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Putenfleisch bei Lidl und Aldi teils massiv mit multiresistenten Krankheitserregern belastet

Mitarbeiter der Deutschen Umwelthilfe haben 62 Testkäufe bei Discountern durchgeführt und das erworbene Putenfleisch zur Analyse ins Labor geschickt. Mehr als jede vierte Probe war mit antibiotika-resistenten Keimen belastet. Einige Erreger waren sogar gegen „Reserve-Antibiotika" resistent. Diese kommen zum Einsatz, wenn Standard-Antibiotika nicht mehr helfen.
Putenfleisch im Labor.

Multiresistente Erreger in Putenfleisch: Das zeigen seit Jahren staatlich durchgeführte Kontrollen; das zeigen jetzt die Testkäufe der Deutschen Umwelthilfe. Doch mit multiresistenten Keimen verseuchtes Fleisch zu verkaufen, ist in Deutschland völlig legal.

Neue Labortests im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) zeigen, wie massiv teilweise die Belastung mit multiresistenten Krankheitserregern bei Putenfleisch ist. Die DUH hat dazu in verschiedenen Regionen Deutschlands 62 Testkäufe bei Discountern durchgeführt, jeweils 31 in Lidl- und 31 in Aldi-Filialen. Gekauft wurde immer Putenfleisch der Haltungsstufe 2 („Stallhaltung Plus“). Eine Untersuchung dieser Proben am „Institut für Pharmazie und Pharmazeutische Mikrobiologie der Universität Greifswald“ ergab: Jede dritte Putenfleischprobe von Lidl und jede vierte Probe von Aldi war mit antibiotika-resistenten Keimen belastet. Auf jeder vierten Lidl-Putenfleischprobe (26 Prozent) fand das Labor sogar besonders gesundheitsgefährliche Erreger, die gegen die für Menschen wichtigen Reserve-Antibiotika resistent sind.

Die Bedeutung von „Reserve-Antibiotika“

Reserve-Antibiotika sind keimtötende Medikamente, die (erst) dann zum Einsatz kommen sollten, wenn Standard-Antibiotika wie zum Beispiel die bewährten und in vielen Fällen wirksamen Penicilline nicht mehr helfen. Deshalb sollten sie auch in der Medizin sparsam verschrieben werden, was aber häufig selbst hier nicht der Fall ist.

 

Antibiotika: Schon in der Humanmedizin ein heißes Thema

Die Verordnung von Antibiotika ist bereits in der Humanmedizin ein heißes Thema. Nach einem Lagebericht des „Wissenschaftlichen Instituts der AOK" (WIdO) verschreiben Ärzte auch für Menschen oft vorschnell Antibiotika und häufig auch sehr starke und unspezifische, die quasi nach dem Schrotflintenprinzip wirken. So wurde im Kalenderjahr 2019 in jedem zweiten Fall (53 Prozent) von Ärzten ein Reserve-Antibiotikum verschrieben.

Tiermedizin: 670 Tonnen Antibiotika jährlich zugefüttert

In der Tiermedizin ist das Thema noch einmal heißer. In der Tierhaltung zur Produktion von Lebensmitteln werden derzeit laut WIdO jährlich mit 670 Tonnen zusätzlich noch einmal doppelt so viele Antibiotika eingesetzt wie bei der Heilung von Menschen (339 Tonnen). Der Grund für einen Medikamenten-Einsatz im Tonnen-Bereich liegt laut Umwelthilfe in der industriellen Massentierhaltung, wo sich große Mengen von Tieren in rasanter Geschwindigkeit gegenseitig anstecken können.

Wie resistente Keime in die Nahrungskette gelangen

Um eine Ansteckung möglichst zu verhindern, werden den Tieren Antibiotika unter anderem in die Tränke gegeben oder ins Futter gemischt. Die Wirkstoffe gelangen dann über den Verzehr von Rind- und Schweinefleisch, Geflügel und Fisch oder über das Grundwasser in die Körper der Verbraucher. Die zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika verursachen dabei schwerwiegende Probleme.

EU: 33.000 Tote im Jahr durch multiresistente Keime

Nach Angaben der DUH infizieren sich in Europa jährlich rund 670.000 Menschen mit antibiotika-resistenten Erregern. Davon stammten mehr als 245.000 Infektionen aus Quellen außerhalb der Gesundheitsversorgung, darunter der Massentierhaltung. Nach Angaben der Europäischen Seuchenbehörde ECDC sterben in der EU jedes Jahr rund 33.000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Keimen, gegen die die verfügbaren Antibiotika machtlos sind.

Antibiotika: „Wunderwaffen werden zunehmend stumpfer“

„Die einstigen Wunderwaffen gegen Infektionskrankheiten werden durch ihren starken Einsatz sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tierhaltung zunehmend stumpfer", sagt Helmut Schröder, der stellvertretende Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Nach Einschätzung von Experten könnten das Problem der Resistenzen eines Tages „pandemieähnliche Dimensionen" annehmen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt deshalb, Reserve-Antibiotika Menschen vorzubehalten, sie nur in Ausnahmefällen bei Haustieren und gar nicht bei Tieren in der Fleischwirtschaft einzusetzen.

Umwelthilfe: Massentierhaltung „katastrophales System“

Die DUH nahm die Analyse-Ergebnisse zum Anlass, ihre Forderung nach einem Verbot der bisher erlaubten Massenmedikation mit Reserve-Antibiotika in der industriellen Tierhaltung schnellstmöglich zu beenden. „Geflügel in Massentierhaltung wird vollgepumpt mit Antibiotika“, sagte der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Sascha Müller-Kraenner, auf einer Pressekonferenz in Berlin. „Dieses katastrophale System muss beendet werden. Kommission und Parlament müssen auf EU-Ebene Reserve-Antibiotika als Massenmedikation in der industriellen Tierhaltung verbieten und nur noch für die Einzeltierbehandlung beispielsweise von Haustieren erlauben.“

Weltärztebund: „Reserve-Antibiotika nur noch für Menschen"

Der Präsident des Ständigen Ausschusses der Ärzte der Europäischen Union und Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, forderte bei der Veranstaltung die Beschränkung der Reserve-Antibiotika auf den Einsatz beim Menschen, damit schwerstkranke Menschen eine Chance auf Heilung bekämen. „Antibiotika werden in der Tierhaltung eingesetzt, um Mängel auszugleichen in nicht-artgerechten Haltungsformen“, sagte Montgomery weiter. Er forderte das EU-Parlament auf, bei seiner für September geplanten Abstimmung „den Weg der Vernunft und der Menschlichkeit zu gehen und den Änderungsvorschlag des Umweltausschusses zur Tierarzneimittelverordnung anzunehmen“.

DUH-Expertin: Bäuerliche Betriebe – gesündere Tiere

Die Agrarexpertin der Umwelthilfe, Reinhild Benning, forderte einen sofortigen Ausstieg aus den – auf Fleischetiketten verwendeten – Haltungsstufen 1 und 2 („Stallhaltung“ bzw. „Stallhaltung plus“). Der Handel müsse langfristige Verträge mit bäuerlichen Betrieben mit Haltung 3 und 4 („Außenklima“ bzw. „Premium“) zu fairen Erzeugerpreisen schließen. Puten aus Öko-Landbau seien erheblich weniger belastet mit resistenten Erregern als Puten aus konventioneller Massentierhaltung. Benning wörtlich: „Gesunde Tiere brauchen keine Antibiotika.“

Foto: AdobeStock/didesign

Hauptkategorie: Umwelt und Ernährung
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