. Neue Widerspruchslösung

Organspende – hart, aber fair?

Wer nicht ausdrücklich Nein sagt, ist Organspender: Hilft die Widerspruchslösung, damit es bald mehr Spenderorgane gibt? Und ist das moralisch in Ordnung? Bei „hart aber fair“ am Montagabend wurde ziemlich sachlich über den neuen Gesetzesvorschlag von Jens Spahn diskutiert.
Organspende, Widerspruchslösung, hart aber fair

Hart aber fair zeigt, dass der moralische Zwang zur Organspende in Deutschland umstritten ist - trotz einer mitreißenden Chantal Bausch, die mit einem Spenderherz lebt

Die 25-jährige Chantal Bausch lebt seit 13 Jahren mit einem Spenderherz. Ihr Leben, ihr Studium, ihre Karriere als Bundesliga-Hockeyspielerin - alles hat sie einer anderen Person zu verdanken: Einem jungen Menschen, der Sterben musste, damit sie weiterleben durfte. "Das zerreißt einen jeden Tag", sagt sie bei hart aber fair am Montagabend, gleich zu Auftakt der Sendung im Interview mit Frank Plasberg. Wer würde dieser reflektierten, lebensfreudigen jungen Frau nicht das neue Herz gönnen?

Bist Du nicht dagegen, bist Du automatisch dafür

Werner Bartens, leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung, bekommt den Ball zugespielt. Der Mediziner steht der Organspende grundsätzlich kritisch gegenüber, erst recht der Widerspruchslösung, um die es in der Sendung "Moralischer Zwang zur Organspende: Wollen Sie das, Herr Spahn?" geht.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte gerade zusammen mit den Abgeordneten Karl Lauterbach (SPD), Georg Nüßlein (CSU) und Dr. Petra Sitte (LINKE) einen entsprechenden Gesetzesvorschlag vorgelegt hat, wonach in Zukunft jede und jeder als Organ- und Gewebespender gilt. Es sei denn, er oder sie hat zu Lebzeiten einen Widerspruch oder einen entsprechend anders lautenden Willen erklärt. Der Wille soll in einem Register hinterlegt werden, das Ärzte dann im Falle des Falles einsehen können.

 

Bartens: Wo bleibt das Recht auf ein würdevolles Sterben?

Trotz des herzzerreißenden Beispiels von Chantal Bausch bleibt Bartens bei sich und steht zu seiner Überzeugung. Weil er auch die andere Seite sieht, nämlich die des Spenders und dessen Angehörigen. Weil er ein würdiges Sterben und ein würdiges Abschiednehmen von einem geliebten Menschen mit einer Organentnahme nicht oder nur für schwer vereinbar hält. „Die Angehörigen müssen damit weiterleben“, gibt er zu bedenken. Im Einspieler sieht man denn auch, wie bei der Hirntoddiagnose vorgegangen wird, um Schmerzreflexe bei einem Patienten zu überprüfen. Die anschließende Organentnahme wird nicht gezeigt. 

Auch die Hirntod-Debatte wird gestreift

Hirntote seien keine Toten im klassischen Sinne, sondern Sterbende, meint Bartens. Zwar sei dieser Prozess des Sterbens unumkehrbar. Aber zum Zeitpunkt der Organentnahme, schlage das Herz eben noch, „der Körper ist warm und durchblutet“, wirft er ein. Die Definition des Hirntods sei erst in den Sechzigerjahren erfunden worden, um das seither medizinisch Machbare zu ermöglichen: die Verpflanzung von Organen. Ob das schlecht sei, will Frank Plasberg wissen. Bartens erwidert, das sollte zumindest jeder bei diesem hoch sensiblen Thema wissen.

Sommer spricht von Ersatzteillager

Unterstützung erhält er von Ulrike Sommer, einer Schriftstellerin, die selbst eine Niere von ihrem Ehemann, Michael Sommer, geschenkt bekommen hat. „Ich habe das nicht eingefordert“, sagt sie. Als sie an einem Nierenleiden erkrankt sei, sei ihre Tochter vier Jahre alt gewesen. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, mein Kind zu einer Organentnahme freizugeben“, begründet Sommer ihr Contra gegen die Organspende. Sie nimmt auch das Wort „Ersatzteillager“ in den Mund, als es um die Frage der Widerspruchlösung geht.

