. Kommunikation in der Medizin

Nocebo-Effekt – Warum er wirkt und was das für die Medizin bedeutet

Nicht nur Placebos wirken – auch Nocebos haben messbare Effekte, aber auf negative Weise. Folgt man diesem Gedanken, wird deutlich, wie stark die Erwartungshaltung des Patienten Heilungsprozesse beeinflussen kann.
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Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient kann wesentlich zum Heilungsprozess beitragen

Jeder Patient hat das Recht, selbst zu entscheiden, ob er oder sie ein Medikament nimmt oder nicht. Doch viele Patienten nehmen – eigentlich notwendige – Medikamente nicht ein, beispielsweise dann, wenn sie den Beipackzettel gelesen haben und Angst haben, mehrere oder sogar alle der aufgelisteten Nebenwirkungen zu erleiden. Viele Patienten halten sich aus diesem Grund nicht an die Verordnungen durch ihren Arzt und nehmen ihre Medikamente nicht regelmäßig oder sogar gar nicht ein. Berechnungen zufolge entstehen dadurch Verluste von bis zu 13 Milliarden Euro. Und natürlich wird die Gesundheit der Patienten durch die fehlende Compliance gefährdet.

Dem Patienten wichtige Informationen, beispielsweise über mögliche Risiken, vorzuenthalten, kann jedoch nicht die Lösung sein. Doch die Situation zeigt, dass Informationen – entgegen landläufiger Meinung – nicht immer nur etwas Gutes sind. Es kommt immer darauf an, in welchem Kontext die Informationen vermittelt werden und welche Bedeutung ihnen beigemessen wird. Darauf macht auch Prof. Dr. Hartmut Schröder, Lehrstuhlinhaber für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation an der Viadrina in Frankfurt/Oder, aufmerksam. Er betont, dass ein Zuviel an Informationen durchaus schädlich sein kann, wenn nicht die Möglichkeit besteht, diese richtig einzuordnen. Diese Vermutung wird durch die noch relativ junge Noceboforschung bestätigt.

Nocebo: Kein Wirkstoff und trotzdem negative Wirkung

Im Gegensatz zum Placebopräparat, das helfen kann, obwohl keinerlei Wirkstoffe darin enthalten sind, spricht man vom Nocebo, wenn Medikamente ohne jeden Wirkstoff zu Nebenwirkungen führen – und das alleine durch die Erwartung. Etwas weiter gefasst bedeutet der Begriff auch, dass alleine der Zweifel an einer Therapie deren Wirksamkeit einschränkt. Der Nocebo wird daher auch als „böser Bruder des Placebo“ bezeichnet.

Schröder fasst den Begriff Nocebo jedoch noch weiter und meint damit alle „Reize, die dem Patienten Schaden zufügen können, ohne dass dies intendiert ist“. In einem Vortrag im Rahmen des Kongresses "Psychoneuroimmunologie im Lauf des Lebens" im September 2018 in Innsbruck erklärte er, dass diese Reize vom Arzt oder Therapeuten kommen können, aber auch aus dem Umfeld der Patienten, aus den Medien oder vom Patienten selbst. Das heißt, dass eine negative Erwartungshaltung zu vermehrten Nebenwirkungen oder einer verminderten Wirkung führen kann. Dies geschieht Schröder zufolge zum großen Teil durch die Kommunikation.

Der Nocebo-Effekt bezeichnet dabei keine Einbildung von Symptomen – sie sind tatsächlich vorhanden. Erklärbar ist dies unter anderem dadurch, dass Ängste sowohl Herz- und Kreislauffunktion, aber auch das Immunsystem beeinträchtigen. So werden biochemische Prozesse in Gang gesetzt, die reale physiologische Veränderungen in Gang setzen.

 

Erwartungshaltung kann zu physiologischen Reaktionen führen

Wie stark Nocebos wirken können, haben verschiedene Untersuchungen nachgewiesen. Studien der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) haben zeigen können, dass Krebspatienten, die glauben, ein neues Medikament zu erhalten, zu über 70 Prozent mindestens zwei neue Symptome entwickelten – selbst wenn sie gar kein neues Medikament bekamen als vorher.

