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„Schmerzpatienten sind Stiefkinder des Gesundheitssystems“

3,4 Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischen oder wiederkehrenden Schmerzen. Doch eine geeignete Versorgung erhalten nach Expertenmeinung nur wenige.
Schmerzpatienten interdisziplinär behandeln

BVSD: Schmerzpatienten brauchen mehr und bessere Therapien.

„Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen sind die Stiefkinder in unserem Gesundheitssystem, weil sie viel zu lange keine geeignete Therapie erfahren und häufig fehlversorgt werden“, so Professor Joachim Nadstawek, Vorsitzender des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland e.V. (BVSD). Die von ihm kritisierte Unterversorgung von Schmerzpatienten hat Konsequenzen: „Unnötige und kostenintensive Diagnostik, Behandlungen und Operationen sind die Folgen. Deshalb brauchen wir eine neue schmerzmedizinische Versorgungsstruktur in Deutschland“, forderte Nadstawek anlässlich des BVSD-Kongresses in Berlin.

Interdisziplinäre, ambulante Schmerzversorgung gefordert

Der Verband hat dafür ein Konzept entworfen. Demnach soll eine spezialisierte ambulante Schmerzversorgung (SASV) in der Gesetzliche Krankenversicherung eingeführt werden. Das Konzept sieht vor, dass interdisziplinäre schmerzmedizinische Teams eine intensive, qualifizierte und interdisziplinäre Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung übernehmen.

Bei der SASV sollen Haus- und Fachärzte, Psychotherapeuten, Physio-, Sport-, und Ergotherapeuten und Pain Nurses abgestimmt und multimodal zusammenarbeiten. Dadurch könnte nach Verbandsangaben die Schmerzbelastung reduziert werden und viele Patienten könnten ins Erwerbsleben zurückkehren. Erfolgreiche Modellversuche zeigen den BVSD-Angaben zufolge, dass durch einen frühzeitigen und strukturierten Beginn eines abgestuften Behandlungskonzeptes eine weitere Chronifizierung von Schmerzen vermieden werden kann.

 

Verband kritisiert Versorgungsdefizite für Schmerzpatienten

Nach Angaben des Verbandes vergehen in Deutschland durchschnittlich zwei Jahre vom Beginn einer chronischen Schmerzkrankheit bis zur richtigen Diagnose. Weitere zwei Jahre dauere es bis zu einem adäquaten Behandlungsansatz. Von rund 3,4 Millionen Patienten mit schweren und hochproblematischen chronischen Schmerzen mit psychischen Beeinträchtigungen können den Angaben zufolge heute maximal 350.000 Patienten von einem der 1.173 ambulant tätigen Schmerzspezialisten versorgt werden.

Die Schmerztherapeuten kritisieren seit langem, dass die schmerzmedizinische Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen in Deutschland nicht sichergestellt sei. Mehrmalige Versuche über die Gemeinsame Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen zu Lösungen zu kommen, hätten bislang zu keinen durchgreifenden Veränderungen geführt, so Nadstawek.

Der BVSD-Chef forderte daher die Gesundheitspolitik auf, die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Einführung dieser SASV zu schaffen und das im Koalitionsvertrag einer neuen Bundesregierung zu fixieren. „Wir müssen die schmerzmedizinische Unter- und Fehlversorgung schnellstmöglich beseitigen“, so Nadstawek. Denn durch den fehlenden ärztlichen Nachwuchs drohe die schmerzmedizinische Versorgungssituation bald „völlig aus dem Ruder zu laufen“, warnte er.

Foto: sk-design – fotolia.com

Autor: Angela Mißlbeck
Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
 

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