. Fachveranstaltung „Arbeit für psychisch Erkrankte“

Psychisch Kranke haben auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum eine Chance

Nur zehn Prozent aller Menschen mit einer schweren psychischen Erkrankung arbeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt. Dabei könnte eine angemessene Arbeit Betroffenen sogar helfen. Doch gegenwärtig fehlt es an ausreichenden Unterstützungsangeboten.
Psychisch Kranke haben kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt

Langzeitarbeitslose und Hartz-IV-Empfänger sind überdurchschnittlich häufig psychisch erkrankt

Psychische Erkrankungen sind ein weites Feld. Sie reichen von schweren bipolaren Störungen und Schizophrenie bis hin zu einer vorübergehenden Depression. Nicht alle Betroffenen benötigen Hilfe. Doch wer einmal wegen einer psychischen Diagnose ausgefallen ist, hat es oft schwer wieder in den Berufsalltag zurückzukehren. „Psychische Erkrankungen sind die Hauptursache für eine frühzeitige Erwerbsunfähigkeit“, sagte Prof. Dr. Wolfgang Maier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) auf einer Fachveranstaltung am 8. Januar in Berlin. Nicht-Arbeit und psychische Erkrankung sei ein Teufelskreislauf, dem gegenwärtig nur wenige entkommen könnten.

Psychische Erkrankungen: geregelte Arbeit oftmals die beste Therapie

Nur zehn Prozent aller psychisch Kranken mit schweren und chronischen Verläufen sind laut DGPNN auf dem ersten Arbeitsmarkt in eine Voll- oder Teilzeitarbeit integriert. Mehr als die Hälfte ist hingegen ist von Arbeitslosigkeit oder Frühberentung betroffen. So hat unter anderem eine Studie der Bundesagentur für Arbeit gezeigt, dass ein gutes Drittel aller Hartz-IV-Empfänger an einer psychischen Erkrankung leidet. Unter den schwer Vermittelbaren sollen sogar bis zu Dreiviertel psychische Probleme haben. „Häufig verschlechtert sich das Krankheitsbild im Zeitablauf“, sagte Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. „Dann sind die Menschen entweder gar nicht mehr vermittelbar oder sie stehen spätestens nach einem Jahr wieder auf der Straße.“

 

Das Ziel der Inklusion wird durch Schutzmaßnahmen nicht erreicht

Zunehmend bilden Behindertenwerkstätten ein Auffangbecken für psychisch Kranke. Von den deutschlandweit rund 60.000 Werkstätten-Beschäftigten habe mittlerweile jeder fünfte eine psychiatrische Diagnose, berichtete Andreas Sperlich von der Landesarbeitsgesellschaft der Werkstätten für behinderte Menschen e.V.  Das Ziel einer wirklichen Inklusion ist nach Ansicht von Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller von der Universitätsmedizin Leipzig damit für viele psychisch Kranken aber verfehlt. „Arbeit in geschützten Werkstätten und soziale Absicherung durch frühe Berentung können die Chancen einer regelhaften Beschäftigung nicht ersetzen“, meinte die Arbeitsmedizinerin und Vorstandsmitglied im DGPNN. Denn Arbeit sei auch bei einer psychischen Erkrankung ein wichtiger Stabilitätsfaktor, sie strukturiere den Tag und verschaffe Anerkennung. Allerdings müsse die Arbeit auch den Möglichkeiten der Betroffenen angepasst sein. Aber genau daran hakt es. „Die Arbeitswelt passt sich immer weniger den Bedürfnissen der Menschen an, ohne das dies sein müsste“, kritisierte DGPNN-Chef Maier.

Modelle, Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren gibt es in Deutschland, etwa eine stufenweise Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell, Umschulungen, betriebliche Gesundheitsmanagement oder rehabilitative Leistungen. Allerdings sei hier noch viel Luft nach oben, meinten die Experten einstimmig. Oftmals handle es sich um Insellösungen oder die Maßnahmen hätten keinen nachhaltigen Erfolg. „Die vorgelegten Zahlen zeigen, dass die Integration mit den gegenwärtigen Förderinstrumenten nicht gelingt“, erklärte Riedel-Heller. So genannte Supported-Employment-Ansätze, bei denen Job-Coaches die Betroffenen am Arbeitsplatz begleiten, hätten sich als wesentlich effektiver erwiesen als der traditionelle arbeitsrehabilitative Ansatz im deutschsprachigen Raum.

Individuelle Lösungen und bessere Vernetzung

Welche Unterstützung die Betroffenen jedoch genau brauchen, ist sehr individuell und hängt stark von der jeweiligen Krankheitsspezifik und den Auswirkungen der jeweiligen psychischen Störungen ab. Eine Lösung für alle wird es daher kaum geben. Statt über einzelne Maßnahmen zu streiten, müssten sich die Arbeitgeber, Ärzte, Jobcenter, Politik und Integrationsdienste stärker vernetzen, forderte Psychiater Wolfgang Maier. Einer allein könne das vielschichtige Problem nicht lösen. Aus diesem Grund hatte die DGPNN auch gemeinsam mit Gesundheitsstadt Berlin die Veranstaltung „Arbeit für psychisch Erkrankte“ initiiert. Sie soll der Auftakt einer neuen Initiative für psychisch Erkrankte sein und die Akteure besser miteinander vernetzen.

Hauptkategorien: Berlin , Medizin
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