. Wirbelsäulenleiden

Rückenschmerzen zu oft mit Skalpell behandelt

Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit. Immer mehr Menschen werden in Deutschland wegen eines Rückenleidens operiert. Dabei ist selbst bei Bandscheibenvorfällen die Operation das Mittel der letzten Wahl.
Rückenschmerzen zu oft mit Skalpell behandelt

DAK

70 bis 85 Prozent aller Menschen bekommen irgendwann Rückenschmerzen und leiden dann oft ihr ganzes Leben an immer wiederkehrenden Beschwerden. Bei mehr als 90 Prozent der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen kann jedoch keine spezifische organische Ursache der Beschwerden festgestellt werden. Warum aber werden Menschen immer häufiger am Rücken operiert?


Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie hat sich die Zahl der Versteifungsoperationen zwischen 2004 und 2009 mehr als verdoppelt; im gleichen Zeitraum hat die Zahl der Bandscheibenoperationen um 43 Prozent zugenommen. Prof. Dr. Bernd Kladny von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädische Chirurgie stellte auf dem Chirurgenkongress in Berlin Ende April fest: Aus Zeitdruck, aber auch aus unzureichender Vergütung würden Ärzte ihren Rückenschmerzpatienten im Zweifel gleich zur OP als zur zeitaufwändigen Alternative raten. Im Klartext: "Es gibt durchaus finanzielle Anreize für die Durchführung von Operationen bei Wirbelsäulenleiden." Nach Einschätzung des Orthopäden sind bis zu 85 Prozent aller Bandscheibenoperationen überflüssig, da die meisten Patienten auch konservativ behandelt werden könnten. "Langfristig sind die statistisch erfassten Ergebnisse bei Bandscheibenpatienten mit und ohne Operation gleich", so Kladny.

Der Ausfall von Körperfunktionen ist eine klare Indikation für die OP

Eine Operation ist nach Auskunft des Mediziners immer dann angezeigt, wenn ein medizinischer Notfall vorliegt. Etwa dann, wenn Gewebe auf Nervenstrukturen drückt und dies mit der Gefahr eines unwiederbringlichen Ausfalls von Körperfunktionen wie einer Blasen- oder Mastdarmstörung oder dauerhaften Lähmungen verbunden ist. In allen anderen Fällen könne man operieren, müsse aber nicht, meinte Kladny, den Patienten stünden zahlreiche nichtinvasive Behandlungsoptionen zur Verfügung. Allerdings könne die Operation bei richtiger Indikation einen ansonsten langwierigen, schmerzhaften Verlauf unter Umständen abkürzen. Wann eine Operation richtig ist, müssten Ärzte individuell entscheiden. Eine Zweitmeinung könne in vielen Fällen den Rückenschmerzpatienten bei ihrer Entscheidung helfen.

Eine Operation sollte bei Bandscheibenvorfällen immer nur das letzte Mittel sein, sind sich viele Experten einig. Zumal jede Operation auch mit Risiken behaftetet ist. So können etwa Vernarbungen das Problem langfristig sogar verschlimmern.
Der einzige Nachteil der konservativen Behandlung mit schmerzlindernden Spritzen, Krankengymnastik, Bewegung, Muskelentspannung und Entzündungshemmung ist die lange Zeitdauer: Bis zu eineinhalb Jahren kann es dauern, bis sich der Nerv wieder beruhigt hat und die Rückenschmerzen vollständig verschwunden sind. Andererseits zeigen Langzeitbeobachtungen, dass Komplikationen aufgrund von Operationen oft erst viele Jahre nach dem Eingriff auftreten.

 

Rückenschmerz: nicht immer steckt ein Bandscheibenvorfall dahinter

Eine grossen amerikanische Studie, veröffentlicht im "Journal of the American Medial Association", hat zuletzt gezeigt, dass in vielen Fällen trotz heftiger Schmerzen gar keine Bandscheibenvorfälle vorliegen. Vielmehr handelt sich um Abnutzungserscheinungen an den kleinen Wirbelgelenken, um Muskelverspannungen oder Verengungen an den Austrittsstellen der Nerven aus der Wirbelsäule. Auch feinste Risse im inneren Bereich einer Bandscheibe oder Veränderungen an den so genannten Facettgelenken der Wirbelkörper oder den Kreuz-Darmbeingelenken (Iliosacralgelenken) können quälende Rückenschmerzen verursachen.

Psychosoziale Faktoren und Rückenschmerzen

Die US-Studie deutet auch darauf hin, dass die Psyche bei der Entstehung von Rückenschmerzen eine wichtige Rolle spielt. Stress am Arbeitsplatz und Probleme in der Familie können sich sehr ungünstig auf den Krankheitsverlauf auswirken, betonten Orthopäde Kladny: Bei der Therapie von Rückenschmerzen sollten auch psychosoziale Faktoren im Umfeld des Patienten berücksichtigt werden. Auch dies spricht für eine Behandlung von Bandscheibenproblemen ohne Skalpell.

Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Rückenschmerzen , Schmerzen , Chirurgie

Weitere Nachrichten zum Thema Schmerzen

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Die Leber ist das wichtigste Organ für den Stoffwechsel und die Entgiftung des Körpers. Ungesunde Ernährung, Übergewicht, zu wenig Bewegung und übermäßiger Alkoholkonsum können die Leber jedoch nachhaltig beeinflussen – eine Fettleber droht.
Immer mehr Menschen und Waren reisen um die Welt – und mit ihnen Krankheitserreger. Auch in Industrieländern sind scheinbar überwundene Infektionskrankheiten wieder auf dem Vormarsch. Ein Netzwerk deutscher Wissenschaftler warnt vor einer „post-antibiotischen Ära“, in der harmlose Krankheiten tödlich enden können, weil Antibiotika nicht mehr wirken, und fordert eine Intervention der Politik.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender

KZV Berlin, großer Sitzungssaal, Georg-Wilhelm-Straße 16, 10711 Berlin
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Prof. Hendrik Streeck leitet Deutschlands erstes Institut für HIV-Forschung am Universitätsklinikum Duisburg-Essen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem US-Rückkehrer über sein größtes Ziel gesprochen: eine präventive Impfung gegen HIV.
Die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern der Homöopathie sind verhärtet. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Homöopathie-Kritikerin Dr. med. Natalie Grams über wissenschaftliche Prinzipien und den verbreiteten Wunsch nach medizinischen Alternativen gesprochen.
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.