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09.04.2020, aktualisiert: 11.04.2020

Riskantes Ziel Herdenimmunität: 99 Prozent der Deutschen noch nicht mit Coronavirus infiziert

Selbst unter Einberechnung einer hohen Dunkelziffer hat sich maximal erst ein Prozent der Deutschen mit dem Coronavirus infiziert. Eine Herdenimmunität anzustreben, ist darum viel zu riskant, erklärt SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Rund 500.000 Menschen würden sonst an COVID-19 sterben.
SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Gespräch mit Markus Lanz: Wir stehen am Anfang der Pandemie. Nicht am Ende.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Gespräch mit Markus Lanz: Wir stehen am Anfang der Pandemie. Nicht am Ende.

Das Wörtchen Herdenimmunität ist derzeit ein umstrittenes Schlagwort unter Experten. Einerseits impliziert es eine Immunität gegen das Coronavirus, die natürlich wünschenswert wäre, um die Ansteckungsketten zu unterbrechen. Doch die entscheidende Frage ist, in welchem Zeitraum das passiert. Einer, der das Anstreben einer solchen Durchseuchung der Bevölkerung für außerordentlich gefährlich hält, ist SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

„Was die Pandemie angeht, sind wir noch ganz am Anfang“, sagte der Epidemiologe im Gespräch mit Markus Lanz am Mittwochabend. Selbst wenn man eine hohe Dunkelziffer mit dem Faktor 6 unterstelle, sei gerade mal 1 Prozent der Deutschen mit dem Coronavirus infiziert. „99 Prozent sind also sehr wahrscheinlich noch nicht infiziert“, erklärte Lauterbach in der ZDF-Sendung. Würde man jetzt mit den Maßnahmen vom Gas gehen, hätte man nichts erreicht. „Im Gegenteil, das in kurzer Zeit Erreichte wäre wieder verloren.“

Deutschland noch weit entfernt von Herdenimmunität

Mit 99 Prozent Nicht-Infizierten ist Deutschland noch weit weg von einer Herdenimmunität, die laut Experten frühestens dann einsetzen wird, wenn mindestens die Hälfte der Bevölkerung immun gegen das Coronavirus ist. Das Robert Koch-Institut spricht sogar von 60 bis 70 Prozent.

Darauf zu warten, bis so viele Menschen die Coronvirusinfektion durchgemacht haben, würde viele Opfer bringen. „Eine Herdenimmunität anzustreben, ist viel zu riskant“, sagte er. Eine langfristige Isolierung Älterer und Risikopersonen sei faktisch „völlig unmöglich.“ Rund 500.000 Menschen würden an COVID-19 sterben, wenn man jetzt alles wieder laufen ließe. „Wir müssen die Infektionszahlen, darum so niedrig wie möglich halten.“

Eine Impfung könnte freilich die Pandemie verkürzen. Anders als zum Beispiel das Robert Koch-Institut geht Lauterbach aber nicht von einem Impfstoff in zwölf Monaten aus. In einem bis eineinhalb  Jahren könnte bestenfalls eine Impfung für Hochrisikogruppen zur Verfügung stehen, aber wegen der mutmaßlichen Nebenwirkungen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht für die gesamte gesunde Bevölkerung. „Wir müssen damit rechnen, dass wir auch nächstes Jahr noch keinen Impfstoff haben werden.“

 

„Das wird kein normaler Sommer“

Das Andauern der COVID-19-Pandemie bedeutet also weiter empfindliche Einschränkungen für die Bevölkerung: kein Sommerurlaub in klassischerweise, keine Freibäder, kein Badesee, keine Festivals, keine Fußballspiele bis Ende des Jahres. „Wir hatten bereits den Wettbewerb um die strengste Einführung der Kontaktsperren. Jetzt darf es keinen Wettbewerb um den schnellsten Ausstieg geben“, so Lauterbach.

Den düsteren Prognosen Lauterbachs wollte die Internistin Dr. Stefanie Holm aus Hannover etwas entgegensetzten. „Wir müssen den Menschen doch Hoffnung machen“, sagte sie und brachte Hinweise ins Spiel, dass die vielen asymptomatischen Virusträger kaum ansteckend seien. Lauterbach hielt dagegen: Die aktuelle Studienlage zeige, dass Menschen die noch keine oder nie Symptome verspürten, gerade besonders ansteckend seien. „Die haben eine hohe Viruslast.“

Atemschutzmasken könnten bald Pflicht werden

Lockerungen des Lockdowns sind nach Lauterbachs Einschätzung dennoch möglich. Eine zentrale Rolle spielen dabei Atemschutzmasken. Eine soeben erschienene Analyse aller publizierten Studien zu Masken zeige, dass einfache OP-Masken auch den Träger schützten und bei korrekter Nutzung selbst in der Klinik N95 Masken nicht unterlegen seien. Selbstfabrizierte Masken seien danach weniger wirksam, aber besser als gar nichts. Unter den selbstgebastelten schnitten Masken aus Staubsaugerbeuteln am besten ab. „Wenn wir genug Masken hätten, würden wir sie auch jetzt schon zur Pflicht machen, so Lauterbach.

Mehr Hoffnung auf ein schnelles Ende der Pandemie wollte Lauterbach in der Sendung nicht machen, zumal auch der Sommer kein Abflauen verspreche. Im heißen Land Ecuador herrschten gerade apokalyptische Zustände. „Wir müssen den Menschen reinen Wein eingießen“, sagte der Mediziner und SPD-Politiker. „Wir haben noch sehr viel vor uns.“

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin , Corona
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