Neuer Hirnschrittmacher erstmals bei Zwangsstörung eingesetzt

Hirnschrittmacher werden seit etwa zehn Jahren für die Therapie von Zwangserkrankungen eingesetzt. Mit dem neuesten Modell wurde nun eine Patientin am Universitätsklinikum Regensburg behandelt. Schon nach wenigen Tagen zeigte sich eine Besserung.
Neu zugelassener Hirnschrittmacher: In Regensburg wurde erstmals eine Patientin mit einer Zwangsstörung damit behandelt

Neu zugelassener Hirnschrittmacher: In Regensburg wurde erstmals eine Patientin mit einer Zwangsstörung damit behandelt

Mit der Tiefen Hirnstimulation werden nicht nur Parkinson und schwere Depressionen behandelt, sondern auch Zwangsstörungen. Besonders vielversprechend scheint ein neuer Hirnschrittmacher zu sein, der erst im Januar zugelassen wurde. Am Universitätsklinikum Regensburg wurde dieses Modell jetzt zum ersten Mal weltweit einer Patientin mit Zwangsstörung implantiert. Die 36-jährige leidet seit ihrem 17. Lebensjahr an einer extremen Form der Zwangsstörung und ist seit einigen Jahren wegen ihrer immer wiederkehrenden Zwangsgedanken sogar berufsunfähig.

Nach der OP gleich besser gefühlt

Seit der Implantation des neuen Hirnschrittmachers geht es ihr deutlich besser. „So gut wie die letzten Tage habe ich mich lange nicht mehr gefühlt“, wird sie in einer Medienmitteilung des Uniklinikums zitiert.

Bei dem Schrittmacher handelt es sich um eine echte Innovation. „Revolutionär ist dabei, dass der Schrittmacher nicht nur Signale an das Gehirn sendet, sondern die Signale des Gehirns auch lesen und entsprechend darauf reagieren kann“, erklärt ihr Behandler Professor Dr. Jürgen Schlaier, Leiter des Zentrums für Tiefe Hirnstimulation am UKR.

Obwohl der Hirnschrittmacher bei ihr derzeit noch nicht einmal vollständig aktiviert ist, zeigte sich schon nach wenigen Tagen eine Besserung der Zwangssymptome. „Alleine die Anwesenheit der Elektroden im Gehirn bewirkt schon eine Besserung“, so Professor Schlaier.

 

Neu ist die individuelle Aufzeichnung der Gehirnaktivität

Hirnschrittmacher werden seit etwa zehn Jahren für die Therapie von Zwangserkrankungen eingesetzt. Durch die elektrische Stimulation soll die der Zwangsstörung zugrundeliegende übermäßige Nervenaktivität normalisiert und damit die Symptome der Zwangsstörung gelindert werden.

Herkömmliche Modelle geben dabei nur elektrische Impulse an das Gehirn ab. Das neue Schrittmachermodell misst dagegen auch die Gehirnaktivität und kann bei bestimmten Signalen gezielt Impulse abgeben.

Im Moment trägt die Patientin ein Gerät bei sich, das mit ihrem Smartphone verbunden ist. Über eine App kann sie täglich oder auch mehrmals am Tag ihren aktuellen psychischen Zustand eingeben. Der Schrittmacher zeichnet dann die entsprechende Gehirnaktivität auf. Nach einem Zeitraum von etwa sechs Wochen werten die Ärzte die Daten aus. Dann wird der Hirnschrittmacher individuell auf die Gehirnaktivität der Patientin  eingestellt. „Die Nervenaktivität des Gehirns, die mit Zwangsgedanken einhergeht, soll durch die elektrischen Impulse möglichst gezielt durchbrochen werden“, erläutert Psychiater Professor Berthold Langguth.

Versuch kann auch scheitern

Diese Feineinstellung ist aber äußerst komplex. Schon eine minimale Abweichung der Stimulation durch den Schrittmacher kann zu unerwünschten Nebeneffekten wie beispielsweise einer Verstärkung des Angstgefühls führen. Die Ärzte rechnen damit, dass es bis zu einem Jahr dauern kann, bis die besten Signalkonstellationen gefunden sind.

Sie rechnen aber auch mit dem schlimmsten, nämlich dass der Schrittmacher nicht den gewünschten Erfolg bringt. „Dann kann der Schrittmacher jederzeit deaktiviert werden und auch die operative Entfernung des Gerätes sei möglich“, sagt Langguth.

Hirnschrittmacher sind erst dann eine Kassenleistung, wenn die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie ausgeschöpft sind und auch die Verhaltenstherapie keinen Erfolg gebracht hat.

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Psychische Krankheiten
 

Weitere Nachrichten zum Thema Zwangsstörung

| Rund drei Prozent der Bevölkerung leiden an Zwangsgedanken oder -handlungen. Für die Betroffenen ist das häufig sehr quälend. Nun haben Wissenschaftler den therapeutischen Nutzen von Psychopharmaka und Psychotherapien bei Zwangsstörungen untersucht.
 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Die chronisch obstruktive Lungenkrankheit, kurz COPD, gilt als typische Raucherkrankheit. Doch auch Nichtraucher können daran erkranken. Forscher haben nun eine mögliche Ursache gefunden.
Mindestens 192 Menschen sind in den ersten sieben Monaten dieses Jahres beim Baden in deutschen Gewässern ertrunken. Angesichts der Hitzewelle rechnet die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) mit einem Anstieg der Fälle und gibt Tipps, damit aus dem Badespaß kein Ernst wird. An Flüssen, Seen und am Meer lauern ganz unterschiedliche Gefahren.
 
 
. Kliniken
. Interviews
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.
Das Essen in deutschen Krankenhäusern hat keinen besonders guten Ruf. Dabei lässt sich mit wenig Mehraufwand viel erreichen. Der Internist und Ernährungsmediziner Prof. Dr. Christian Löser erklärt die medizinischen und ökomischen Effekte einer gesunden Ernährung im Krankenhaus.
Pflegekräfte sind in der Coronakrise wichtiger denn je und gleichzeitig besonders gefährdet. Das persönliche Engagement ist und bleibt dennoch hoch. Über Wertschätzung, Sicherheitsrisiken und die Gefahr der Selbstausbeutung in Pflegeberufen hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Pflegeexperten Thomas Meißner gesprochen.