. Neurodegenerative Forschung

Psychiatrische Erkrankungen erhöhen Demenz-Risiko

Menschen mit einer Angststörung oder einer anderen psychiatrischen Diagnose haben ein erhöhtes Risiko, im Alter an Demenz oder Alzheimer zu erkranken. Forscher aus Göttingen haben nun eine mögliche Erklärung dafür gefunden.
Eine posttraumatische Belastungsstörung in jungen Jahren verdoppelt das Risiko für eine Alzheimer-Demenz im Alter

Eine posttraumatische Belastungsstörung in jungen Jahren verdoppelt das Risiko für eine Alzheimer-Demenz im Alter

Aus Langzeitbeobachtungen weiß man, dass psychiatrische Erkrankungen im Alter häufiger zu Demenz und Alzheimer führen. Das gilt unter anderem für Posttraumatische Belastungsstörungen (PTSB) und andere Angststörungen. So zeigen Forschungsergebnisse, dass Patienten, die in jungen Jahren an einer PTSB erkrankt waren, bereits ab dem 65. Lebensjahr ein doppelt so hohes Risiko haben, eine Alzheimerdemenz zu entwickeln. Warum und wie genau es dazu kommt, ist bisher aber vollkommen unklar. Forscher der Universität Göttingen und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) haben nun einen Faktor entdeckt, der den Zusammenhang erklären kann.

Fehlfunktion eines Proteins erzeugt Kettenreaktion

Demnach ist das Protein Formin 2 an der Entstehung von Angststörungen, insbesondere der Posttraumatischen Belastungsstörung beteiligt. Die Fehlfunktion des Proteins bei PTSB führe zwar noch nicht zur Demenz, schreiben die Forscher im Fachmagazin „EMBO Journal“. In Kombination mit anderen Risikofaktoren für Morbus Alzheimer beeinträchtige die Fehlfunktion von Formin 2 jedoch die Genaktivität der Nervenzellen, so dass ein Gedächtnisverlust und die Entstehung von Alzheimer beschleunigt werde. „Alzheimer entsteht durch das komplexe Zusammenwirken von genetischen und umweltbedingten Risikofaktoren“, sagt Dr. Farahnaz Sananbenesi, eine der Seniorautoren der Publikation. „Wir haben die Hypothese aufgestellt, dass das Wechselspiel verschiedener Risikofaktoren letztlich immer zu einer spezifischen Veränderung der Gen-Aktivität in Hirnzellen führt und so zur Entstehung von Demenz beiträgt.“

Die Forscher führten ihre Untersuchungen an Mäusen und Menschen durch. Dabei konnte gezeigt werden, dass das Protein Formin 2 von PTSB-Patienten weniger stark produziert wird als von gesunden Personen. Mäuse, denen das Formin 2-Protein fehlt, entwickeln demnach schon in jungem Alter PTSB-ähnliche Symptome, wobei das Abspeichern von neuen Gedächtnisinhalten in jungen Tieren aber nicht beeinträchtigt ist.

„Wir waren überrascht zu sehen, dass PTSB-Mäuse mit vermindertem Formin 2-Gehalt während des Alterns sehr viel früher demenzähnliche Symptome entwickelten als entsprechende Kontrolltiere. Auch in Mäusen, die Alzheimer ähnliche Eiweißablagerungen entwickeln, beschleunigte ein verminderter Formin 2-Gehalt das Fortschreiten der Demenz dramatisch“, so Sananbenesi.

Gen-Aktivität beeinträchtigt

In ihrer Studie fanden die Forscher das Formin 2-Protein nur an den Synapsen, also dem Teil der Nervenzelle, die direkt an der Übertragung von elektrischen Signalen beteiligt ist. Ist Formin 2 bei PTSB reduziert, sind nur spezielle Aspekte der synaptischen Übertragung betroffen. Fehlt das Formin 2-Protein aber während des Alterungsprozesses und kommen weitere Risikofaktoren für eine Demenz hinzu, führt dies schleichend zu einer gestörten Kommunikation zwischen der Synapse und dem Zellkern. „Da die Aktivität der Gene im Zellkern kontrolliert wird, ist die Folge ein noch schnellerer Kontrollverlust der Genaktivität. Deshalb können im ungünstigsten Fall PTSB-Patienten im Alter sehr viel früher die Fähigkeit verlieren, neue Gedächtnisinhalte abzuspeichern. Denn Lernprozesse bedürfen einer genauen Koordination der Gen-Aktivität“, sagt Prof. Dr. André Fischer, ebenfalls Seniorautor der Publikation.

Hoffnung auf neue Therapie

Hierbei spielen sogenannter Histon-Deacetylase Eiweißstoffe eine große Rolle. In ihrer aktuellen Studie konnten die Forscher nachweisen, dass Histon-Deacetylase-Inhibitoren die Gedächtnisleistung in verschiedenen Alzheimer Mausmodellen wieder herstellen konnten – unabhängig davon, ob der Gedächtnisverlust durch toxische Eiweißablagerungen, den Alterungsprozess oder durch eine Posttraumatische Belastungsstörung im frühen Lebensalter beeinflusst wurde. Die Forscher hoffen nun, auf neuen Therapien, die auf die Genaktivität abzielen. Diese könnten erfolgreich sein, so die Autoren, und zwar unabhängig vom ursächlichen Auslöser der Demenzerkrankung.

Foto: Fotolia - Gabriele Rohde

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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