. Barmer-Arztreport 2019

„Reizdarmsyndrom wird oft falsch behandelt“

Zu viele Röntgenuntersuchungen, Schmerzmittel mit Suchtfaktor: Nach dem „Arztreport 2019“ der Barmer sind Diagnostik und Behandlung beim Reizdarmsyndrom zu sehr auf die körperliche Seite der Krankheit fixiert und in bestimmten Fällen sogar riskant. Die Alternative: ein multidisziplinärer Behandlungsansatz, der Ursachen ganzheitlich betrachtet und Ernährung und psychische Ursachen mit einschließt.
Frau mit Wärmflasche auf dem Bauch, sitzend im Bett

Reizdarmsyndrom: Eine gestörte Funktion des Darms mit Schmerzen, Blähungen und Unwohlsein im Bauchbereich.

Durchfall, Krämpfe, Verstopfung: Eine Million Deutsche waren im Jahr 2017 mit der Diagnose „Reizdarmsyndrom“ (RDS) konfrontiert. Nach dem aktuellen Arztreport der Krankenkasse „Barmer“ ist dies jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Denn zahlreiche Betroffene meiden offenbar aus Scham den Gang zum Arzt. Tatsächlich sei davon auszugehen, dass bis zu elf Millionen Erwachsene an dieser Gruppe funktioneller Darmerkrankungen leiden, heißt es in der Studie weiter. Auffälliger Trend dabei: Immer mehr Jüngere sind von diesem Krankheitsbild betroffen. So stieg die Zahl der Reizdarmpatienten in der Altersgruppe von 23 bis einschließlich 27 Jahren seit 2005 von knapp 40.000 auf rund 68.000 – ein Zuwachs von 70 Prozent.

Reizdarmsyndrom wird häufig jahrelang nicht erkannt

Beim „Reizdarmsyndrom"  handelt es sich um eine gestörte Funktion des Darms mit Schmerzen, Blähungen, Unwohlsein im Bauchraum zusammen mit einer Veränderung in den Stuhlgewohnheiten, nachdem organische oder biochemische Ursachen wie Krebs, Magengeschwüre oder Lebensmittelunverträglichkeiten diagnostisch ausgeschlossen werden konnten. „Die Betroffenen leiden mitunter schon viele Jahre an einem Reizdarmsyndrom und suchen deswegen immer wieder Hilfe beim Arzt“, sagte Barmer-Vorstandschef Christoph Straub. „Die Erkrankung wird aber lange Zeit nicht erkannt, und die Betroffenen erhalten eine falsche Therapie.“

Die Autoren des jetzt vorgelegten Arztreports 2019 setzen sich deshalb kritisch mit den gängigen Behandlungskonzepten auseinander und registrieren insbesondere einen „viel zu häufigen Einsatz“ von bilddiagnostischen Verfahren. So seien im Jahr 2017 mehr als 130.000 Reizdarm-Patienten per Computertomografie (CT) und mehr als 200.000 Betroffene per Magnetresonanztomografie (MRT) untersucht worden, obwohl sie bei dieser Erkrankung von zweifelhaftem Nutzen seien, heißt es im Barmer-Arztreport. Dabei sollte gerade die CT-Diagnostik aufgrund der hohen Strahlenbelastung nur zurückhaltend eingesetzt werden. Trotzdem hätten 9,2 Prozent der ambulanten und 5,6 Prozent der Fälle im Krankenhaus im zeitlichen Umfeld der Diagnose eine CT-Untersuchung erhalten.

 

 

Ein vergleichbares Bild zeichnet der Report für den Bereich der MRT-Diagnostik. Bei dieser Untersuchungsmethode wird zwar keine Röntgenstrahlung frei. Die Wirkungen der hierbei auftretenden magnetischen Wechselfelder auf lebendes Gewebe allerdings gelten als nicht vollständig erforscht und eignen sich dem Arztreport zufolge „für die Diagnostik des Reizdarms ebenso wenig“ wie CT.

Umstritten: Magensäureblocker und opioidhaltige Schmerzmittel

Aber nicht nur in der Diagnostik, auch in der Behandlung selbst gibt es laut Barmer-Arztreport „verschiedene zweifelhafte Ansätze, die nicht frei von Risiken sind“. So bekamen 38 Prozent der Betroffenen (in absoluten Zahlen: rund 400.000) von ihrem Arzt Protonenpumpenhemmer verschrieben. Diese umgangssprachlich „Magensäureblocker“ genannten Medikamente sollen eigentlich zum Schutz des Magens gegen zu viel Magensäure eingesetzt werden. Der Nutzen bei einem Reizdarmsyndrom ist dagegen umstritten. Auch opioidhaltige Schmerzmittel werden dem Report zufolge vergleichsweise häufig verschrieben und zwar an rund 100.000 Patienten und damit immerhin 44 Prozent mehr als in einer Vergleichsgruppe. Hier sei nicht nur die Wirkung fraglich, sondern es drohe das Risiko einer Medikamentenabhängigkeit.

Patienten durchlaufen oft Odyssee bis zur richtigen Diagnose

Viele der Betroffenen durchlaufen dem Report zufolge „eine wahre Arzt-Odyssee, bevor sie die richtige Diagnose erhalten“. „Bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms ist es besonders wichtig, den ganzheitlichen Blick auf Körper und Geist zu richten“, sagte der Autor des Arztreports und Geschäftsführer des aQua-Instituts in Göttingen, Joachim Szecsenyi. Der Vorstandschef der Barmer, Christoph Straub, unterstreicht diese Position, wenn er sagt: „Menschen mit Reizdarmsyndrom leiden nicht an einer rein körperlichen Erkrankung. Das muss bei Diagnostik und Therapie stärker berücksichtigt werden.“ Nötig sei ein multidisziplinärer Behandlungsansatz, schließlich sei nicht allein der Darm das Problem. In einem solchen ganzheitlichen Ansatz ist es dem Arztreport-Autor Szecsenyi zufolge wichtig und nötig, dass Hausärzte oder Internisten eng mit Schmerztherapeuten, aber auch zertifizierten Ernährungsexperten zusammenarbeiten. Nicht fehlen dürfe der Aspekt der Psychosomatik, sagt Szecsenyi. Das Reizdarmsyndrom könne eben auch psychische Ursachen haben.

Foto: Fotolia.com/absolutimages

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