Psychische Erkrankungen erschweren Wiedereinstieg ins Berufsleben

Langzeitarbeitslose: Oft erschweren psychische Erkrankungen die Jobsuche
Psychische Erkrankungen treten bei Arbeitslosen deutlich häufiger auf als bei Erwerbstätigen, da Arbeitslosigkeit meistens als großer Stress erlebt wird. Umgekehrt können psychische Probleme aber nicht nur die Folge, sondern auch die Ursache der Arbeitslosigkeit sein. Tatsächlich sind unzureichend behandelte psychische Erkrankungen nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe die größte Barriere, um Langzeitarbeitslose wieder in einen Job zu bringen. Die Stiftung macht daher auf die Erfolge des Psychosozialen Coachings aufmerksam, das seit einigen Jahren in verschiedenen Städten erprobt wird.
Psychische Erkrankungen erkennen und behandeln
Ziel des Psychosozialen Coachings ist es, nicht oder nicht optimal behandelte psychische Erkrankungen bei älteren Langzeitarbeitslosen zu erkennen und den Betroffenen Hilfe zu vermitteln. Dafür werden unter anderem Vermittlungsfachkräfte in den Jobcentern von Mitarbeitern des Projekts daraufhin geschult, Hinweise auf psychische Erkrankungen zu erkennen. Betroffenen wird dann eine freiwillige Teilnahme am Psychosozialen Coaching angeboten. Dort erhalten sie Informationen zu ihrer Erkrankung und eine Beratung zu Behandlungsmöglichkeiten. Zudem gibt es die Möglichkeit, an Gruppenprogrammen, beispielsweise zum Stressabbau, teilzunehmen.
„Mit dem Psychosozialen Coaching sorgen wir dafür, dass psychisch Erkrankte häufiger eine konsequente Behandlung erhalten und beseitigen so dieses große Vermittlungshemmnis“, erklärt Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Eine Studie der Universität Leipzig konnte zeigen, dass das Coaching effektiv dazu beiträgt, betroffenen Langzeitarbeitslosen den Wiedereinstieg in das Arbeitsleben zu ermöglichen.
Über 30 Prozent gelang der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben
In Leipzig kommt das Psychosoziale Coaching seit 2011 erfolgreich zum Einsatz. In einer begleitenden Studie der Universität Leipzig mit den ersten 1.000 Teilnehmern wiesen 66 Prozent mindestens eine psychische Erkrankung auf. Der Großteil der Betroffenen wusste bis dahin nicht, dass eine Erkrankung vorliegt, und erhielt daher auch keine Behandlung. Im Anschluss an das Coaching konnten 30,8 Prozent der Teilnehmer wieder eine Arbeit aufnehmen, so das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2015. „Bei Menschen, die so lange arbeitslos waren, ist dies eine ausgezeichnete Vermittlungsrate“, so Hegerl.
Im Rahmen des Psychosozialen Coachings kooperiert das Jobcenter direkt mit einer Versorgungseinrichtung vor Ort, die den eingesetzten Psychologen oder Arzt entsendet. Dieser prüft in einem Erstgespräch, ob eine psychiatrische Erkrankung vorliegt und ob diese adäquat behandelt wird. Der Kunde erhält dann Informationen zu seiner Erkrankung und wird im Sinne einer Lotsenfunktion dabei unterstützt, in die richtige Behandlung zu kommen.
Hoffnung auf Unterstützung durch die Politik
Nach dem Erfolg in Leipzig und München wurde das Psychosoziale Coaching über die Stiftung Deutsche Depressionshilfe seit 2015 u.a. bereits in Hildesheim, Marburg, Dortmund und Berlin etabliert. Jedoch gab es an vielen Standorten nur eine projektbezogene Förderung für einen Zeitraum von zwei Jahren. Es fehlt weiterhin eine langfristige, bundesweite Finanzierung. „Viele Maßnahmen gegen Langzeitarbeitslosigkeit laufen ins Leere, wenn nicht zunächst psychische Erkrankungen als das wohl größte beseitigbare Vermittlungshemmnis angegangen werden“, so Hegerl. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat daher Bundesarbeitsminister Hubertus Heil auf das Problem aufmerksam gemacht. Die Experten hoffen nun, dass die neue Bundesregierung die Chancen, die das Psychosoziale Coaching bietet, erkennt und das Projekt weiterhin unterstützt.
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