Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
21.11.2018

Neuer Pflege-TÜV soll Pflegeheime realistischer bewerten

Bei der Suche nach einem Pflegeheim ist der bisherige Pflege-TÜV keine Hilfe: Fast alle Einrichtungen erzielen sehr gute Noten. Ein neuer Pflege-TÜV soll die Heime realistischer bewerten.
pflege, pflegeheim, pflegepersonen, altenpflege

Ein neuer Pflege-TÜV soll die Pflegequalität in den Altenheimen realistischer bewerten

Bei der Suche nach einem geeigneten Pflegeheim ist der bisherige Pflege-TÜV keine Hilfe: Über die Qualität der Heime gibt er - trotz mehrfacher Nachbesserung - keine Auskunft. Fast alle Einrichtungen erzielen sehr gute Werte. Denn eine schlechte Note etwa bei der Dekubitus-Prophylaxe kann mit einer guten Note für die vielfältige Speisekarte oder das abwechslungsreiche Kulturprogramm verrechnet werden - Faktoren, die für das Niveau der eigentlichen Pflege kaum aussagekräftig sind. 

Ein neuer Pflege-TÜV soll die Heime realistischer bewerten. Wissenschaftler des Instituts für Pflegewirtschaft der Universität Bielefeld und des Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (aqua) haben im Auftrag des Qualitätsausschuss’ Pflege ein Konzept für das künftige Prüfverfahren entworfen.

Bewertung soll sich an Pflege-Ergebnis orientieren

Die Bewertung soll demnach stärker an den "Pflege-Ergebnissen" ausgerichtet sein. Die Formulierung in dem Papier verdeutlichen noch einmal die Mängel des bisherigen Prüfverfahrens: An erster Stelle stehe die Frage, ob der Bewohner die notwendige und seiner Situation beziehungsweise seinen Bedürfnissen entsprechend Unterstützung erhält - und nicht die Frage nach Konzepten, Methoden oder organisatorischen Festlegungen.

So sollen die reale Versorgungssituation und damit die Qualität der stationären Pflege in den insgesamt 13.000 Heimen besser abgebildet werden. Die Heime liefern regelmäßig Angaben über alle Bewohner, etwa zu Krankenhausaufenthalten, Stürzen oder Gewichtsentwicklung. Die externen Prüfer des Medizinischen Dienstes der gesetzlichen Krankenkassen und des Prüfdienstes des Privatversicherer Stichproben machen dann Stichproben bei jeweils bis zu 9 Bewohnern.

 

Von Kontinenzförderung bis zur biografieorientierten Unterstützung

Dabei sollen die Prüfer auf folgende Kriterien achten: Wie werden die Bewohner im Bereich Mobilität unterstützt, wie steht es um die Unterstützung bei Ernährung und Flüssigkeitsversorgung, bei Kontinenzverlust, um Kontinenzförderung und Körperpflege. Geachtet wird auf medikamentöse Therapie, Schmerzmanagement und Wundversorgung, Unterstützung bei Beeinträchtigungen der Sinneswahrnehmung, bei Tagesstrukturierung, Beschäftigung und Kommunikation sowie die nächtliche Versorgung.

Auch die Unterstützung von Bewohnern mit herausforderndem Verhalten und psychischen Problemlagen, freiheitsentziehende Maßnahmen wie Bettgitter, Abwehr von Risiken und Gefährdungen wie Druckgeschwüre oder Stürze, biografieorientierte Unterstützung, Einhaltung von Hygieneanforderungen, Begleitung sterbender Heimbewohner und ihrer Angehörigen sowie Maßnahmen zur Vermeidung und zur Behebung von Qualitätsdefiziten werden in das Urteil einbezogen.

