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Prof. Dr. Dr.-Ing. Jürgen Lademann

Position

Ein Porträt über den Haut-Physiker Professor Jürgen Lademann, erschienen in BERLIN MEDICAL Nr. 5/2009
Prof. Dr. Dr.-Ing. Jürgen Lademann

Prof. Dr. Dr.-Ing. Jürgen Lademann

Jürgen Lademann ist ein international anerkannter Forscher, der sich mit Themen an der Nahtstelle zwischen Dermatologie, Pharmakologie und Biophysik beschäftigt. Nächstes Jahr wird der Dermatologe, der nicht Arzt, sondern Physiker ist, die Gordons Conference "Barrier Function Of Mammalian Skin" in den USA leiten - eine Art G8-Treffen unter den Dermatologen.

Weiss gestärkt ist sein Kittel und genauso aufgeräumt scheinen seine Gedanken. Jürgen Lademann hat sich gut vorbereitet auf das Gespräch. Zuverlässigkeit gehört zu seinen Stärken. Punkt für Punkt erzählt er von seinem Werdegang, seinen beruflichen Meilensteinen und seinen wissenschaftlichen Erfolgen.

Wie er Ende der 70er Jahre an der Lomonosov Universität in Moskau Physik mit den Schwerpunkten Lasertechnik und Spektroskopie studierte und wie es war, von vier Nobelpreisträgern unterrichtet zu werden. Wie er dann an die Akademie der Wissenschaften nach Berlin kam und wie ihn von dort sein Weg nach München führte, wo er sich als Ingenieur habilitierte. Wie er sich immer weiter auf die Biophysik und die Lasermedizin spezialisierte. Und wie ihn schliesslich Professor Sterry 1996 wieder nach Berlin holte, an die Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité.

Dort wird der inzwischen zweifach promovierte und habilitierte Jürgen
Lademann Leiter des Bereichs Hautphysiologie, 2001 kommt eine Professur für Dermatologie dazu. Grundlagenforschung betreibt er, aber immer ganz dicht an der Anwendung dran. Den Menschen tatsächlich auch helfen zu können, ist für den Naturwissenschaftler elementar.

Anfangs wurde er für seine neue Theorie belächelt. Heute wissen alle, dass Haarfollikel effektive Speicher sind.

Die Frage der Penetration ist eine der wichtigsten Forschungsfragen, mit
denen sich der Dermatologe, Physiker und Ingenieur beschäftigt. Wie gehen Substanzen, die wir auf die Haut bringen, eigentlich in die Haut hinein, wie und wo werden sie gespeichert und wie wirken sie?

Das Team um Prof. Lademann ist es, das erstmals einen gänzlich neuen Ansatz verfolgt. Es stellt die Hypothese auf, dass Haarfollikel, die sich in der Hautoberfläche befinden, Substanzen aufnehmen und speichern können. Auf der Gordon Conference im Jahr 2003 wird Jürgen Lademann für seine neue Hypothese noch mild belächelt. Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass der Penetrationsweg topisch applizierter Substanzen intrazellulär erfolgt. "Wir konnten in der Zwischenzeit zeigen, dass die Haarfollikel ein ganz entscheidender Penetrationsweg sowie ein sehr effektiver Speicher sein können, auch in Konkurrenz zur interzellulären Penetration", erklärt Jürgen Lademann. Inzwischen ist die Haarfollikel-Theorie weltweit anerkannt, das Team um Lademann ist auf diesem Gebiet international führend. "Es ist schwer in so eine Spitzenposition zu kommen, aber es ist noch schwerer, sie zu halten", bekennt der 55jährige Wissenschaftler, der ausser deutsch noch fliessend russisch und englisch spricht.

