallen viele tatsächlich an Schwangerschaftsdiabetes erkrankte Mütter in diesem zweistufigen Verfahren aus dem Raster“, bedauert Prof. Ute Schäfer-Graf aus Berlin, Sprecherin der DDG Arbeitsgruppe „Diabetes und Schwangerschaft“. Denn der erste Test erfolge unabhängig von der Tageszeit oder der letzten Nahrungsaufnahme im nicht-nüchternen Zustand. „Das Problem daran ist, dass so diejenigen Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes übersehen werden, die nur in nüchternem Zustand einen erhöhten Blutglukosewert aufweisen – also etwa ein Drittel aller Erkrankten.“

Die WHO empfiehlt seit dem Jahr 2013 den 75-g-oGTT Test als primären Test. 90 Prozent der europäischen Länder halten sich an diese Empfehlung, Deutschland allerdings geht hier einen Sonderweg. Auch eine aktuell im Fachjournal „Nature Medicine“ publizierte Studie bestätigt die Überlegenheit eines primären 75-g-oGTT Tests. Die Studie belegt, dass eine frühe Risikobewertung notwendig und die bisherige in den deutschen Mutterschaftsrichtlinien festgeschriebene Standardtestung unzureichend ist, um Schwangere mit Gestationsdiabetes rechtzeitig zu diagnostizieren und zu therapieren. „Die DDG bekräftigt deshalb erneut ihre Forderung, zugunsten der Sicherheit der Schwangeren und ihrer ungeborenen Kinder die WHO-Empfehlung auch in Deutschland umzusetzen“, so Schäfer-Graf.

Schwangere sollten ihren Blutzucker regelmäßig selbst messen

Darüber hinaus fordert die Fachgesellschaft die gesetzlichen Krankenkassen auf, allen Schwangeren ein Blutzuckermessgerät zu erstatten. Die regelmäßige Selbstkontrolle der Blutzuckerwerte durch die Patientinnen sei ein wesentlicher Bestandteil der Therapie eines Gestationsdiabetes. „Die im Vergleich relativ geringen Kosten für die Erstattung eines Messgerätes stehen in keiner Relation zu den möglichen Folgekosten für das Gesundheitswesen und Folgeschäden durch Komplikationen bei Mutter und Kind“, sagt DDG Pressesprecher Professor Baptist Gallwitz. So könne in der frühen Phase des Gestationsdiabtes noch mit Lebensstilinterventionen gegengesteuert werden. Werde dagegen ein Diabetes in der Schwangerschaft übersehen, könne die Mutter insulinpflichtig werden.

Foto: © Adobe Stock/artursfoto

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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