Neuer Pflege-TÜV soll Pflegeheime realistischer bewerten

Der der neue Pflege-TÜV soll die Pflegeheime realistischer bewerten, indem in jeder Rubrik ein bis vier Punkte vergeben werden. Vier Punkte für keine oder geringe Qualitätsdefizite, drei Punkte für moderate Qualitätsdefizite, zwei Punkte für erhebliche Qualitätsdefizite und ein Punkt für schwerwiegende Qualitätsdefizite.

Das neue Prüf-Konzept wurde Anfang 2018 getestet: 35 Prüfer begutachteten 283 Bewohner aus 38 freiwillig teilnehmenden Einrichtungen. Bei 24 Einrichtungen wurde im Anschluss eine Plausibilitätsprüfung durchgeführt. "Im Gesamtbild erwies sich der Entwurf zur Qualitätsdarstellung aus der Sicht der an der Testung beteiligten Personen als tragfähige Lösung", schreiben die beiden Institute in ihrem Entwurf.

Neuer Pflege-TÜV soll im Herbst 2019 eingeführt werden

Nach den Plänen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) soll das neue Bewertungssystem im Herbst 2019 eingeführt werden. Erst wenn die Ergebnisse vorliegen, können dann die Informationen über die Heime geändert werden.

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, mahnte, die Daten müssten so aufbereitet sein, dass sie verständlich und vollständig sind. Er forderte auch, die Bewertungen allen Interessierten online zugänglich zu machen. Nach Vorstellung von Westerfellhaus muss die Konsequenz aus schlechten Bewer­tungen sein, notfalls Heime stillzulegen, das sagte er in einem Interview der Funke-Mediengruppe.

Kassen geben auch dem neuen Pflege-TÜV schlechte Noten

Auch mit dem neuen Bewertungssystem sei es nicht möglich, die Heime eindeutig nach guter, mittelmäßiger und schlechter Pflegequalität zu unterscheiden, kritisierte Gernot Kiefer, Vorstandsmitglied des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV), das Konzept. Wie beim bisherigen Pflege-TÜV könnten schlechte Teil-Ergebnisse trotzdem zu einer guten zusammenfassenden Einschätzung führen.

Künftig würden zwar sehr viel mehr Daten und Informationen zur Ergebnisqualität verfügbar sein. Gemessen am Auftrag des Gesetzgebers, dem Verbraucher übersichtliche und vergleichbare Informationen zu geben, lägen aber keine befriedigenden Vorschläge vor, so Kiefer. "Eine zweite Auflage von verwässerten Ergebnissen darf es nicht geben." Der GKV-Spitzenverband hat daher einen Alternativ-Vorschlag mit einer strengeren Gewichtung entwickelt und will diesen in den Qualitätsausschuss Pflege einbringen.

Foto: kzenon/fotolia.com

Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Pflegequalität
 

Weitere Nachrichten zum Thema Pflegequalität

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Der Wirkstoff Nusinersen zur Behandlung von spinaler Muskelatrophie (SMA) hat nach Einschätzung des IQWiG einen erheblichen Zusatznutzen für Kinder mit SMA Typ1. Die Kinder mit einem frühen Krankheitsbeginn profitieren demnach von einer lebensverlängernden Behandlung.

Der AstraZeneca-Impfstoff ist jetzt auch für Senioren zugelassen. Damit könnten die älteren Corona-Risikogruppen schneller durchgeimpft werden. Über Härtefalle, die aus ärztlicher Sicht eine vorzeitige Impfung benötigen, entscheidet in Berlin eine neue Clearingstelle.

Frust-Essen, mehr Alkohol, unfreiwillige Häuslichkeit, weniger Bewegung: Die COVID-19-Pandemie hinterlässt auch bei Gesunden ihre Spuren. 43 Prozent der Verbraucher haben zugenommen – um 5,5 Kilo im Schnitt. Bei jedem Siebten sind es sogar 10 Kilo oder mehr. Das zeigt eine INSA-Umfrage des rbb für sein Sendegebiet Berlin/Brandenburg.
 
Interviews
Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.

Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.

Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin