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Pflege unterschätzt Nebenwirkungen von Benzodiazepin

Diese Umfrage irritiert: Pflegekräfte einer geriatrischen Fachklinik wurden nach ihrer Einstellung zu Schlafmitteln wie Valium und anderen Benzodiazepinen befragt. Nur ein Drittel scheint Bedenken wegen Nebenwirkungen zu haben.
Benzodiazepine sollen Patienten ruhiger machen. Gefährliche Nebenwirkungen werden von Pflege und Ärzten oft ausgeblendet

Benzodiazepine sollen Patienten ruhiger machen. Gefährliche Nebenwirkungen werden von Pflege und Ärzten oft ausgeblendet

Benzodiazepine sind verschreibungspflichtige Medikamente, die als Schlaf- oder Beruhigungsmittel eingesetzt werden. Ein bekannter Vertreter ist Valium (Diazepam). Da diese Mittel das Denken beeinträchtigen und Stürze und Unfälle verursachen können, sollten sie bei älteren Menschen nur mit Bedacht angewendet werden. Deshalb stehen Benzodiazepine auch auf der PRISCUS-Liste. Die Liste, die kritische Medikamente für ältere Menschen aufführt, erwähnt auch Zolpidem und Zopiclon. Diese sogenannten Z-Substanzen haben ein ähnliches Wirkungs- wie Nebenwirkungsspektrum wie Benzodiazepine. Viele Ärzte sehen die bislang als harmloser geltenden Medikamente inzwischen sehr kritisch.

Benzodiazepine können zu Verwirrtheit und Stürzen führen

Auch Patienten in Krankenhäuser erhalten mitunter Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine und Z-Substanzen. Wissenschaftler der Universität Göttingen haben nun 63 Ärzte und 68 Pflegekräfte einer Fachklinik für Geriatrie dazu befragt, wie sie die Schlafmittel und deren Einsatz einschätzen. Demnach hatten die meisten Pflegekräfte keine Bedenken hinsichtlich der Nebenwirkungen. Lediglich 30 Prozent unter ihnen sah den Einsatz der Benzodiazepine kritisch und waren der Ansicht, dass der Nutzen den Schaden überwiege. Unter den Ärzten war knapp die Hälfte dieser Auffassung. Insgesamt beurteilten beide Berufsgruppen die Z-Substanzen besser.

Insbesondere auf nicht-chirurgischen Stationen sowie bei Ärzten und Pflegekräften mit einer Berufserfahrung unter fünf Jahren sei die Einstellung zu den Schlafmitteln unkritisch gewesen, stellt Untersuchungsleiterin Vivien Weiß in einem Artikel fest, der soeben in der „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ erschienen ist.

 

Medikamentenabhängigkeit beginnt oft im Krankenhaus

Die Autorin fürchtet, dass die Versorgung im Krankenhaus zu Folgeverordnungen führen und so der Beginn einer gefährlichen Langzeiteinnahme sein könnte. „Krankenhausaufenthalte bergen das potenzielle Risiko für den erstmaligen Einsatz von Benzodiazepinen und Z-Substanzen“, betont die Fachfrau für Public-Health. Insbesondere dem Pflegepersonal, aber auch bei Ärzten mit geringer Berufserfahrung bescheinigt sie deshalb einen Fortbildungsbedarf. Pflegekräfte verbreichen immerhin die Pillen. Weiß zufolge dürften sie einen deutlichen Einfluss auf das Verordnungsverhalten der Ärzte haben.

Handfeste Daten, wie oft Benzodiazepine und Z-Substanzen tatsächlich in Krankenhäusern verordnet werden, will Weiß nun in einem nächsten Schritt anhand von Patientenakten sammeln. Dabei soll auch untersucht werden, ob die Klinikärzte das Mittel in den Entlassungsbriefen empfehlen.

Die vorliegende Untersuchung ist zwar nicht repräsentativ. Doch immerhin gibt die Stichprobe einen Einblick in die Köpfe von Ärzten und Pflegern einer größeren Fachklinik für Altersmedizin.

Quelle: V. Weiß, S. Heinemann, W. Himmel, R. Nau, E. Hummers-Pradier:
Benzodiazepine und Z-Substanzen als Schlaf- und Beruhigungsmittel in einem Krankenhaus Anwendung aus der Sicht des ärztlichen und pflegerischen Personals DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141 (13); e121–e126

Foto: © Robert Kneschke - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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