Auf einem Workshop zum Thema , der vor einigen Jahren in Italien stattfand und vom Stuttgarter Medizinhistoriker Prof. Dr. Robert Jütte organisiert und durch die Robert-Bosch-Stiftung unterstützt wurde, waren sich die Teilnehmer einig, dass der Nocebo-Effekt bisher zu wenig in der klinischen Praxis beachtet werden. Berichtet wurde, dass sich sogar in den üblichen klinischen Studien eigentlich immer ein Nocebo bemerkbar mache, nämlich dann, wenn auch Patienten, die ein Placebo erhalten, ihre Teilnahme wegen Nebenwirkungen abbrechen. Allerdings treten dabei häufig auch unspezifische Symptome wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen, bei denen es schwer sei, zwischen einem Nocebo-Effekt und anderen Gründen zu unterscheiden.

Ethisches Dilemma für Ärzte?

Auch eine Studie, die im Jahr 2003 im „European Heart Journal“ veröffentlicht wurde, konnte die Nocebo-Wirkung bestätigen. Dafür wurden männlichen Patienten Betablocker verordnet. Während ein Teil der Männer gar nicht darüber informiert wurde, dass sie einen Betablocker erhielten, wurde einer zweiten Gruppe gesagt, dass sie das Medikament einnahmen und eine dritte Gruppe erhielt zusätzlich die Information, dass Betablocker als gelegentliche Nebenwirkung zu Erektionsstörungen führen können.

Nach drei Monaten berichteten über 30 Prozent der dritten Gruppe über erektile Dysfunktion, aber nur rund 15 Prozent in der zweiten und etwa drei Prozent in der ersten Gruppe. Selbst wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die Männer nach der gezielten Aufklärung über die Nebenwirkung sich auch eher trauten, darüber zu berichten, sind die Zahlen doch so eindeutig, dass hier tatsächlich von einer direkten physiologischen Wirkung der Informationen ausgegangen werden kann.

Die Studie weist auf ein ethisches Dilemma hin, denn einerseits ist der Arzt zur Aufklärung des Patienten verpflichtet, andererseits läuft er Gefahr, gerade durch die Aufklärung seinem Patienten zu schaden. Folgt man der Rechtsprechung, stellt sich die Frage allerdings nicht, denn hier ist klar geregelt, dass Ärzte ihre Patienten vollständig über die Risiken von Behandlungen aufklären müssen.

Bedürfnisse des Patienten erkennen

Informationen sind also wichtig, doch sie sollten richtig eingeordnet werden können. So zeigen Studien, dass gut informierte Patienten meist zufriedener mit ihrer Behandlung sind. Forscher der Universität Witten/Herdecke und der Harvard University (Boston, USA) haben herausgefunden, dass sich das Verständnis der Patienten für ihre medizinischen Probleme, ihre Selbstfürsorge, ihr Selbstmanagement und ihre Mitarbeit bei der Behandlung verbessern, wenn ihnen ihre medizinischen Befunde und die Notizen des Arztes vollständig zur Verfügung gestellt werden.

Zu bedenken ist aber, dass Patienten unterschiedlich sind und unterschiedliche Bedürfnisse haben. Umfragen zeigen, dass sich vor allem ältere Patienten oder solche mit geringerem Bildungsstand klare Ratschläge von ihrem Arzt wünschen und mit zu viel Informationen überfordert sind. Für die Behandlung ist es also wichtig, dass Ärzte erkennen, ob sie beispielsweise besonders ängstliche Patienten vor sich haben. Gefragt sind also Feingefühl, Empathie sowie das Wissen über Wirkprinzipien. Auch Achtsamkeitstechniken und eine gute Selbstfürsorge der Patienten können zur besseren Regulierung der eigenen psychischen und physischen Reaktionen führen.

Foto: © 18percentgrey – Fotolia.com

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