. Interview

„Reha geht auch neben dem Beruf“

Kinder, Job – und Reha? Mit der „Berufsbegleitenden Rehabilitation“ passt alles unter einen Hut, meint Christoph Gensch von der Deutschen Rentenversicherung Bund. Im Interview verrät der Reha-Experte, was es mit dem neuen Modellprojekt auf sich hat.

Im April ist das Modellprojekt „Berufsbegleitende Rehabilitation“ in Berlin gestartet. Wen hat die Deutsche Rentenversicherung dabei im Blick, Herr Gensch?

Gensch: Das Projekt richtet sich an Versicherte mit chronischem Rückenschmerz, die einen Rehabedarf haben, eine klassische Reha jedoch aus den verschiedensten Gründen nicht machen können oder wollen. Das kann die alleinerziehende Mutter sein, die für ihre Kinder sorgen muss, der Berufstätige, der auf keinen Fall im Job ausfallen will, oder jemand, der einen Angehörigen pflegen muss.

Für die drei Wochen Standard-Reha haben diese Menschen keine Zeit?

Gensch: Wir wissen seit Jahren, dass wir mit unseren Reha-Angeboten eine bestimmte Gruppe nicht erreichen. Und wir wissen auf der anderen Seite, dass gerade bei chronischem Rückenschmerz eine Erwerbsminderung oder Frühverrentung drohen kann. Das kann niemand wirklich wollen.

Mit der berufsbegleitenden Rehabilitation wollen Sie die Schmerzen nach Feierabend lindern?

Gensch: Es geht nicht nur um eine Schmerzlinderung, sondern um die Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz. Der Vorteil ist, dass diese Reha-Leistung und das dabei Gelernte in den Arbeitsalltag integriert werden kann. Reha wird so wesentlich flexibler. Zweimal in der Woche einen Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr Zeit nehmen – das können sich die allermeisten einrichten. Da wir in Berlin und Brandenburg jeweils mit einem Reha-Zentrum kooperieren, halten sich auch die Anfahrtswege in Grenzen.

Wie lange dauert die berufsbegleitende Rehabilitation?

Gensch: Zwölf Wochen. Auch das ist ein Vorteil gegenüber der Standard-Reha. Denn Menschen mit chronischem Rückenschmerz brauchen eine längere Begleitung, weil es vornehmlich um Lebensstiländerungen und das Erarbeiten von Strategien im Umgang mit der Erkrankung geht.

Lebensstiländerungen helfen bei Rückenschmerzen?

Gensch: Bei den Versicherten, die wir im Auge haben, sind weniger Physiotherapie, Medikamente oder gar eine Operation indiziert, als vielmehr aktivierende Übungen - sprich mehr und bessere Bewegung. Es sind nämlich meist sitzende Tätigkeiten und Bewegungsmangel, die den Rücken überfordern. Wenn der behandelnde Orthopäde der Meinung ist, dass der Körper die Beschwerden durch eine intensivierte Schulung kompensieren kann, dann ist die berufsbegleitende Reha sogar besser geeignet als die Standard-Reha. Die Teilnehmer lernen hier, wie man den gesamten Halteapparat aus Muskeln, Bändern und Bindegewebe stärken kann und wie man das Ganze in den Arbeitsalltag integriert.

Und das funktioniert?

Gensch: Für unser Modellprojekt, das jetzt erst startet, liegen natürlich noch keine Ergebnisse vor. Aber von chronischem Low-back-pain weiß man heute, dass die richtige Bewegung in den meisten Fällen viel besser hilft als jede High-Tech-Medizin.

Sie sagten, den Betroffenen droht Arbeitsunfähigkeit. Welche Voraussetzungen muss denn ein Versicherter erfüllen, um die berufsbegleitende Reha bewilligt zu bekommen?

Gensch: Es sind die gleichen Bedingungen, die für jede Reha gelten: Die Person muss bei der Deutschen Rentenversicherung versichert sein und für den sozialmedizinischen Dienst der Rentenversicherung muss eine erhebliche Gefährdung der beruflichen Leistungsfähigkeit und damit ein Rehabilitationsbedarf nachvollziehbar sein. Bei dieser Maßnahme wird außerdem vorausgesetzt, dass die Versicherten berufstätig und nicht krankgeschrieben sind und eben keine Standard-Reha in Anspruch nehmen - aus den genannten Gründen. Insgesamt handelt es sich bisher noch um eine kleine Gruppe, die uns aber sehr wichtig ist. Schließlich gilt das Motto „Reha vor Rente“ für jeden.

Noch ist es ein Modellprojekt. Wollen Sie das Programm später auf andere Bundesländer ausweiten?

Gensch: Wir evaluieren das Modellprojekt wissenschaftlich, indem wir die Teilnehmer auf freiwilliger Basis befragen, die medizinischen Abschlussberichte auswerten und uns auch das Feedback der Kliniken einholen. Wenn die Ergebnisse wie erwartet positiv ausfallen, dann werden wir das auch für die Bundesebene vorschlagen. Erst einmal müssen wir aber dieses Pilotprojekt erfolgreich zu Ende bringen.

Wann wird das sein?

Gensch: Geplant ist, dass das Projekt bis Januar 2018 läuft. Derzeit sind wir dabei, es noch bekannter zu machen. Bei den Ärzten, aber auch bei größeren Firmen.

Welchen Trumpf haben Sie gegenüber einem Unternehmen in der Hand?

Gensch: Der Vorteil einer Rehabilitation für den Arbeitgeber liegt auf der Hand: Arbeitnehmer profitieren von der Reha, sie fehlen seltener am Arbeitsplatz und sind leistungsfähiger. Im Fall des berufsbegleitenden Angebots kommt hinzu, dass die Arbeit während der Reha praktisch ohne Abstriche fortgesetzt werden kann. Auch können die in der Rehabilitation erarbeiteten alternativen Bewegungsmuster und Bewältigungsstrategien direkt im Arbeitsalltag erprobt oder umgesetzt werden. Wenn Gelerntes nicht umsetzbar ist, besteht die Möglichkeit, direkt Alternativen zu entwickeln. Ich denke, das sind überzeugende Argumente, berufsbegleitende Reha lohnt sich. 

Hauptkategorie: Prävention und Reha
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