Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
04.10.2017

Placebos wirken, auch wenn der Patient davon weiß

Ein offen verabreichtes Placebo kann bei manchen Beschwerden genauso gut helfen wie ein Scheinmedikament, von dem der Patient nichts weiß. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Arzt-Gespräch.
Placebo

Placebo lindert Schmerz, auch wenn es offen verabreicht wird

Die erfolgreiche Behandlung körperlicher oder psychischer Beschwerden kann zu einem großen Anteil durch den Placebo-Effekt erklärt werden. Dabei stellt sich eine ethische Frage: Wie lässt sich dieser Effekt nutzen, ohne die Patienten zu täuschen. Neueste Studien zeigen, dass Placebos, die offen verabreicht werden, bei chronischen Rückenschmerzen, Reizdarmsyndrom, episodischer Migräne und Rhinitis klinisch bedeutsame Effekte zeigen. Das meldet die Universität Basel.

Forscher aus Basel und von der Harvard Medical School haben nun in einer im Fachblatt „Pain“ erschienenen Studie die offene Placebo-Vergabe mit der verdeckten Gabe verglichen. 160 gesunden Probanden wurde am Unterarm ansteigende Hitze mittels einer Wärmeplatte zugeführt. Die Studienteilnehmer wurden gebeten, den Temperaturanstieg manuell zu stoppen, sobald sie die Hitze nicht mehr aushalten. Danach sollte der Schmerz mit einer Creme gelindert werden.

Placebos wirken, auch wenn der Patient davon weiß

Bei dem Versuch wurde ein Teil der Probanden getäuscht: Ihnen wurde gesagt, dass sie eine Schmerzcreme mit dem Wirkstoff Lidocain erhalten, bei der es sich aber in Wirklichkeit um ein Placebo handelte. Andere Probanden erhielten eine Creme, die deutlich mit «Placebo» beschriftet war. Sie wurden zusätzlich eine Viertelstunde lang über den Placeboeffekt, sein Zustandekommen und seine Wirkungsmechanismen informiert. Eine dritte Gruppe erhielt eine offene Placebo-Creme ohne weitere Erläuterungen dazu.

Die Probanden der beiden ersten Gruppen berichteten nach dem Experiment von einer signifikanten Abnahme der Schmerzintensität und Unannehmlichkeit. „Die bisherige Annahme, dass Placebos nur wirken, wenn sie mittels Täuschung verabreicht werden, sollte neu überdacht werden“, kommentierte Studien-Autorin Dr. Cosima Locher von der Fakultät für Psychologie der Universität Basel das Ergebnis.

 

Ohne Aufklärung durch den Arzt stärkerer Schmerz

Wenn ausführliche Erläuterungen über den Placebo-Effekt fehlten – wie in der dritten Gruppe –, berichteten die Probanden von deutlich intensiverem und unangenehmerem Schmerz. Bei der Placebo-Vergabe entscheidend sind demnach die begleitenden Informationen und die Kommunikation mit dem Behandler.

Die Forscher nennen dies ein "Narrativ". Damit unterscheidet sich der ethisch problematische Aspekt von Placebos, die Täuschung, möglicherweise nicht von einem transparenten und überzeugenden Narrativ: "Eine offene Abgabe eines Scheinmedikaments bietet neue Möglichkeiten, den Placebo-Effekt auf ethisch vertretbare Weise zu nutzen", meint Ko-Autor Prof. Jens Gaab, Leiter der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie. 

Foto: animaflora/fotolia.com

Foto: ©animaflora - stock.adobe.com

Autor: bab
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Arzneimittel
 

Weitere Nachrichten zum Thema Placebo

21.05.2018

Dass es einen Placeboeffekt gibt, ist hinlänglich bekannt. Geringschätzung ist jedoch nicht angebracht. Tatsächlich machen Scheinmedikamente etwas mit dem Kopf - und mit dem Körper.

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Im ersten Lockdown dieser Pandemie ging die Zahl der Schlaganfälle um 17 Prozent zurück. Experten sind überzeugt: Die Symptome wurden bloß nicht ernst genommen. Und das sei fatal.

Antibiotika sind die Standardtherapie bei bakteriellen Infektionen und retten jedes Jahr Millionen von Leben. Aber sie greifen auch die hochkomplexe Darmflora an und damit das Immunsystem. Und: Sie können sogar ihrerseits Krankheiten auslösen. Forscher haben jetzt 1.200 Medikamente daraufhin getestet, ob sie sich hier – parallel verabreicht – als „Gegenmittel“ eignen.

In Israel gelten nur noch Personen mit dritter Impfung als vollständig geimpft. Und tatsächlich sinken die Fallzahlen im Land. Das Vorgehen ist jedoch wissenschaftlich umstritten.
 
Kliniken
Interviews
Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.

Logo Gesundheitsstadt Berlin