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Schlaganfallforschung: Modellsystem kann Tierversuche ersetzen

Knapp drei Millionen Tiere sterben in Deutschland jedes Jahr für die Forschung. Nun wurde vom Land Berlin ein Modellsystem ausgezeichnet, das Tierversuche in der Schlaganfallforschung ersetzen soll.

Forscher arbeiten an Modellsystemen, die Tierversuche ersetzen sollen

Alle zwei Jahre werden mit den Preisen des Landes Berlin Forschungsprojekte prämiert, die dazu beitragen, die Verwendung von Versuchstieren zu vermeiden, zu verringern oder die Belastung für Tiere bei Tierversuchen zu mindern. In diesem Jahr wurden dabei unter anderem Dr. Philipp Mergenthaler und Dr. Harald Stachelscheid von der Charité – Universitätsmedizin Berlin und vom Berlin Institut of Health (BIH) für die Etablierung einer Modellplattform ausgezeichnet, die humanes Hirngewebe in zwei- und dreidimensionalen Systemen nachbildet. Diese humanen Nervenzellen und Hirnorganoide sollen zur Untersuchung komplexer Krankheitsvorgänge und der Entwicklung neuer Behandlungsmethoden bei Schlaganfall dienen. Die Preise sind mit jeweils 12.500 Euro dotiert und werden durch den Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) sowie die Tierärztekammer Berlin unterstützt.

Modellplattform soll Tierversuche ersetzen

Das Ziel der beiden Wissenschaftler war es, die komplexen Krankheitsvorgänge der akuten Neurodegeneration im Schlaganfall zu erforschen und die Wirkstoffentwicklung zu deren Behandlung zu verbessen. Dabei haben sie Verfahren der Stammzellbiologie, der Genomeditierung, der chemischen Biologie, der phänotypischen High Content Analyse sowie biophysikalische Messungen der Targethemmung in lebenden humanen Nervenzellen und strukturbiologische Untersuchungen kombiniert. Künftig soll es somit möglich werden, Experimente mit Mäusen und Ratten zu reduzieren, anhand derer bislang ein wesentlicher Teil der Schlaganfallforschung durchgeführt wird.

„Unsere Modellsysteme werden mit Hilfe von induzierten pluripotenten Stammzellen aufgebaut, die von Zellen erwachsener Menschen abstammen“, erklärt Dr. Stachelscheid, Stammzellbiologe am Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien der Charité und Leiter der BIH Stammzell-Core Facility. Dr. Mergenthaler, Fellow des Charité-BIH Clinician Scientist Program, ergänzt: „Für die Untersuchungen an diesen Modellen setzen wir automatisierte Mikrokopie und Bildanalyse ein. Wir wollen nicht nur zeigen, dass sich auf diese Weise Erkenntnisse reproduzieren lassen, die bereits auf herkömmlichem Wege gewonnen wurden, sondern auch neue Wege in der Entwicklung neuer Wirkstoffe für die Schlaganfalltherapie beschreiten“, so der Neurowissenschaftler und Arzt in der Abteilung für Experimentelle Neurologie, Centrum für Schlaganfallforschung Berlin, dem NeuroCure Clinical Research Center und der Klinik für Neurologie der Charité.

 

Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen verbessern

„Die neu entwickelte Modellplattform ermöglicht es, komplexe neurologische Zusammenhänge zu untersuchen und eine Vielzahl von Proben zu testen, ohne dabei auf Tierversuche zurückzugreifen“, erklärte Professor Ulrich Dirnagl, Leiter der Abteilung für Experimentelle Neurologie der Charité, Gründungsdirektor QUEST – Center und Laudator anlässlich der Preisverleihung. Dies führe nicht nur zu einer Reduktion von Tierversuchen, sondern trage wesentlich zu einer erhöhten Validität und Reproduzierbarkeit von Ergebnissen im Bereich der Schlaganfallforschung bei.

Jedes Jahr werden in ganz Deutschland mehrere Millionen Tiere für Tierversuche verwendet - oft sogar umsonst, denn die Ergebnisse aus Tierversuchen sind nicht immer auf den Menschen übertragbar. Daher besteht nicht nur aus Tierschutzgründen, sondern auch im Sinne einer besseren und effizienteren Forschung ein großes Interesse daran, Modelle zu entwickeln, die eine Alternative zu Tierversuchen darstellen.

Foto: © der_chris87 - Fotolia.com

Autor: anvo
Hauptkategorie: Medizin
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