. Radiopharmakon

Radioaktives Medikament verstrahlt Prostatakarzinom von innen

Mit einem neuen radioaktiven Arzneimittel markieren und bestrahlen Ärzte der Uniklinik Heidelberg seit 2011 Prostatatumoren und ihre Metastasen. Nun wollen sie das Verfahren auch bei anderen Krebserkrankungen prüfen.
Radioaktives Medikament verstrahlt Prostatakarzinom von innen

BVmed/hollister

Ein Eiweiss namens PSMA ist vor einigen Jahren ins Visier der Krebsforscher geraten. Das Prostata-spezifisches Membran-Antigen - kurz PSMA - wird in Prostatakarzinomen und seinen Metastasen in bis zu zehnmal höherer Konzentration gebildet als in gesundem Gewebe. Weltweit forschen Wissenschaftler daran, geeignete Substanzen zu finden, die gezielt an dieses Eiweiss binden und die Krebszellen zu zerstören.

Neues Radiopharmakon: Therapie und Diagnostik von Prostatakarzinomen

Heidelberger Wissenschaftlern ist dies mit einem neuen Radiopharmakon möglicherweise gelungen. Seit 2011 erhalten in Heidelberg erste Patienten mit fortgeschrittenem, therapieresistentem Prostatakarzinom das radioaktive Arzneimittel. Die Ärzte erhoffen sich, das Tumorwachstum damit langanhaltend unter Kontrolle zu bringen. Langzeitdaten gibt es nicht, das Verfahren wird bislang ausschliesslich an der Uniklinik Heidelberg angewendet. Dort setzen es die Ärzte nicht nur zur Therapie, sondern auch zur Diagnostik des Prostatakarzinoms und seiner Metastasen ein. Das neue radioaktive Kontrastmittel soll insbesondere Metastasen besser als gängige Substanzen markieren.

Die radioaktive Substanz haben Forscher des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Kooperation mit Nuklearmedizinern des Universitätsklinikums Heidelberg und einer amerikanischen Firma entwickelt. "Je aggressiver der Tumor, desto mehr PSMA und damit mehr Bindungsstellen für das neue Radiopharmakon tragen die Tumorzellen an ihrer Oberfläche", erklärt Professor Dr. Uwe Haberkorn, Ärztlicher Direktor der Abteilung Nuklearmedizin an der Radiologischen Universitätsklinik Heidelberg und am DKFZ. Daher sei das neue Mittel treffgenauer als gängige Radiopharmaka - mit denen Tumoren üblicherweise dargestellt werden. "Im Vergleich zu den Standardverfahren erreichen wir mit dem neuen radioaktiven Marker einen deutlich besseren Kontrast zwischen Tumor und gesundem Gewebe und können nun kleinere Metastasen oder Rezidive, also erneut gewachsene Tumoren, besser erkennen", sagt Haberkorn. Das verbessere die Therapieplanung. Haberkorn setzt das neue Kontrastmittel, bestückt mit dem nur wenige Stunden haltbaren radioaktiven Isotop Gallium-68, seit 2011 in der Krebsdiagnostik ein.

Bei der Therapie kommt stärker strahlendes Jod dazu

Überdies haben Haberkorn und sein Team erste Patienten, die auf keine andere Therapie angesprochen haben, mit dem PSMA-bindende Radiopharmakon behandelt. Zur Bestrahlung des Tumors von innen wird das Mittel zuvor mit einem etwas stärker strahlendem Element wie etwa radioaktivem Jod-131 beladen. Das Eiweiss PSMA transportiert angelagerte Moleküle dann ins Zellinnere. So kann die Strahlung in die Tumorzellen gelangen und dort ihre zerstörerische Wirkung entfalten. Da nahezu ausschliesslich Krebszellen das Radiopharmakon aufnehmen, wird nach Aussage des Nuklearmediziners nur in Tumoren eine schädliche Strahlendosis erreicht. "Diese selektive Anreicherung des radioaktiven Medikaments im Tumorgewebe erreichen wir derzeit mit nur wenigen gängigen Therapien."

Das Team um Professor Haberkorn will nun das PSMA-Radiopharmakon einer breiteren Anwendung zugänglich machen. Dazu sollen weitere therapeutische Wirkstoffe sowie ein Kontrastmittel mit etwas länger haltbaren radioaktiven Elementen hergestellt werden. So kann es auch in weiter entfernte Kliniken und Praxen transportiert werden. "Parallel dazu erforschen wir, ob sich PSMA-Radiopharmaka auch in der Diagnose und Therapie anderer Tumorerkrankungen wie Darm-, Brust- und Hautkrebs einsetzen lassen. Auch diese Tumoren bilden verstärkt PSMA, allerdings nur in den im Tumor neu gebildeten Blutgefässen", sagt der Nuklearmediziner. Das Vorhaben wird von der Klaus Tschira Stiftung in den kommenden drei Jahren mit insgesamt 436.500 Euro unterstützt.

Über 60.000 neu aufgetretene Prostatakarzinome werden in Deutschland pro Jahr diagnostiziert. Die Erkrankung ist tückisch. Symptome bemerken die Männer oft erst dann, wenn der Krebs bereits weit fortgeschritten und unter Umständen nicht mehr heilbar ist.

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