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Placebos wirken auch bei bewusster Einnahme

Placebos sehen aus wie echte Medikamente, aber sie wirken nicht – schließlich enthalten sie ja keinen Wirkstoff. Normalerweise werden sie in Arzneimittelstudien der Kontrollgruppe verabreicht, um die Testergebnisse in der Originalgruppe abzusichern. Von Ärzten sollten sie im Krankheitsfall nicht heimlich verordnet werden – das wäre unethisch. Eine Studie aus Freiburg aber zeigt jetzt: Selbst wenn Patienten ein Scheinmedikament wissentlich erhalten, kann es trotzdem wirken.
Mädchen schiebt einen Esslöffel voll bunter Schokolinsen in den Mund.

Scheinmedikamente halfen in einer Übersichtsstudie der Uniklinik Freiburg gegen Heuschnupfen, Reizdarmsyndrom, Rückenschmerzen und Depressionen.

Heuschnupfen und Hitzewallungen, Rückenschmerzen und Reizdarmsyndrom, ADHS und Depressionen: Auch Scheinmedikamente ohne pharmakologische Wirkung können gegen diese Krankheiten eine Wirkung entfalten, selbst wenn die Patienten vorab offen über den Placebo-Charakter informiert wurden. Dies ergibt sich aus einer Meta-Studie des Universitätsklinikums Freiburg.

„Die bewusste Einnahme eines Placebos mag zwar etwas verrückt erscheinen, aber sie hat in diesen Studien gewirkt – und damit die gezielte Täuschung der Patient*innen unnötig gemacht“, sagt Stefan Schmidt, Leiter der Sektion Systemische Gesundheitsforschung an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg.

Placebos wirken, weil man an etwas glaubt

Dass Placebos ohne pharmakologisch aktive Substanzen das Geschehen im Gehirn oder den Hormonhaushalt beeinflussen und erstaunliche Therapieerfolge erzielen können, ist lange bekannt. Nur: Dass sie wirken, wurde stets der Erwartung der Patienten an ein aktives Medikament zugeschrieben. In neueren klinischen Studien wie der aktuellen aus Freiburg verdichten sich jedoch die Indizien dafür, dass die Täuschung über den fehlenden Inhalt des Placebos gar nicht nötig sein könnte, weil der sprichwörtliche „Placebo-Effekt" augenscheinlich auch dann funktioniert, wenn zuvor die Karten ganz offen auf den Tisch gelegt werden.

 

Placebos: Kontrollsubstanz für Arzneimittelstudien

Scheinmedikamente ohne pharmakologische Wirkstoffe kommen in klinischen Studien häufig als Kontrollsubstanz zum Einsatz. Placebo-Medikamente werden in „placebokontrollierten“ klinischen Studien eingesetzt, um die medizinische beziehungsweise pharmakologische Wirksamkeit des in Erprobung befindlichen Originalmedikaments genauer erfassen und sicherer überprüfen zu können. Dieses echte Medikament, der Gegenspieler des Placebos, heißt deswegen in der Fachsprache auch „Verum“ (lat. „das Wahre). Eine Behandlung Erkrankter mit Placebos im therapeutischen Alltag ohne deren Wissen und Einwilligung gilt dagegen als unethisch und sollte daher nicht stattfinden.

Patienten wurden offen über Scheinmedikament informiert

Um die Wirkung offen verabreichter Placebos wissenschaftlich zu belegen, verglich das Freiburger Forschungsteam in einer systematischen Übersichtsarbeit 13 randomisierte klinische Studien mit insgesamt 834 Patienten. Die in den einzelnen Studien behandelten Diagnosen reichten von Rückenschmerzen und Reizdarmsyndrom über Depression, Fatigue (Erschöpfungssyndrom) und ADHS bis zu Heuschnupfen und Hitzewallungen. Den Patienten war offen mitgeteilt worden, dass sie ein Placebo erhielten. Zudem wurden sie über die prinzipielle Wirkung von Placebos informiert und um die regelmäßige Einnahme der Tabletten gebeten.

Ungeheime Placebos: „Erstmals wissenschaftlich gesichert"

Die jetzt im Fachmagazin „Scientific Reports“ publizierte Metaanalyse der Studien belegte Studienleiter Schmidt zufolge eine erstaunliche Wirkung von Scheinmedikamenten, nämlich diese: „Wir konnten erstmals wissenschaftlich gesichert zeigen, dass auch offen verabreichte Placebos wirksam sein können.“

Foto: ädchen Animaflora PicsStock

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Hauptkategorie: Medizin
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