Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Personalisierte Medizin noch Zukunftsmusik

Zielgerichtete Medikamente haben die Behandlungsergebnisse bei Brustkrebs deutlich verbessert, aber bis zur personalisierten Medizin ist es noch ein weiter Weg. Das betonten Krebsexperten auf dem Europäischen Forum Onkologie am 3. und 4. Mai in Berlin.
Personalisierte Medizin noch Zukunftsmusik

Zielgerichtete Therapien sind bei Brustkrebs bereits Realität

Zielgerichtete Therapien, so genannte "Targeted Therapies" sind bereits Realität und werden heute bei mehreren Krebsarten spezifisch eingesetzt. Zu diesen "personalisierten" Behandlungsansätzen gehört zum Beispiel der im Jahr 2000 zugelassene Wirkstoff Trastuzumab für Frauen mit Brustkrebs. Das Krebsmittel mit dem Handelsnamen Herceptin hat seit seiner Einführung die Sterblichkeit der Frauen mit einem Her2-positiven Tumor relativ um 50 Prozent gesenkt und gilt daher als echter Durchbruch in der Brustkrebstherapie. Anhand eines Gewebetests können Ärzte diejenigen Patientinnen identifizieren, die von der Behandlung mit dem Antikörper profitieren könnten. Ein HER2-positives Mammakarzinom, das als besonders aggressiv gilt, liegt bei rund 20 bis 25 Prozent aller Brustkrebspatientinnen vor.

Doch ist das wirklich personalisierte Medizin? Krebsexperten sehen dies - trotz aller Fortschritte - skeptisch. Die Zeiten der "All-fits-one"-Therapien seien zwar vorbei und man bewege sich hin zu mehr massgeschneiderten Therapien, betonte Dr. Aslaug Helland, Krebsforscherin an der Universität Oslo, auf dem Europäischen Forum Onkologie am 4. Mai in Berlin "Derzeit fehlen uns aber noch zuverlässige Prognose-Marker, die uns sagen, welcher Patient welche Therapie braucht oder ob er überhaupt eine Therapie benötigt."

Übertherapie trotz zielgerichteter Medikamente

Die Möglichkeit, Tumoren in immer kleinere Untergruppen einteilen und gezielter therapieren zu können, sei ein erster, wichtiger Schritt, aber zur personalisierten Medizin sei es noch ein weiter Weg, erklärte Prof. Dr. Michael Untch, Leiter des Brustkrebszentrums am Helios-Klinikum in Berlin-Buch. "Personalisierte Medizin ist, wenn nur die Patienten behandelt werden, die tatsächlich die Behandlung benötigen, und Übertherapie genau wie Unterversorgung vermieden wird."

Nach Ansicht des Brustkrebsexperten betreibt Deutschland aber wie viele andere europäische Länder mitunter eine kostspielige Übertherapie. So werden zum Beispiel alle Patientinnen mit HER-2-positivem Mammakarzinom standardmässig ein weiteres halbes Jahr mit dem Antikörper behandelt, auch wenn der Pathologe in 40 Prozent der Operationspräparate nach Chemotherapie und Trastuzumab keine Tumorzellen mehr finden kann. Ärzte bezeichnen dies als komplette pathologischen Remission (cPR). Neueste Daten der German Breast Group (GBG) und der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) haben unterdessen gezeigt, dass die komplette pathologische Remission nach neoadjuvanter Chemotherapie ein eindeutiger Marker für das Langzeitüberleben ist. Warum also alle Frauen sechs Monate weitertherapieren? Immerhin kostet dieses weitere halbe Therapiejahr pro Patientin 20.000 Euro, der therapeutische Nutzen ist aber nicht abschliessend geklärt.

Antworten, ob Patientinnen, die aufgrund einer neoadjuvanten Chemotherapie eine komplette pathologische Remission erreicht haben, vielleicht gar keine weitere Therapie mehr brauchen, könnten Studien liefern. Doch die sind teuer. "Die Finanzierung solcher Studien durch die Krankenkassen wäre der ideale Weg, denn dafür gibt es keine Unterstützung aus der Industrie", meinte Untch. "Früher wussten wir es nicht besser, heute sollten wir unsere Erkenntnisse nutzen, um Frauen überflüssige Therapien zu ersparen, und sie andererseits da einsetzen, wo sie gebraucht werden; auch um sorgsamer mit unseren Ressourcen umzugehen. Kein Gesundheitssystem dieser Welt könne sich eine Übertherapie auf Dauer leisten.

 

Bis 2013 steigen die jährlichen Kosten für Krebsmedikamente auf 3,8 Milliarden Euro an

Tatsächlich sind die neuen Krebsmittel wahre Kostentreiber. Zwischen dem Jahr 2000 und 2009 sind die Kosten für Krebsmedikamente in Deutschland im Durchschnitt um 15 Prozent pro Jahr gestiegen. Dieser Trend schwächt sich nach Angaben von Prof. Dr. Bertram Häussler, Leiter des IGES-Instituts Berlin, augenblicklich wieder etwas ab. Weitere aussergewöhnlich starke Kostenbelastungen durch Innovationen seien in den nächsten Jahren nicht zu erwarten, da im statistischen Durchschnitt lediglich drei neue Krebsmedikamente pro Jahr eingeführt würden, erklärte Häussler. Auf Basis dieser Annahmen berechnete das IGES-Institut bis 2013 eine durchschnittliche jährliche Zunahme der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für Krebsmedikamente von 4,8 Prozent, was einer absoluten Steigerung von 3,1 Milliarden Euro (2009) auf 3,8 Milliarden Euro (2013) entspricht. Auch wenn Gesundheitsökonom Bertram Häussler das Wort "Kostenexplosion" für nicht gerechtfertigt hält: Selbst bei moderaten Kostensteigerungen kann angesichts der wachsenden Zahl der Krebsneuerkrankungen ein gezielterer Einsatz der Mittel nur nützlich sein.

Foto: krebsgesellschaft

Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Personalisierte Medizin , Krebs , Brustkrebs , Forschung , Arzneimittel
 

Weitere Nachrichten zum Thema Personalisierte Medizin

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Ältere Menschen scheint die Covid-Impfung nicht vollständig vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Das zeigen wiederholte Ausbrüche in Pflegeheimen. Wissenschaftler der Charité haben nun einen Ausbruch näher untersucht – und kommen zu interessanten Ergebnissen.

Zivilgesellschaftliche Organisationen haben mit ihrem Engagement unter Krisenbedingungen maßgeblich dazu beigetragen, dass Deutschland vergleichsweise gut durch die Corona-Zeit gekommen ist. Aber die Krise hat auch Spuren hinterlassen. Was muss sich tun, damit diese tragende Säule der Demokratie auch nach der Pandemie stark bleibt? Das diskutierten Experten und Politiker auf einer Fachtagung von Gesundheitsstadt Berlin und Paritätischem Wohlfahrtsverband.

 
Kliniken
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin