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„Schilddrüsen-Unterfunktion wird öfter diagnostiziert“

Die Schilddrüsenunterfunktion wird heute tendenziell häufiger diagnostiziert. Wann sie behandelt werden sollte und worauf Patienten am besten bei der Ernährung achten, erklärt Endokrinologe Prof. Matthias Schott.
Prof. Matthias Schott

Endokrinologe Prof. Matthias Schott

Wer ist anfällig für eine Schilddrüsenunterfunktion?

Prof. Matthias Schott: Frauen erkranken häufiger. Es gibt auch eine genetische Disposition. Leidet die Mutter an einer Schilddrüsenunterfunktion, hat die Tochter ein höheres Risiko.

Was ist die Ursache der Schildrüsenunterfunktion?

Schott: In den meisten Fällen eine Autoimmunthyreoditis, eine chronische Entzündung der Schilddrüse. Sie wird oft auch Hashimoto-Thyreoditis genannt. Es ist eine Autoimmunkrankheit, bei der das Schilddrüsengewebe allmählich zerstört wird. Dadurch werden weniger Schilddrüsenhormone produziert. Ursache kann aber auch ein Eingriff an der Schilddrüse wie eine Strahlentherapie oder eine Operation sein oder – seltener - eine Funktionsstörung der Hirnanhangdrüse, die die Schilddrüse über die Ausschüttung des Hormons TSH zur Hormonproduktion anregt.

Welche Funktion haben die Schilddrüsenhormone?

Schott: Die Schilddrüsenhormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) beeinflussen Stoffwechsel, Kreislauf, Wachstum, psychisches Wohlbefinden und bei Frauen die Fruchtbarkeit.

Führt die Autoimmunthyreoditis immer zu Beschwerden?

Schott: Nein. Es gibt auch Patienten, die an einer Autoimmunthyreoditis leiden, aber eine normale Schilddrüsenfunktion haben. In diesen Fällen ist der Autoimmunprozess nur schwach ausgeprägt.

Was sind die die typischen Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion?

Schott: Vor allem Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Verstopfung, eine trockene Haut.

Wie kann man die Schilddrüsenunterfunktion feststellen?

Schott: Zunächst durch den TSH-Wert. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion ist der Wert erhöht. Bei der Autoimmunthyreoditis finden sich außerdem Immunzellen (T-Zellen) im Blut, die das Schilddrüsengewebe angreifen. Im Blut können Antikörper gemessen werden, die zur Diagnosesicherung dienen. Verläuft dieser Autoimmunprozess sehr rasch, und die T-Zellen wandern sehr schnell in die Schildrüse ein, kann es ein paar Wochen lang zu einer Schilddrüsenüberfunktion kommen, die dann in eine Schilddrüsenunterfunktion umschlägt. Im Ultraschall kann das Schilddrüsengewebe bei einer Autoimmunthyreoditis dunkler (Fachbegriff: echoarm) aussehen. Es kann aber auch sein, dass die Schilddrüse im Ultraschall auffällig erscheint, es aber keinen Laborbefund gibt.

Wie wird sie therapiert?

Schott: In dem man täglich das Schilddrüsenhormon - in den meisten Fällen Thyroxin - einnimmt, ein Leben lang.

Wie wird die Dosis festgelegt?

Schott: Die Dosisfindung erfolgt insbesondere durch die Bestimmung von TSH.

Muss die Dosis im Lauf der Jahre angepasst werden beziehunsgweise wie oft sollte der Patient seine Werte beim Arzt überprüfen lassen?

Schott: Im Falle einer Unterfunktion ist anfänglich eine regelmäßige, zeitnahe Kontrolle der Schilddrüsenwerte - zum Beispiel einmal pro Woche - notwendig. Bei guter Einstellung reicht dann häufig eine Kontrolle 2 bis 3 Mal pro Jahr aus.

Stimmt es, dass sich eine Schildddrüsen-Unterfunktion im Frühjahr stärker ausprägt?

Schott: Nein. Das gilt für eine andere Schilddrüsenerkrankung (Thyreoiditis de Quervain), die in den Übergangsjahreszeiten Frühjahr oder Herbst stärker auftritt.

Frauen sind nach der Entbindung anfälliger für Schilddrüsenprobleme?

Schott: Mütter können kurz nach der Geburt eine Schilddrüsenentzündung entwickeln (Postpartum Thyreoiditis). Bei den meisten Frauen klingt diese wieder ab. Wenn sie dennoch weiter Schilddrüsenantikörper im Blut haben, kann die Schilddrüsenentzündung beim zweiten Kind wieder auftreten.

Warum sollten Schwangere ihren TSH-Wert kontrollieren lassen?

