. Neurogenese

Riechvermögen: Warum es im Alter oft eingeschränkt ist

Das Riechvermögen lässt mit zunehmendem Alter nach. Das bedeutet nicht nur eine Einschränkung der Genussfähigkeit, sondern kann den Alltag und die Gesundheit der Betroffenen auch stark beeinträchtigen. Warum der Geruchssinn verlorengeht, hat ein Forschungsteam aus München untersucht.
Geruchssinn

Im Alter lässt das Riechvermögen oft nach

Dass wir im Alter schlechter sehen und hören können, ist den meisten Menschen bewusst. Weniger bekannt ist, dass auch das Riechvermögen im Laufe der Lebensjahre nachlässt. Bereits ab einem Alter von 52 Jahren zeigt sich bei jedem Vierten eine Verminderung der Riechleistung. Dabei geht nicht nur etwas verloren, was uns wertvolle Informationen und häufig auch Genuss und Wohlgefühl vermittelt. Der Verlust des Geruchssinns kann den Alltag der Betroffenen auch stark einschränken und zuweilen sogar gefährlich sein. Doch warum lässt das Riechvermögen im Alter eigentlich nach? Dieser Frage sind Forscher um Dr. Carsten Marr vom Helmholtz Zentrum München nachgegangen.

Leuchtende Stammzellen helfen bei der Forschung

Bei Säugetieren werden Nervenzellen vor allem in der Kindheit gebildet. Im Erwachsenenalter ist die Neubildung von Nervenzellen sehr beschränkt. Eine Ausnahme bilden die Riechnerven, die über mehrere Zwischenstadien aus Stammzellen hervorgehen. „Die Produktion dieser Nervenzellen geht mit zunehmendem Alter zur Neige. Wir wollten in der aktuellen Arbeit klären, wie es dazu kommt und welchen Beitrag die Stammzellen dabei haben“, erklärt Dr. Carsten Marr, Arbeitsgruppenleiter am Institute of Computational Biology (ICB) des Helmholtz Zentrums München.

Um dieser Frage nachzugehen, bildete Marr mit der Mathematikern Lisa Bast und den Stammzellforschern Dr. Filippo Calzolari (heute am Institut für Physiologische Chemie der Universitätsmedizin Mainz) sowie Prof. Dr. Jovica Ninkovic ein interdisziplinäres Expertenteam. „Unser Ansatz für die aktuelle Arbeit funktioniert über sogenannte Konfetti-Reporter in Mäusen: Dabei bringen wir einzelne Stammzellen und alle ihre Nachkommen – sogenannte Klone - dazu, jeweils in einer bestimmten Farbe zu leuchten“, beschreibt Filippo Calzolari das Vorgehen.

 

Künstliche Intelligenz half bei Datenauswertung

Auf diese Weise konnten die Wissenschaftler die Entwicklung einzelner Klone verfolgen und als verschiedenfarbige Punkte unterscheiden – daher der Name „Konfetti-Reporter“. „Durch den Vergleich von jungen und älteren Mäusen wollten wir im nächsten Schritt herausfinden, welchen Beitrag einzelne Stammzellen und Zwischenstufen zur Neurogenese der fertigen Riechzellen leisten“, so Calzolari weiter.

Allerdings sei die systematische Auswertung der Bilder für den Menschen kaum zu schaffen: Die vorliegenden Daten seien sehr heterogen gewesen und ein Vergleich von jungen und alten Gehirnen schwierig. Ausgewertet wurden die Daten daher mit Hilfe künstlicher Intelligenz, neu entworfener mathematischer Modelle und extra programmierter Algorithmen.

Neurogenese nimmt im Alter ab

„Wir haben die Konfetti-Messungen mit mehreren mathematischen Modellen der Neurogenese verglichen“, erklärte Lisa Bast. „Auf diese Weise konnten wir feststellen, dass vor allem in bestimmten Zwischenstadien – den sogenannten transit amplifying progenitors – die Fähigkeit zur Selbsterneuerung im Alter abnimmt.“

Zudem demonstriere die Analyse, dass in älteren Mäusen die sogenannte asymmetrische Zellteilung in Stammzellen sowie deren Ruhephasen zunehmen. „Das bedeutet, dass sich im Alter weniger Zellen zu Riechzellen weiterentwickeln und inaktiv im Stammzell-Pool verbleiben, wodurch die Produktion zum Erliegen kommt“, so Ninkovic.

Ohne Geruchssinn nimmt der Appetit ab

Dass der Geruchssinn abnimmt, wird häufig nicht oder erst spät erkannt, da die Veränderungen meist schleichend sind. Doch die Folgen eines eingeschränkten Geruchssinns können gravierend sein. Unter anderem können Betroffene ihre Essen kaum noch genießen. Denn über die Zunge nehmen wir nur grobe Geschmacksrichtungen wahr, nämlich Süß, Sauer, Salzig, Bitter und Umami. Die Nase hingegen erlaubt viel feinere Einteilungen und beeinflusst damit das, was wir schmecken.

Ist der Geschmackssinn beeinträchtigt, haben Betroffenen häufig weniger Appetit und nehmen ab. Vor allem im Alter und bei ohnehin schon dünnen Menschen kann das leicht gefährlich werden. Neben diesem Problem sind Betroffene auch in anderer Hinsicht im Alltag stark eingeschränkt. Zum Beispiel nehmen sie nicht mehr war, wenn ihre Kleidung oder sie selbst anfangen, unangenehm zu riechen.

Gefahr durch nachlassendes Riechvermögen

Der Geruchssinn ist auch wichtig, weil er ein wichtiges Signal für Gefahren ist. So kommt es bei älteren Personen mit einer Einschränkung des Riechvermögens häufiger zu Lebensmittelvergiftungen und Haushaltsunfällen: Sie riechen nicht mehr, ob das Essen auf dem Herd anbrennt oder Lebensmittel nicht mehr genießbar sind.

Wenn ein Nachlassen des Riechvermögens bemerkt wird, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Denn der Geruchssinn lässt sich durch ein spezifisches Training durchaus wieder verbessern und eine Regeneration ist bis ins hohe Alter möglich. Auch der Wechsel von Medikamenten oder Inhalationen können zu einer Verbesserung beitragen.

Foto: © YakobchukOlena - Fotolia.com

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Hauptkategorien: Medizin , Demografischer Wandel
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