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. Medizinstudenten als Krisenhelfer

Online-Portal vermittelt Corona-Jobs

Mitte Mai erwarten Virologen eine Coronapatientenwelle und damit die erste Belastungsprobe für das deutsche Gesundheitssystem. Nach Aufrufen von Politik und Universitäten haben Tausende Medizinstudenten ihre Bereitschaft signalisiert, in die Bresche zu springen. Aber wo? In Deutschland gibt es fast 2.000 Krankenhäuser. Auf einer Internet-Plattform können Freiwillige und Einrichtungen jetzt zueinanderfinden.
Jobportal Corona Medizinstudenten "medis-vs-covid19

match4helthcare: Das Jobportal ist eine Eigeninitiative von und für Medizinstudenten in Deutschland und Österreich.

Weiße Kittel machen nicht immun gegen Corona. In Wolfsburg etwa musste ein Krankenhaus bereits einen Aufnahmestopp verfügen, weil zu viele Ärzte und Pflegekräfte infiziert sind. Deutschlandweit wurden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) schon mehr als 2.300 Ärzte und Pflegekräfte positiv getestet und fallen damit fürs Erste aus. Voraussichtlich Mitte Mai wird sich die ohnehin bestehende Personalknappheit weiter verschärfen: Dann nämlich erwarten Virologen eine erste große Patientenwelle infolge der Coronavirus-Erkrankungen.  „Die Corona-Epidemie stellt unser Gesundheitssystem auf eine extreme Belastungsprobe“, heißt es in einer Lagebeurteilung der Bundesärztekammer (BÄK). „In dieser Krise wird jede helfende Hand dringend benötigt.“

Bundes- und Landesärztekammern, Politiker und Universitäten haben deshalb Medizinstudenten dazu aufgerufen, sich als freiwillige Krisenhelfer für den Einsatz in Gesundheitseinrichtungen zu melden – laut BÄK „mit überwältigender Resonanz“. Die Hilfsbereitschaft sei enorm, berichtet auch eine Studentenvertreterin aus München. Aber manche wüssten nicht so recht, wohin sie sich wenden sollten.

Corona-Facebook-Gruppe mit über 21.000 Mitgliedern

Aus diesem Grund haben deutsche Medizinstudenten jetzt die Initiative ergriffen und eine Vermittlungsplattform etabliert, mit der sich freiwillige Helfer und Gesundheitsinstitutionen vernetzen können. Urheber des Projekts „match4healthcare“ sind die „Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V“ (bvmd) und die informelle Vereinigung „Medis vs. COVID-19“. Letztere ergab sich aus der Facebook-Gruppe „Medizinstudierende vs. COVID-19“, die Mitte März spontan von dem Reutlinger Medizinstudenten Amandeep Grewal gegründet wurde und mittlerweile über 21.000 Mitglieder zählt. „Aktuell stehen wir in Europa gemeinsam vor der großen Herausforderung, die wachsende Anzahl an positiv-getesteten Fällen zu bewältigen und unser Gesundheitssystem aufrecht zu erhalten“, schreiben die Initiatoren. „Wir sind Medizinstudenten und können helfen!“

 

Einsatzorte: Kliniken, Pflegeheime, Arztpraxen, Gesundheitsämter

„Mit dieser berufs- und einrichtungsübergreifenden Plattform schaffen wir eine effiziente und direkte Vernetzung von Helfenden und Hilfesuchenden", erklärt Aurica Ritter, Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden. „Wir hoffen, hiermit einen großen Beitrag zur Unterstützung des Gesundheitswesens leisten zu können und insbesondere auch Einrichtungen ohne direkten Bezug zu Universitätskliniken wie städtische oder periphere Krankenhäuser, Pflegeheime, Pflegedienste oder Arztpraxen zu helfen."

