. COVID-19-Pandemie

RKI-Präsident: Abriegelung von Corona-Hotspots denkbar

Die Coronavirusinfektionen in Deutschland schnellen in die Höhe und toppen die Zahlen der täglichen Neuinfektionen aus der ersten Krankheitswelle im Frühling. Um den sich abzeichnenden exponentiellen Anstieg in den Griff zu bekommen, hält RKI-Präsident Lothar Wieler eine drastische Maßnahme für möglich: die Abriegelung ganzer Städte oder Regionen.
Mailänder Dom + Banderole in italienischen Farben mit Schrift: Lockdown Coronavirus verseuchtes Gebiet

Auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle wurden im März 2020 weite Teile Norditaliens zum Sperrgebiet erklärt, darunter auch die Städte Venedig und Mailand (Foto).

Am letzten Tag des Jahres 2019 wurde der Ausbruch einer neuen Lungenentzündung mit noch unbekannter Ursache in Wuhan in China bestätigt. Fernreisende begannen, das heute SARS-CoV-2 genannte Virus in die Welt zu tragen. Kein Vierteljahr später, Mitte März, gab es im 8.000 Kilometer entfernten Italien erstmals mehr Todesopfer als in China. Genau vier Wochen nach dem Tag 1 in China, am 28. Januar 2020, war die erste Infektion in Deutschland laborbestätigt. Die rasende Geschwindigkeit, mit der das Virus um den Erdball ging, werteten viele als warnendes Beispiel für die rasche Ausbreitung einer Krankheit in einer vernetzten und globalisierten Welt.

„Mobilität ist einer der Treiber dieser Pandemie"

„Mobilität ist einer der Treiber dieser Pandemie", sagte Lothar Wieler jetzt in einem Interview mit dem TV-Politiksender Phoenix. Reiserückkehrer aus internationalen Risikogebieten sind dementsprechend seit 1. Oktober dazu verpflichtet, sich nach der Einreise unverzüglich in die eigene Wohnung zu begeben und sich für 14 Tage dort zu isolieren. Die Quarantäne soll frühestens nach fünf Tagen mit einem negativen Testbefund aufgehoben werden können.

Angesichts rasant ansteigender COVID-19-Fallzahlen hat der Präsident des Robert-Koch-Instituts inzwischen sogar eine besonders drastische Maßnahme gegen die Mobilität als Risikofaktor ins Gespräch gebracht, die er neun Monate zuvor in einem Interview noch ablehnte: die Abriegelung ganzer Risikogebiete, um das Corona-Infektionsgeschehen innerhalb Deutschlands unter Kontrolle zu halten.

 

Wieler: Im Winter bis zu 10.000 Neuinfektionen am Tag möglich

Nach einer Prognose für den Winter gefragt, sagte Wieler in dem Interview mit Phoenix: „Wenn die Maßnahmen nicht verschärft werden, werden die Infektionszahlen weiter hochgehen", möglicherweise sogar bis zu 10.000 täglichen Neuinfektionen. „Aber wir wollen das verhindern. Aber ich bin nach wie vor der Ansicht, dass wir das auch noch schaffen können".

Verständnis zeigte der RKI-Präsident für die umstrittenen „Beherbergungsverbote" in einigen Bundesländern für inländische Reisende aus Städten oder Regionen, die als sogenannte Corona-Hotspots gelten. An den beim Gipfeltreffen im Kanzleramt zwischen Kanzlerin und den Ministerpräsidenten der Länder verabredeten Maßnahmen vermisse er „Verbindlichkeit". Einige der Maßnahmen seien nur „Empfehlungen", er würde sich „wünschen, dass einige der Maßnahmen verpflichtend durchgeführt werden", wie zum Beispiel das Tragen von Masken.

„Zu harte Maßnahmen lassen Akzeptanz in der Bevölkerung schwinden“

Weil nach Wielers Einschätzung die Akzeptanz und die Mitwirkungsbereitschaft der Bevölkerung ein entscheidender Faktor gegen die Weiterverbreitung des neuartigen Coronavirus ist, seien selbst drastische lokale Maßnahmen klüger als ein flächendeckender und volkswirtschaftlich schädlicher Lockdown. Mit Blick auf die teilweise schwereren Corona-Verläufe in europäischen Nachbarländern sagte Wieler, es gebe das Phänomen, dass „zu harte Maßnahmen die Akzeptanz in der Bevölkerung schneller schwinden lassen".

In Deutschland habe es keinen flächendeckenden Lockdown, sondern lediglich Kontaktbeschränkungen gegeben. „Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt“, sagte der RKI-Präsident. „Wir müssen daran denken, dass wir diese Pandemie ja noch viele Monate bewältigen, und wir müssen mit den Maßnahmen sorgfältiger umgehen". Auch eine aktuelle Untersuchung des Max-Planck-Instituts geht davon aus, dass lokal begrenzte Einschränkungen effektiver sein und insgesamt weniger Belastungen mit sich bringen könnten als bundesweite Lockdowns.

Für „sehr deutliche Maßnahmen", um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen, sprach sich unterdessen auch der Immunologe Michael Meyer-Hermann aus. In den ARD-Tagesthemen empfahl er etwa eine konsequente Maskenpflicht - und appellierte an die Bevölkerung, selbst mehr für die Senkung der Fallzahlen zu tun.

Foto: AdobeStock/annavee

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