Schott: Bei einer manifesten Schilddrüsenunterfunktion muss sofort eine Hormon-Therapie eingeleitet werden. Man hat festgestellt, das eine ausgeprägte Unterfunktion das Risiko für Fehl- und Frühgeburten erhöht und außerdem den Intelligenz-Quotienten der Kinder vermindern kann. Eine neuere Studie mit im oberen Normbereich liegendem TSH-Wert konnte letzteres jedoch nicht bestätigen. Bei einer grenzwertigen Unterfunktion mit TSH-Werten über 2,5 mU/l kann bei Schwangeren eine Hormontherapie erwogen werden, vor allem, wenn die Schilddrüsen-Antikörper erhöht sind.

Warum wird bei Neugeborenen routinemäßig der TSH-Wert überprüft?

Weil eine unerkannte Schilddrüsenunterfunktion zu Entwicklungsstörungen des Kindes führen kann.

Ab welchem TSH-Wert sollte grundsätzlich mit einer Hormon-Therapie begonnen werden?

Schott: Das wird nach wie vor diskutiert. Der TSH-Wert kann individuell zwischen 0,4 und 4,5 mU/l liegen. Ab einem TSH-Wert von circa 8 bis 10 mU/l muss mit einer Therapie begonnen werden. Bei einer latenten beziehungsweise subklinischen Autoimmunthyreoditis ist der TSH-Wert ganz schwach erhöht, aber die Werte für die Schilddrüsenhormone T3 und T4 liegen noch im Normbereich. Hier würde ich mit einer Therapie beginnen, wenn der Patient Symptome hat – auch ohne Antikörper-Befund. Bei Patienten ohne Symptome jedoch stark erhöhten Antikörpern ist ebenfalls eine Therapie in Erwägung zu ziehen.

Wozu kann eine Unterfunktion schlimmstenfalls führen?

Schott: Es können beispielsweise ausgeprägte Schwellungen, Ödeme, an den Extremitäten oder am Augenlid auftreten.

Kann eine Unterfunktion zu einem Kropf führen?

Schott: Nein. Ein Kropf ist eine Vergrößerung der Schilddrüse, meist durch Knoten. Die Schilddrüse braucht Jod, um die Schilddrüsenhormone zu produzieren. Ein Jod-Mangel führt zu einer Überkompensation, es bilden sich diese Knoten. Da Deutschland zu den Jodmangel-Gebieten gehört, treten hierzulande öfter Schilddrüsenknoten auf als etwa in südeuropäischen Ländern. Werden die Knoten autonom und bilden selber Schilddrüsenhormone, kommt es zu einer Überfunktion, es werden zu viel Hormone produziert. Die Schilddrüse kann sich aber auch durch eine Autoimmunerkrankung, Morbus Basedow, vergrößern. Damit geht ebenfalls eine Überfunktion einher.

Warum sollte man bei einer Unterfunktion nicht zu viel Jod aufnehmen?

Schott: Weil Jod den Autoimmunprozess verstärkt. Einmal in der Woche Seefisch ist in Ordnung, von täglichem Fisch- oder Algenverzehr würde ich eher abraten. Das gilt nicht für Schwangere. Die haben einen erhöhten Jodbedarf um die Jodversorgung des Kindes sicherzustellen und sollten daher Jod-Tabletten einnehmen.

Selen oder Zink sollen bei einer Schilddrüsen-Unterfunktion hilfreich sein?

Schott: Dafür gibt es keine Belege. In einer noch nicht veröffentlichen Studie wurden 100, 200 und 300 mg Selen am Tag mit einem Placebo verglichen. Ergebnis: Das Selen hatte weder Einfluss auf den Antikörper-Befund, noch auf das Wohlbefinden der Patienten  oder das Ultraschall-Bild der Schilddrüse. Auch für die Wirksamkeit von Zink gibt es keine Belege. Es stärkt aber nachweislich das Immunsystem.

Sollte man bei einer Unterfunktion auf den Soja-Verzehr achten? Soja enthält ja Phyto-Hormone.

Schott: Dafür gibt es keine Belege.

Was ist, wenn bei einer diagnostizierten und behandelten Unterfunktion die Symptome nicht verschwinden?

Schott: Dann muss man nach anderen Ursachen suchen. Hinter Müdigkeit und Abgeschlagenheit könnten auch psychische Beschwerden stecken.

Nimmt die Zahl der Patienten mit Schilddrüsenunterfunktion zu?

Schott: Es hat sich in eher die Sensitivität der Labortests zur Bestimmung der Antikörper verbessert, deshalb wird sie tendenziell häufiger diagnostiziert.

Prof. Matthias Schott ist Leiter des Funktionsbereichs Spezielle Endokrinologie am Universitätsklinikum Düsseldorf und Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE).

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