Grundsätzlich sind die Einsatzmöglichkeiten im Gesundheitswesen für die Freiwillligen breit gefächert. Infrage kommen Tätigkeiten, die geeignet sind, das ärztliche und pflegerische Personal zu entlasten beziehungsweise zu unterstützen – in Universitätskliniken und Krankenhäusern genauso wie in Gesundheitsbehörden. Bei Tätigkeiten, die Ärzten vorbehalten sind oder nur von besonders qualifizierten Pflegekräften durchgeführt werden dürfen, sind den Nachwuchs-Medizinern dabei aus berufsrechtlichen Gründen Grenzen gesetzt.

Mögliche Tätigkeiten für Studenten in der Corona-Krise:

  • Corona-Tests
  • Diagnostik
  • Behandlungspflege
  • Ärztliche Verwaltungs- und Dokumentationsarbeiten
  • Patientenberatung
  • Telefon-Hotlines
  • Blutspendedienst
  • Pflegeassistenz auf der Intensivstation

Über 300 Kliniken in Deutschland und Österreich haben Bedarf

Die Webseite match4healthcare.de ist eine Vermittlungsplattform für Gesundheitseinrichtungen, Medizinstudierende sowie weitere Studierende und Auszubildende im Gesundheitsbereich. Einrichtungen können mit wenigen Klicks auf match4healthcare.de passende Helfende finden und direkt kontaktieren – und umgekehrt. Die Website der Studenteninitiative „medis vs. COVID-19" enthielt  (Stand 5. April) eine Liste mit 301 Kliniken in Deutschland und Österreich, die Corona-Helfer suchen – übersichtlich sortiert nach Bundesländern und Städten.

Corona: Dienstpläne in Kliniken lichten sich

Schon jetzt hat sich die Personalsituation in vielen Krankenhäusern spürbar verändert. Zum einen musste Personal aus dem regulären Krankenhausbetrieb zur Betreuung von Corona-Patienten abgestellt werden. Zum anderen lichteten sich die Dienstpläne, weil Mitarbeiter ihrerseits Risikopatienten wurden oder weil sie nach der Schließung von Kitas oder Schulen ihre Kinder zu Hause betreuen müssen.

Gefragt: Medizinstudenten mit Pflege- oder Sanitäterausbildung

Besonders gefragt sind Studenten nach dem ersten Staatsexamen, die außerdem zuvor eine Ausbildung in einem Medizinberuf durchlaufen haben: als Krankenpfleger, Medizinisch Technische Assistenten (MTA), Rettungs- oder Notfallsanitäter. Zur Vorbereitung wollen einige Kliniken für Medizinstudenten Mentorenprogramme oder Crash-Kurse anbieten. Andere planen, pensionierte Pflegekräfte zu reaktivieren und als Ausbilder einzusetzen.

Bundesregierung verschiebt Staatsexamen kurz vor Prüfungstermin

Ende März unterzeichnete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine Verordnung und schuf damit die rechtliche Voraussetzung, um den Einsatz von Medizinstudierenden als Helfer während der Corona-Pandemie zu erleichtern. Das unmittelbar bevorstehende zweite Staatsexamen soll dafür um ein Jahr verschoben werden – auf den April in einem Jahr.

Studenten: Zwischen Hilfsbereitschaft und „umsonst gelernt“

Studenten, die diesen zweiten der insgesamt drei großen Prüfungsteile des Medizinstudiums normalerweise jetzt absolvieren würden, sollen nach Plänen der Bundesregierung nun direkt ins sogenannte Praktische Jahr (PJ) starten, indem sie das medizinische Personal in den Krankenhäusern im Kampf gegen Corona  unterstützen. Das zweite Staatsexamen soll dann im Anschluss an das PJ stattfinden, vor dem dritten Staatsexamen. Bei aller Hilfsbereitschaft hatte dies auch für einen Aufschrei innerhalb der Studentenschaft gesorgt: In einem Jahr müssen die Studenten dann alles noch mal lernen. Seit Monaten stecken sie jetzt in der Examensvorbereitung. Nach dem Examen, das für die Zeit von 15. bis 17. April terminiert war, wären sie ohnehin ins Praktische Jahr gestartet.

Foto: match4healthcare

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Corona
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