Die anderen Diskussionsteilnehmer sind grundsätzlich für die Organspende. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sitzt mit in der Runde. Daneben Annalena Baerbock, die Bundesvorsitzende des Bündnis90/Grüne, und Michael Sommer der von 2002 bis 2014 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) war und seiner Frau Ulrike eine Niere gespendet hat. Alle sind sich einig, dass man mehr Organe brauche, um mehr Menschen das Leben retten zu  können.

Recht auf körperliche Unversehrtheit in Verfassung garantiert

Auch Annalena Baerbock ist für die Organspende, obwohl sie Spahns Vorschlag der doppelten Widerspruchlösung entschieden ablehnt. Das sei ein tiefer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Menschen, meint Baerbock, und widerspreche dem in der Verfassung verankerten Recht auf körperliche Unversehrtheit. Deutschland habe dieses Recht auch aus historischen Gründen in das Grundgesetz verankert. „Andere Länder haben diese Geschichte nicht“, argumentiert sie. Außerdem sei zu befürchten, dass die drei Briefe, die Spahn künftig jedem Einwohner des Landes schicken möchte, die Menschen nicht erreichten.

Ihr Gegenvorschlag, man solle die Spendenbereitschaft aktiv beim Beantragen eines Personalausweises abfragen, stößt in der Runde allerdings auf wenig Gegenliebe. Das Bürgeramt sei nicht der richtige Ort dafür.

Die Mehrheit will die Organspende, doch kaum einer tut es

Spahn indes verteidigt seinen Vorschlag damit, dass 84 Prozent der Deutschen für eine Organspende seien. Bloß habe die jetzige Zustimmungslösung nichts gebracht. Nur 955 Menschen hätten im vergangenen Jahr ihre Organe gespendet. Zehnmal so viele Kranke stünden auf der Warteliste. Seiner Ansicht nach, kann nur die Widerspruchlösung, diese Kluft aus dafür sein und trotzdem nicht spenden, auflösen.

Aber kann man Menschen dazu zwingen, sich mit der Organspende auseinanderzusetzen, will Frank Plasberg wissen. Sei das nicht ein Eingriff in die persönliche Freiheit? Spahn entgegnet. „Ich finde, das "Nein" aussprechen zu müssen, ist angesichts der bedrückenden Lage auch in einer freien Gesellschaft zumutbar. Das einzige Recht, das so beschnitten würde, wäre das Recht, sich keine Gedanken zu machen; also das Recht, sich nicht mit dieser für viele Mitmenschen entscheidenden Frage auseinanderzusetzen.“

„Die Menschen sterben, weil sie krank sind“

Werner Bartens sieht das freilich anders. Allein das Wort „Spende“ sei in diesem Zusammenhang Augenwischerei, meint der Arzt und Journalist. Eine Spende sei ein freiwilliges Geschenk und könne niemals ein Automatismus sein, genauso wenig dürfe ein Schweigen als Zustimmung gedeutet werden. Und eigentlich gehörten auch die 50.000 Nierenkranken auf die Warteliste. "Welche Vorselektionen finden da statt?", fragt Bartens. Er stößt sich auch an dem Argument, Menschen stürben, weil sie kein neues Organ bekämen. "Menschen sterben nicht, weil es zu wenig Spender gibt“, so Bartens, „Sie sterben, weil sie krank sind."

Wie in allen Talk Shows bleibt auch an diesem Abend das Ergebnis offen. Die einen haben gute Argumente für die Organspende bzw. die Widerspruchslösung, die anderen gute Argumente dagegen. Und wie die Zuschauerkommentare am Schluss der Sendung zeigen, sind die Zuschauer ebenso gespalten. Spahn bekommt für seinen Vorschlag  viel Zustimmung, aber auch Ablehnung. Der härteste Gegenwind kommt von einem Zuschauer, der schreibt: Er sei bislang für die Organspende gewesen. Am heutigen Abend habe er seinen Organspendeausweis zerrissen. 

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