Was aber bedeuten diese Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung für die praktische Anwendung? "Das Wissen über Speicher in der Haut ist wichtig, um etwa Patienten, die mehrmals am Tag eine bestimmte Creme auftragen müssen, das Leben zu erleichtern", erklärt Lademann. Haarfollikel haben nämlich eine zehnmal längere Speicherzeit als die Hautoberfläche. Deshalb sind für Lademann die Haarfollikel eine entscheidende Zielstruktur. "Dort wollen wir die Substanzen hinbekommen", sagt Lademann, "Haarfollikel sind umgeben von einem dichten Netz der Blutgefässe, sie sind Sitz der Stammzellen und der dendritischen Zellen, die alle beim Transport von Wirkstoffen, bei der Immunmodulation oder bei der regenerativen Medizin eine elementare Rolle spielen."

Mit einer Creme statt mit einer Spritze impfen - das wäre genial

Prof. Lademann und sein Team haben auch herausgefunden, wie die Substanzen am besten dort hingelangen, nämlich über Nanopartikel. Das besondere dabei: Nanopartikel bringen zwar Substanzen in die Haarfollikel hinein, gehen aber nicht oder nur sehr schwer durch die Hautbarriere. Dieses Wissen will sich Lademann mit seinem Team jetzt für die Entwicklung einer topischen Vakzinierung zu Nutze machen. Statt einer Spritze, so die Idee, sollen Vakzine per Creme auf die Haut verabreicht werden. "Gerade wenn wir über grössere Impfaktionen
etwa im afrikanischen oder asiatischen Raum nachdenken, wo eine Spritze
immer noch mit Infektionsgefahren und der Übertragung von Krankheitserregern verbunden ist, hätte eine topische Vakzinierung einen enormen Effekt", schwärmt Jürgen Lademann. Noch ist die topische Vakzinierung Zukunftsmusik, aber eine der Fragen, die Lademann so spannend wie einen Krimi findet. Stück für Stück wird das interdisziplinäre Team, das aus Medizinern, Biologen, Chemikern, Pharmakologen und Physikern besteht, auch diesen Fall lösen. So wie es beispielsweise das Rätsel um die systemische Gabe von Chemotherapeutika und ihre Nebenwirkungen auf der Haut lösen konnte. Nicht selten leiden Chemotherapie-Patienten unter schmerzhaften Entzündungen an Handflächen und Fusssohlen, dem so genannten Hand-Fuss-Syndrom. Kleinste Alltagsverrichtungen wie Händewaschen oder Schuhe anziehen werden zur Qual. Prof. Lademann befasste sich mit diesem Phänomen und stellte fest: Das Chemotherapeutikum wird über die Schweissdrüsen abgegeben und wirkt auf der Haut genauso wie im Tumor: Es zerstört die Zellen. "Wir haben über Jahre verschiedene Strategien entwickelt, um dem entgegenzuwirken, aber nichts hat richtig funktioniert", berichtet Lademann, dem anzumerken ist, wie sehr ihn dieser Rückschlag heute noch bewegt.

Dann aber kam die entscheidende Idee: Die topische Gabe von Antioxidantien.
Das hat gewirkt. "Mit einer antioxidantienhaltigen Creme können wir heute das Hand-Fuss-Syndrom total verhindern oder zumindest so reduzieren, dass die Chemotherapie weitergeführt werden kann." Derzeit läuft noch eine klinische Studie. In etwa zwei Jahren, meint Lademann, werde dieser Weg eine echte Lösung für die betroffenen Patienten sein. "All das hätten wir ohne optische Messmethoden nicht herausfinden können", meint Lademann. Mit der in vivo Laser-Scan-Mikroskopie hat das Team sich wieder einmal international profiliert und auf dem Gebiet der Antioxidantienmessung sogar ein eigenes Gerät mit Berliner Partnern entwickelt: den Raman-Spektrometer. "Früher musste man Biopsien entnehmen, heute hält man einen Laserstahl auf die Haut", berichtet Lademann und lässt uns wissen, dass Antioxidantien in der Haut gespeichert werden und den Alterungsprozess der Haut ganz wesentlich bestimmen. An den Werten lasse sich ziemlich genau der Lebenswandel ablesen. "Jede Zigarette drückt die Werte und jeder Gemüseteller wirkt sich positiv auf den Antioxidantiengehalt in der Haut aus." Welche Lebensmittel welche Werte erzeugen, kann Lademann mit dem Raman-Spektrometer mühelos herausfinden, sogar ob der Proband in den letzten Tagen Tomaten oder Paprika gegessen hat. Das dürfte nicht nur Schönheitsbewusste hellhörig machen.

