. Interview

Rheuma: Heilungsähnlicher Zustand möglich

Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle, Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga, über die Zerstörung der Gelenke und wie sie mit modernen Rheumamitteln aufgehalten werden kann.
Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle

Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle

Frau Professor Gromnica-Ihle, Rheuma ist unstrittig eine Volkskrankheit. Die Angaben zu den Erkrankungszahlen schwanken allerdings zwischen neun und 20 Millionen. Woher kommen diese enormen Differenzen?

Gromnica-Ihle: Das kommt daher, dass Rheuma kein eigenständiges Krankheitsbild ist und hinter dem Begriff über 100 rheumatische Erkrankungen stecken. Je nachdem, welche Krankheitsgruppen Sie mitzählen, kommt es zu unterschiedlichen Zahlen.

Welche Krankheitsbilder zählen Sie dazu?

Gromnica-Ihle: Wir schliessen uns der Europäischen Gesellschaft für Rheumatologie an, die Rheuma als Überbegriff für Erkrankungen definiert, die an den Bewegungsorganen auftreten und fast immer mit Schmerzen und Funktionseinschränkungen verbunden sind. Dazu gehört der Rückenschmerz mit sieben Millionen Betroffenen in Deutschland, die Osteoporose mit acht Millionen, die Arthrose mit fünf und schliesslich die entzündlich rheumatischen Erkrankungen mit rund 1,6 Millionen betroffenen Menschen.

Bleiben wir bei den entzündlich rheumatischen Erkrankungen. Die häufigste Erkrankung aus dieser Gruppe ist die rheumatoide Arthritis - kurz RA. Was weiss man heute über deren Ursachen?

Gromnica-Ihle: Die rheumatoide Arthritis ist eine Autoimmunerkrankung. Das bedeutet, das Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper und greift Knorpel und Knochen an. Die Ursachen hierfür sind noch weitgehend unklar, offenkundig scheint es sich eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren zu sein. Während der genetische Einfluss unter anderem durch Zwillingsstudien nachgewiesen wurde, wissen wir über die Umwelteinflüsse wenig. Rauchen ist bislang der einzig bekannte Umweltfaktor, der bei der RA eine Rolle spielt.

Was macht das Immunsystem mit den Gelenken?

Gromnica-Ihle: Bei der RA fängt die Gelenkinnenhaut plötzlich an zu wuchern und zerstört fast wie ein Tumor Knorpel und Knochen. Etwa sechs Monate nach Erkrankungsbeginn sind bereits kleine Löcher,so genannte Usuren vorhanden. Unbehandelt schreitet die Gelenkzerstörung immer weiter fort.

Sind die Zerstörungen an den Gelenken irreversibel?

Gromnica-Ihle: In der Regel ist die Zerstörung unwiderruflich. Mit modernen Rheumamitteln können wir aber ins Immunsystem eingreifen und bei vielen Patienten einen Krankheitsstillstand erreichen. Davon haben wir vor 20 Jahren nur geträumt.

Ihr Credo lautet: Reagieren auf eine Früharthritis.

Gromnica-Ihle: Das Entscheidende ist, die RA zu behandeln, bevor die Gelenkzerstörung überhaupt begonnen hat. Deshalb sollte jeder die Frühsymptome kennen und ernst nehmen. Wenn jemand mindestens sechs Wochen lang zwei oder mehr geschwollene Gelenke an den Händen oder Vorfüssen hat, dies mehr oder weniger symmetrisch auftritt und mit einer Morgensteifigkeit von einer Stunde einhergeht - dann sollte der Betroffene unbedingt einen Rheumatologen aufsuchen.

Gibt es denn genügend Rheumatologen in Deutschland?

Gromnica-Ihle: Es gibt leider viel zu wenige. Nur 20 Prozent aller Patienten bekommen deshalb innerhalb der ersten zwölf Wochen einen Termin. Alle anderen kommen später. Das ist ein echtes Problem.

Die ersten drei Monate sind entscheidend, um dem Zerstörungsprozess zuvorzukommen?

Gromnica-Ihle: Wenn der Patient innerhalb von zwölf Wochen mit einer Basistherapie beginnt und es gelingt, den Entzündungsprozess zu stoppen, dann haben wir Aussicht auf einen heilungsähnlichen Zustand. Denn in dieser Zeit haben noch keine Gelenkzerstörungen stattgefunden.

Nicht jeder spricht sofort auf die Basistherapie an. Geht da nicht auch wertvolle Zeit verloren?

Gromnica-Ihle: Es dauert allein vier Wochen, bis die Basistherapie wirkt. Bei einigen Patienten zeigt die Therapie auch nach sechs Wochen keine Wirkung und wir müssen entweder die Dosis erhöhen oder das Präparat wechseln. Diese Zeiten überbrücken wir mit Cortison. Cortison dämpft die Entzündung und verlangsamt auch die Gelenkzerstörung, allerdings verursacht es auch schwere Nebenwirkungen wie Osteoporose. Deshalb sollte Cortison nur eine Brücke sein, bis die richtige Basistherapie gefunden ist oder der Patient auf Biologika umgestellt ist.

Was können Biologika, was herkömmliche Rheumamittel nicht können?

Gromnica-Ihle: Biologika greifen noch gezielter ins Immunsystem ein. Sie schalten bestimmte Botenstoffe, so genannte Interleukine, die für den Entzündungsprozess verantwortlich sind, ganz gezielt aus. Dadurch kann auch bei den Patienten, die auf die Basistherapie nicht reagieren, die Krankheitsprogression verlangsamt oder sogar gestoppt werden.

Könnte man Biologika als Durchbruch in der Rheumatherapie bezeichnen?

Gromnica-Ihle: Die Einführung der Biologika im Jahr 2000 war ganz sicher ein Meilenstein. Es muss aber dazu gesagt werden, dass auch diese Präparate bei 20 Prozent der Patienten nicht wirken und es viele Kontraindikationen gibt. Hinzukommt, dass die Patienten, die schon vor Jahrzehnten erkrankt sind, nicht ausreichend von Biologika profitieren, weil ihre Krankheit in der Regel bereits weit fortgeschritten ist. Gelenkzerstörungen können auch Biologika nicht wieder rückgängig machen.Wer heute an RA erkrankt, hat auf jeden Fall eine deutlich bessere Prognose. Einige Patienten kommen sogar von der Therapie wieder los und können ein Leben ohne Medikamente führen. Bislang sind das noch Einzelfälle, aber ihre Zahl nimmt zu.

Rheumatoide Arthritis war bislang mit erhöhter Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung assoziiert. Wird sich das künftig ändern?

Gromnica-Ihle: Wir wissen aus Untersuchungen mit bestimmten Biologika, dass sich die Arbeitsfähigkeit verbessert und das Berentungsrisiko sinkt. Dieser Trend wird zunehmen. Zu einer effektiven RA-Therapie gehören aber auch ein Bewegungstraining und Patientenschulung. Das darf bei allen medikamentösen Fortschritten nicht vergessen werden. 

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin

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