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Prof. Dr. med. Bertram Häussler

Position

Ein Porträt über IGES-Chef Professor Bertram Häussler, erschienen in BERLIN MEDICAL Nr. 1/2009
Prof. Dr. med. Bertram Häussler

Prof. Dr. med. Bertram Häussler

Der mit dem Weitblick  

Der Chef des Forschungsund Beratungsinstituts IGES will sich nun über das Gesundheitswesen hinaus den grossen gesellschaftlichen Themen wie Mobilität, Energie und Bildung stellen.


Häussler ist Schwabe und hat die Ruhe weg. Er lacht gern und sagt "Nichts wird so heiss gegessen, wie's gekocht wird." Seine Gelassenheit lockert das kühle Ambiente des puristisch eingerichteten IGES-Instituts wohltuend auf. Die Themen sind ernst genug, es geht um die Zukunft des Gesundheitswesens.

Als Bertram Häussler 1986 beim IGES Institut eine Anstellung bekam, da war er bereits promovierter Arzt und diplomierter Soziologe. Seiner naturwissenschaftlichen Neigung und Prägung zum Trotz hatte er zunächst Soziologie studiert, dann doch Medizin, um schliesslich durch die Kombination der beiden Fächer ein noch umfassenderes Bild von Mensch und Gesellschaft zu bekommen. Heute hätte er sicher Public Health studiert.

Die Soziologie habe ihn in der Analyse von Zusammenhängen geschult, eine Fähigkeit, die ihm in seinem Beruf von grossem Nutzen sei. Sein Job ist es, die richtigen Antworten auf die vielfältigen Problem- und Fragestellungen im Gesundheitswesen zu finden und die Wechselwirkungen verschiedener Einflussgrössen zu erkennen. So analysiert sein Institut derzeit den Gesundheitsfonds und seine Auswirkungen auf die verschiedenen Beteiligten. "Der Fonds ist zweifellos für die Krankenkassen wichtig, aber auch Ärzte und Industrie sind von seinen Auswirkungen elementar betroffen", sagt Häussler. "Denn letztlich hängt es nur von der Ausgestaltung des Fonds ab, wie viel Geld verteilt werden kann."

Analysen aus jedem erdenklichen Blickwinkel heraus

Bertram Häussler ist ein Mann, der mehr Weitblick in die Branche bringen will. Mit seinen Analysen möchte er den verschiedenen Auftraggebern treffsichere Prognosen liefern. An guten Prognosen mangele es nämlich im Gesundheitssystem. "Das System reagiert oft schleppend und wird selten von Zukunftsparametern gesteuert", meint Häussler. "Marktteilnehmer werden häufig von Entwicklungen heimgesucht, die sie schon Jahre zuvor hätte erkennen können."

Während sich Kassen, Ärzte und Kliniken über politischen Aktionismus und mangelnde Planungssicherheit beklagen, erkennt der bei Tübingen aufgewachsene Schwabe durchaus planerische Züge im politischen Handeln. Ausgabenbremse, mehr Wettbewerb und das Aufbrechen von festen Anbieterstrukturen - wie etwa die Lockerung des KV-Monopols - sind für Häussler handfeste Indizien eines politischen roten Fadens. Angereichert mit einer Fülle von Datenmaterial nutzt er diese Kenntnis, um heute eine Prognose darüber zu erstellen, was nach der nächsten Bundestagswahl passieren und wie die nächste Gesundheitsreform aussehen wird.

Die Fragestellungen, die Häussler selbst entwickelt oder die an ihn aus allen Bereichen des Gesundheitswesens herangetragen werden, sind meist sehr komplex. Häussler versteht sich darauf, solche Geflechte zu entwirren und in überschaubare Kernfragen zu transformieren, ohne an inhaltlicher Tiefe zu verlieren. Auch seine Fähigkeit, verschiedene Sichtweisen und Fachdisziplinen zu integrieren, wird ihm als Stärke ausgelegt.

Die Ergebnisse seiner Arbeit schlagen sich in zahlreichen Publikationen nieder. Im Arzneimittelatlas, zum Beispiel. Hierin findet sich eine detaillierte Analyse des Arzneimittel-Verbrauchs für das vergangene Jahr. Höhere Ausgaben und steigender Verbrauch an Arzneimitteln, hat Studienleiter Bertram Häussler herausgefunden. Die nackten Zahlen allein interessieren ihn dabei nicht. "Viel spannender ist doch die Frage, warum es so gekommen ist und ob die Menschen ausreichend versorgt wurden", meint Häussler.