"Ich bin Grundlagenforscher, nicht die Stiftung Warentest"

Alles was Jürgen Lademann erforscht, mündet irgendwann in ein Arzneimittel, in ein kosmetisches Produkt oder in eine neue Therapie. Für Lademann ist die Zusammenarbeit mit der Industrie genauso selbstverständlich wie mit der Medizin. Kosmetik- und Pharmafirmen unterstützen die Grundlagenforschung durch eine Stiftung für Hautphysiologie. Durch öffentliche Projekte, die durch das Forschungsministerium, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Europäische Union gefördert werden, sowie durch Industrieprojekte kann sich der Bereich für Hautphysiologie zu 80 Prozent über Drittmittel finanzieren. Aus einem Kapitel seines Krimis möchte Jürgen Lademann unbedingt noch berichten, bevor er zum nächsten Termin aufbrechen muss. Plasma heisst die Überschrift, Niedrigtemperatur-Plasma zur Wunddesinfektion. In diesen Tagen wird die Ethikkommission entscheiden, ob das gewebekompatible Plasma auch am Menschen angewendet werden darf. "In etwa drei Jahren wird man mit Plasma auf Grund seiner antimikrobiellen Wirkung  und weiterer positiver Eigenschaften chronische Wunden heilen können", ist Lademann überzeugt. "Das elektrische Plasma hat ein grosses Zukunftspotenzial".

Persönliches hat er nicht viel berichtet, aber das war von vornherein klar. Er wolle nicht das Titelmädchen sein, hat Lademann gleich klargestellt. Rummel um seine Person möchte er nicht. Die internationale Anerkennung in der Fachwelt Ist ihm auch in den nächsten Jahren sicher. Dass die Arbeit ihn erfüllt, ist offensichtlich, dass sie ihm viele Glücksmomente bringt ebenfalls. Die glücklichen Momente erkennen und sie bewusst wahrnehmen, das ist sein Rezept, um mit bedrückenden Ereignissen besser umzugehen. Wenn er morgens von Fürstenwalde nach Berlin-Mitte fährt, dann weiss er, dass viel Gutes auf ihn wartet: ein klasse Team und eine Arbeit, die so spannend wie ein Krimi ist.

Weitere Informationen:

PROF. DR.- RER. NAT. DR.-ING. JÜRGEN LADEMANN wurde 1995 in
Fürstenwalde geboren. Er studierte Physik an der Lomonosov Universität in Moskau, arbeitete anschliessend elf Jahre am Zentralinstitut für Optik und Spektroskopie der Akademie der Wissenschaften in Berlin und wechselte 1993 an das Institut für Physik der Fakultät Elektrotechnik der Universität der Bundeswehr München, wo er sich zum Dr.-Ing. habilitierte. Seit 1996 leitet er den Bereich "Experimentelle und angewandte Physiologie der Haut" an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie - Universitätsmedizin Berlin. 2001 wurde er zum Professor für Dermatologie berufen.Jürgen Lademann engagiert sich in zahlreichen Kommissionen und Editorials Boards verschiedener Fachzeitschriften wie etwa "Skin Pharmacology and Applied Skin Physiology". Von 2003 bis 2008 war er Präsident der "International Society of Skin Pharmacology and Physiology", seit 2008 ist er Mitglied der Kommission für Kosmetische Mittel des Bundesinstituts für Risikobewertung; Experte für Risikobewertung von Nanopartikeln in kosmetischen Produkten bei der ECETOC AISBL, Brüssel, sowie Gutachter in verschiedenen Forschungsprogrammen der Europäischen Union. Jürgen Lademann lebt in Fürstenwalde und hat einen erwachsenen Sohn. 

Zum Weiterlesen
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Interview mit dem Dermatologen Prof. Dr. Dr.-Ing. Jürgen Lademann, Leiter des Bereichs Hautphysiologie an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Charité - Universitätsmedizin Berlin.
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