. Paradoxe Wirkung

Oxytocin: Kuschelhormon kann Aggressionen verstärken

Eigentlich hat es einen guten Ruf, das „Kuschelhormon“ Oxytocin: Es macht uns anhänglich und verträglich, stärkt die Bindung zwischen Menschen und kann sogar Ängste reduzieren. Doch Studien zeigen: Oxytocin kann auch ganz anders wirken und Aggressionen verstärken.
Oxytocin, Kuschelhormon, Agressionen

Oxytocin gilt als Bindungs- und Kuschelhormon; doch offenbar kann es auch ganz anders wirken

Oxytocin gilt als sogenanntes „Kuschelhormon“. Bei werdenden Müttern leitet es die Wehen ein und stärkt den Milchfluss, es spielt bei der Mutter-Kind-Bindung eine Rolle und auch bei der Beziehung zwischen Liebespartnern. Schon länger gibt es jedoch Hinweise, dass Oxytocin noch eine ganz andere Wirkung haben kann. Offenbar macht uns das Hormon nämlich nicht immer friedlich und anhänglich, sondern kann im Gegenteil sogar Aggressionen verstärken. Diese widersprüchliche Wirkung haben nun Forscher Weizmann-Instituts für Wissenschaft und des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie untersucht. Dafür haben sie die Oxytocin-produzierenden Gehirnzellen von Mäusen, die unter halb-natürlichen Bedingungen leben, manipuliert.

Wirkung von Oxytocin im Mausmodell untersucht

Für die Studie hat das Team um den Neurobiologen Alon Chen einen Versuchsaufbau geschaffen, der es möglich macht, Mäuse in einer Umgebung zu beobachten, die ihren natürlichen Lebensbedingungen recht ähnlich ist. Die Forscher haben die Aktivität der Nagetiere mit Kameras überwacht und computergestützt analysiert. Neu war dabei vor allem die Nutzung der Optogenetik und einer eigens entwickelten, implantierbaren Vorrichtung, die es ermöglichte, bestimmte Nervenzellen im Gehirn ferngesteuert mit Hilfe von Licht an- oder auszuschalten. So konnten die Wissenschaftler das Verhalten der Mäuse in einer natürlichen Umgebung verfolgen und gleichzeitig ihre Hirnfunktionen analysieren.

Oxytocin diente als eine Art Testlauf für das experimentelle System. Das „Kuschelhormon“ steht schon länger im Verdacht, nicht nur positive Gefühle zu vermitteln, sondern eher die Wahrnehmung sozialer Signale zu verstärken und damit auch sozial auffälliges Verhalten zu begünstigen. Für die Studie nutzten das Forschungsteam Mäuse, bei denen sie die Oxytocin-produzierenden Zellen im Hypothalamus sanft aktivieren konnten.

 

Wirkung von Oxytocin hängt von der Situation ab

In der halbnatürlichen Umgebung zeigten die Tiere zunächst ein verstärktes Interesse aneinander, schnell nahm jedoch aggressives Verhalten zu. In einem rein männlichen, natürlichen sozialen Umfeld ist ein solches aggressives Verhalten zu erwarten, wenn die Tiere um Territorium oder Nahrung konkurrieren. Das heißt, die sozialen Bedingungen fördern Konkurrenz und Aggression. Im Gegensatz dazu führte die zunehmende Oxytocinproduktion bei den Mäusen unter klassischen Laborbedingungen zu einer verminderten Aggression. Diese andere soziale Situation führt zu einer anderen Wirkung des Oxytocins.

Insgesamt scheint Oxytocin das Sozialverhalten gegenüber einzelnen Individuen zu verstärken – und zwar im Positiven, wie im Negativen. Für eine mögliche therapeutische Anwendung bedeutet das, dass sie stets sehr vorsichtig abgewogen werden muss. Denn offenbar hängt die Wirkung des Hormons vom Kontext, aber auch von der Persönlichkeit ab.

Foto: © Adobe Stock/Jelena

Autor: anvo
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Psychische Krankheiten
 

Weitere Nachrichten zum Thema Oxytocin

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Wer mehrere Sprachen spricht, kann die Entstehung einer Demenz hinauszögern – das haben Studien bereits gezeigt. Nun haben Forscher nachgewiesen, dass auch das Erlernen einer Sprache im hohen Alter die Plastizität des Gehirns und damit die kognitive Leistungsfähigkeit fördert.
 
 
. Kliniken
. Interviews
Pflegekräfte sind in der Coronakrise wichtiger denn je und gleichzeitig besonders gefährdet. Das persönliche Engagement ist und bleibt dennoch hoch. Über Wertschätzung, Sicherheitsrisiken und die Gefahr der Selbstausbeutung in Pflegeberufen hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Pflegeexperten Thomas Meißner gesprochen.
Noch müssen Ärzte in Deutschland keine Triagierung von COVID-19-Patienten vornehmen. Doch was wenn, die Intensivkapazitäten auch hier zu Lande nicht reichen? Gesundheitsstadt Berlin hat über das bedrückende Thema mit Prof. Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen gesprochen. Die Charité-Medizinerin befasst sich als Mitglied des Deutschen Ethikrats und einer soeben eingerichteten Task Force des Berliner Senats intensiv mit dem Worst-Case-Szenario „Triagierung“.