"Eine Idee haben und dann was draus machen, ist eine typisch schwäbische Eigenschaft, die mich geprägt hat"   

Der Arzneimittelatlas war nur so eine Idee von ihm. Das Projekt ist Häusler dann mit seiner ihm typischen Anpackenund Umsetzen-Mentalität angegangen. 2006 wurde der erste Arzneimittelatlas publiziert - heute ist das Annual eine feste Grösse im Gesundheitswesen. Häussler meint, eine Idee zu haben und dann daraus etwas zu machen, sei etwas typisch Schwäbisches. In seiner Heimat damals, da habe es auch die Leute mit den Ideen gegeben "und die haben dann der Zeit entsprechend eine kleine Fabrik oder einen soliden Handwerksbetrieb aufgebaut."

Häusslers Ideen sind weder kleine Fabriken noch Handwerksbetriebe - es sind Denkgebäude. Meistens solche, die sich mit den Perspektiven des Gesundheitssystems befassen, aber nicht nur. Vor zwei Jahren hat IGES sein Themenspektrum in Richtung Infrastruktur erweitert und dafür entsprechende Experten ins Boot geholt. Ein Gutachten über die Pläne zur Finanzierung der Bahn ist gerade fertig geworden.

Künftig wolle man den gesamten Bereich der "öffentlichen Güter" abdecken:  Mobilität, Bildungsökonomie, Wasserwirtschaft, Abfallwirtschaft und eben Gesundheit: "Diese Bereiche sind nicht nur interessant, sie hängen auch immer stärker voneinander ab und bestimmen die Zukunft des Landes", meint Bertram Häussler.

22 Jahre ist er jetzt mit dem IGES Institut verbunden. Häussler meint, er habe viel erreicht. Chef von knapp 70 Mitarbeitern ist er heute und eine Tochtergesellschaft namens CSG gibt es auch. Was will man mehr?

Sichtlich stolz ist er, wenn er davon spricht, dass IGES eines der wenigen privatwirtschaftlichen, unabhängigen Institute sei, das ohne öffentliche Zuschüsse auskomme. Und glücklich sei er, dass er in dieser "Denkfabrik" so viele eigene Ideen verwirklichen könne. Die passenden Auftraggeber finden sich dann schon.

Sein eigentliches Kapital aber ist es, an Daten zu kommen. Allein die institutseigene Datenbank verfügt über ein riesiges Daten-Reservoir: Die wohl grösste, allerdings nicht öffentliche, Bibliothek zum Gesundheitssystem in Berlin umfasst derzeit rund 29.000 Titel und circa 160 Zeitschriften. "Wir können innerhalb kürzester Zeit, grosse Datenmengen zu präzisen Analysen verarbeiten", sagt Häussler stolz.

Bei den persönlichen Daten gibt sich der Vater von vier Kindern eher zugeknöpft. Seine Kindheit im Schwäbischen, der Vater Textilunternehmer, die Mutter Hausfrau, der Bruder sieben Jahre jünger, das naturwissenschaftliche Gymnasium - alles klingt irgendwie nach heiler Welt.

Später ist er dann Arzt geworden und hat sich mit elektrophysiologischer Hirnforschung beschäftigt. "Ich sehe das als meine Vorarbeiten zu Fragen, die sich um die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine ranken. Doch das ist lange her." Nach seinem kurzen Aufenthalt als Arzt hat er sich dann mehr als konsequent ausschliesslich der Verbindung zwischen Medizin, Wirtschaft und Gesellschaft gewidmet - und das nun schon seit über zwei Jahrzehnten und im selben Institut. Beständigkeit, findet Häussler, sei auch eine typisch schwäbische Eigenschaft.    

Weitere Informationen:

PROF. DR. MED. BERTRAM HÄUSSLER, Jahrgang 1953, begann 1986 als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim IGES Institut. Seit 1990 ist er Geschäftsführer und seit 2006 Vorsitzender der Geschäftsführung. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit liegt derzeit in den Bereichen Versorgungsforschung, Gesundheitsökonomie, Innovationsforschung und Nutzenbewertung sowie Pharmakoepidemiologie und klinische Arzneimittelforschung im nationalen und internationalen Kontext. Er leitet seit 1998 zudem die IGESTochtergesellschaft, CSG Clinische Studien Gesellschaft, die im Bereich pharmakologischer und pharmakoökonomischer Forschung aktiv ist. Der Mediziner und Soziologe gehört als Mitglied und Beirat mehreren Fachgesellschaften für Pharmakologie, Arzneimittelanwendungsforschung und Qualitätssicherung in der Medizin an. 2002 wurde er zum Honorarprofessor an der Technischen Universität Berlin ernannt, an der er das Fach "Ökonomik der pharmazeutischen Industrie" lehrt. 

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