. Sachverständigenrat legt Empfehlungen vor

Notfallversorgung steht vor umfassender Reform

Über eine Neuausrichtung der Notfallversorgung in Deutschland wird schon lange diskutiert. Nun hat sich der Sachverständigenrat für eine umfassende Reform ausgesprochen. Die Empfehlungen stoßen auf ein unterschiedliches Echo.
Reform der Notfallversorgung: Die Empfehlungen des Sachverständigenrats gehen manchen Experten zu weit

Reform der Notfallversorgung: Die Empfehlungen des Sachverständigenrats gehen manchen Experten zu weit

Luftnot, Herzrasen oder Bewusstlosigkeit – wohin im Notfall? In Deutschland gibt es mehrere Optionen: Selbst ins nächste Krankenhaus fahren, die Notrufnummer 112 wählen oder den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 anrufen.

Zu viel Durcheinander und Intransparenz, meint der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR), und schlägt eine umfassende Reform der Notfallversorgung vor. Kern der Empfehlungen, die die Gesundheitsweisen am Donnerstag vorgelegt haben, ist eine bundesweit einheitliche Rufnummer. Diese soll nach den Vorstellungen der Gesundheitsweisen von regionalen Leitstellen bedient werden. Am Telefon sollen geschulte Ärzte die Patienten bereits „vorselektieren.“ Je nach Dringlichkeit und Fall werden die Patienten dann an einen niedergelassenen Arzt oder in integrierte Notfallzentren (INZ) überwiesen. Auch Hausbesuche und Rettungseinsätze sollen über die Leitstellen koordiniert werden.

Eine Notrufnummer und Integrierte Notfallzentren

Die integrierten Notfallzentren sollen zwar in Krankenhäusern lokalisiert werden, jedoch von den Kassenärztlichen Vereinigungen betrieben werden, so der Plan des Sachverständigenrats. Mit dem Schulterschluss zwischen Kliniken und KVen wollen die Gesundheitsweisen sektorale Grenzen überwinden und „unangemessene Anreize zur stationären Aufnahme vermeiden.“ Die Finanzierung der Notfallversorgung soll dem SVR zufolge vereinfacht werden und künftig über einen separaten Geldtopf erfolgen. "Ziel ist eine bürgernähere, bedarfsgerechtere, qualitativ bessere und zugleich auch kosteneffektivere Notfallversorgung", erklärte der Ratsvorsitzende Ferdinand Gerlach. Das Expertengremium will zur Entlastung der Notfalleinrichtungen auch die Sprechzeiten niedergelassener Ärzte am Samstag und am Abend ausweiten.

Unterschiedliches Echo auf die Empfehlungen des Sachverständigenrats

Die  integrierten Notfallzentren sind jedoch umstritten. Der stellvertretende Vorsitzende des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV) Johann-Magnus von Stackelberg warnte vor einem dritten Versorgungssektor und verwies auf die schlechten Erfahrungen bei der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) mit gemeinsamen Verantwortlichkeiten von KVen und Kliniken. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) lehnte den Vorschlag ebenfalls ab.

Auch AOK-Chef Martin Litsch meinte, die Geburtsfehler der Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung dürften sich nicht wiederholen. Es dürfe keine ungedeckelten Budgets geben, sagte er. Ansonsten begrüßte er die Pläne des Sachverständigenrates. Zwischen ambulanter und stationärer Notfallversorgung gebe es zu wenig Transparenz und Zusammenarbeit, oft herrsche Ineffizienz. Vielen Patienten fehle die Orientierung zwischen den verschiedenen Anlaufstellen. „Jetzt liegen konstruktive Vorschläge auf dem Tisch, mit denen wir zu klaren Strukturen, einfachen Prozessen und klar definierten Zuständigkeiten kommen können“, sagte Litsch. Gut findet der AOK-Vorstand auch den Vorschlag, dass diese integrierten Notfallzentren nicht an allen Krankhäusern angesiedelt werden sollen, sondern nur an ausgewählten und qualifizierten Standorten. 

Gröhe ist reformwillig

Dem Vernehmen nach will Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Reform der Notfallversorgung gleich nach der Bundestagswahl am 24. September angehen. Es sei nötig, „am Beginn der neuen Legislaturperiode einen weiteren Schritt zu gehen“, sagte Gröhe bei dem Werkstattgespräch am Donnerstag.

Hintergrund der Reformpläne ist eine Überlastung der Notaufnahmen in den Krankenhäusern. Dort werden inzwischen jedes Jahr rund 25 Millionen Menschen behandelt. Mehr als ein Drittel kommt mit Bagatellen, die genauso gut von niedergelassen Ärzten oder den Bereitschaftsärzten versorgt werden könnten. Das führt zu extrem langen Wartezeiten und gefährdet die Rettung schwerstkranker Patienten. 

Autor: ham
Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik , Medizin
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