. „Testen im Osten“

Persilschein für Arzneimittelstudien der DDR?

Der Skandal um Arzneimittelstudien in der DDR soll keiner gewesen sein. Zu diesem Schluss kommt der 272 Seiten starke Abschlussbericht „Testen im Osten“ des Medizinethikers Volker Hess.
„Testen im Osten“ Persilschein für Arzneimittelstudien der DDR?

Abschlussbericht über Arzneimittelstudien in der DDR: keine Systematischen Verstöße nachweisbar

Vor etwa zweieinhalb Jahren flog es auf: Pharmaunternehmen aus dem Westen sollen in der DDR schätzungsweise 900 Arzneimittelstudien durchgeführt haben, ohne dass die Probanden davon gewusst haben sollen. Wurden nichtsahnende Patienten also zu Versuchskarnickeln der kapitalistischen Pharmaindustrie? Und welche Rolle spielten die Ärzte der damals in der DDR gelegenen Charité, wo zwischen 1961 und 1990 ein Großteil der Studien durchgeführt wurde?  

Ob tatsächlich ethische und rechtliche Verstöße vorlagen, hat nun ein Forscherteam um den Medizinethiker Volker Hess vom Charité Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin untersucht. Vergangen Woche wurde der 272 Seiten starke Abschlussbericht „Testen im Osten“ in Berlin vorgestellt. Die Quintessenz: Systematische Verstöße können nicht nachgewiesen werden. Die von westlichen Pharmafirmen beauftragten klinischen Studien in der DDR hätten den damals gültigen Standards entsprochen. Allerdings könne man diese nicht mit den heutigen vergleichen, und zwar  auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Ob DDR-Patienten stets über das Vorhaben informiert wurden, konnte das Forscherteam nicht abschließend klären. „Es muss aber davon ausgegangen werden, dass in Einzelfällen Betroffene nicht aufgeklärt wurden“, so Hess.

321 Studien überprüft

Um zu diesem Schluss zu kommen, hatten Hess und seine Mitarbeiter 321 Studien genauer unter die Lupe genommen. Eingesehen und ausgewertet wurden die von den DDR-Behörden hinterlassenen Materialien und einschlägige Unterlagen der Staatssicherheit, Aktenmaterialien der beteiligten Pharmaunternehmen sowie die Interviews mit Zeitzeugen, die als Experten auf beiden Seiten an diesen Auftragsstudien beteiligt waren.

Dabei konnten zwischen 1961 und 1990 Aufträge von 75 Firmen aus 16 westlichen Ländern nachgewiesen werden. Nach Angaben der Charité stellten die DDR-Behörden westlichen Unternehmen das Gesundheitssystem ihres Staates als Forschungseinrichtung zur Verfügung, um knappe Devisen für die eigene überschuldete Planwirtschaft zu erwirtschaften. Dass die Studien in der DDR besonders "billig zu haben" gewesen wären, werde der komplexen Sachlage jedoch nicht gerecht. Die Studien in der DDR seien einfach leichter und schneller machbar gewesen. So habe man in Ost-Berlin in der Regel nur mit einem Vertragspartner verhandelt, in Westdeutschland hätt man dagegen mit zehn Chef- und Oberärzten einen Vertrag auszuhandeln müssen.

Der Skandal, der keiner war

Auf neudeutsch würde man von einer Win-Win-Situation für alle sprechen: Die Firmen kamen unkompliziert an ihre Studien, die DDR an dringend benötigte Devisen und Patienten Zugang zu neuesten Medikamente, die es in der DDR nie wahrscheinlich nie gegeben hätte. Ausschließen könne man jedenfalls nicht, dass westliche Pharmakonzerne den Mangel im DDR-Gesundheitssystem genutzt haben, um an ihre Studien zu kommen, betonte Hess.

Letztlich konnte das Forscherteam den Beteiligten kein rechtliches Fehlverhalten nachweisen. Das letzte Kapitel heißt darum auch „Der Skandal, der keiner war.“ Nicht zuletzt aus Mangel an beweisen bleiben viele Fragen offen. Hess sagte im Ausschuss, unabhängig von den Arzneimittelstudien sei Menschen in den Kliniken der DDR offensichtlich auch Leid angetan worden. Er sehe hier Handlungsbedarf, um den Opfern noch im Nachhinein zu helfen, etwa über eine Beratungsstelle. Er sprach sich auch dafür aus, die Krankenakten bis 1990 aus der DDR in Archiven zu sichern und bestimmte Firmenunterlagen öffentlich zu machen.

Die Kosten für das Projekt "Klinische Arzneimittelforschung in der DDR" wurden vor allem von der Beauftragten der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer (derzeit Iris Gleicke, MdB, im Bundeswirtschaftsministerium) getragen. Daneben beteiligten sich auch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Landesärztekammern von Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Saarland und Sachsen sowie der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) und der Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) an der Finanzierung. 

Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik

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