. Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin

Nicht jede länger anhaltende Trauer ist eine psychische Störung

Die Diagnose „Anhaltende Trauerstörung“ soll Teil des von der WHO herausgegebenen internationalen Krankheitsklassifikationssystems werden. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) betont jedoch, dass nicht jede länger anhaltende Trauer eine psychische Störung darstellt.
Trauer

Trauer ist ein Prozess, der bei jedem unterschiedlich verläuft

Trauer ist ein Prozess, der Zeit, Raum und Verständnis benötigt und der bei jedem Menschen unterschiedlich abläuft. Einige schaffen es schon relativ kurze Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen, sich wieder dem Leben zuzuwenden, andere versinken über Jahre in tiefen Kummer, wenden sich von ihren Mitmenschen ab und sehen keinen Sinn mehr im Leben. Ob es sich allerdings bei einer besonders langanhaltenden Trauer um eine psychische Störung handelt, ist umstritten. Nun soll die Diagnose „Anhaltende Trauerstörung“ in das internationale Krankheitsklassifikationssystem ICD-11 eingeführt werden. Aus diesem Anlass erklärt die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), dass Trauer vor allem eine natürliche Reaktion darstellt, die auch bei längerer Dauer nicht unbedingt mit einer psychischen Störung gleichzusetzen ist.

Trauer braucht Zeit

Die DGP plädiert dafür, Trauer ebenso wie die Themen Tod und Sterben zu enttabuisieren. Trauernde Menschen benötigen Zeit, vor allem aber auch die Unterstützung und Begleitung von Familienangehörigen und Freunden und unter Umständen auch die Hilfe durch eine professionelle Trauerbegleitung. Für Einzelne könne der Verlust allerdings „auch so schwerwiegende und stark belastende Folgen haben, dass der Trauerprozess in eine Störung münden kann, die einer therapeutischen Unterstützung bedarf“, so die Fachgesellschaft.

Für die Diagnosestellung braucht es auf Seiten der Behandler sehr gute Kenntnisse der Diagnosekriterien und sorgfältiges Vorgehen, um „normale Trauer“ von „komplizierter Trauer“ abzugrenzen, so Psychotherapeut und Psychoonkologe Urs Münch, Vorstandsmitglied der DGP. Eine anhaltende Trauerstörung ist durch eine intensive Sehnsucht nach dem Verstorbenen und einen tiefen Trennungsschmerz gekennzeichnet, die das Leben deutlich beeinträchtigen. Häufig kommen auch noch weitere kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Symptome hinzu wie etwa die Unfähigkeit, den Tod zu akzeptieren, oder Ärger oder Bitterkeit über den Verlust. Um die Diagnosekriterien zu erfüllen, müssen die Symptome über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten anhalten.

Diagnose könnte Zugang zu professioneller Hilfe erleichtern

Nach aktuellen Forschungsergebnissen leiden nur etwa drei Prozent der Trauernden unter einer Form der Trauer, die sie in Lebensführung und Lebensfluss so stark beeinträchtigt, dass sie Zugang zu professioneller Hilfe benötigen. Der DGP zufolge geht es daher nicht darum, den normalen Trauerprozess zu pathologisieren, sondern darum, denen zu helfen, denen bislang eine Unterstützung erschwert wird, weil es keine angemessene Diagnose zur Beschreibung der Komplikationen im Rahmen eines Trauerprozesses gibt. Denn bisher wird dann meist eine Anpassungsstörung oder eine depressive Störung diagnostiziert. Die neue Diagnose „Anhaltende Trauerstörung“ könnte dazu führen, dass sich Ärzte und Therapeuten stärker mit dem Verlauf von Trauer befassen und sich in deren Behandlung fachlich qualifizieren.

Foto: © eyetronic - Fotolia.com

Autor: anvo
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