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Neue Therapie lässt Schlaganfall-Patienten wieder räumlich sehen

Neuropsychologen haben einem Patienten das räumliche Sehen wieder beigebracht, nachdem die Funktion durch einen Schlaganfall verlorengegangen war. Die neue Therapie basiert auf optischen Trainingsgeräten und könnte auch anderen Schlaganfallpatienten nutzen.
Proband am Vergenztrainer: Zwei Figuren sollen zu einem Bild verschmelzen

Proband am Vergenztrainer: Zwei Figuren sollen zu einem Bild fusionieren, wodurch ein 3D-Eindruck entsteht

Sehstörungen gehören mit zu den häufigsten Folgen eines Schlaganfalls. In schweren, seltenen Fällen kann das dreidimensionale Sehen beeinträchtigt sein. Patienten haben dann keine räumliche Orientierung mehr und können keine Entfernungen abschätzen, etwa wenn sie nach einer Tasse greifen oder sich ihnen auf der Straße ein Auto nähert. Psychologen der Charité und der Universität des Saaralandes haben nun einen schwer betroffenen Patienten erfolgreich behandelt. Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin „Neuropsychologia“ berichten, kamen bei dem neuen Behandlungskonzept drei optische Trainingsgeräte zum Einsatz. 

Schlaganfall-Patient gilt als geheilt

„Für den Betroffenen war es so, als ob jemand einen Schalter umgelegt hat. Plötzlich konnte er wieder räumlich sehen, Entfernungen richtig einschätzen und Gegenstände zielsicher greifen“, schildert die Erstautorin der Studie Anna-Katharina Schaadt, die Eindrücke des Patienten, der mittlerweile wieder seinem Beruf als Jurist nachgehen kann. Auch ein Jahr später in einer Nachuntersuchung konnte der Patient weiterhin räumlich sehen, sodass er laut Kerkhoff als dauerhaft geheilt gilt.

In der Neuropsychologischen Hochschulambulanz auf dem Saarbrücker Campus haben die Wissenschaftler zunächst die Ursache für den Verlust des räumlichen Sehens gesucht. Die Untersuchung ergab, dass der Patient die Seheindrücke seiner beiden Augen nicht mehr zu einem Gesamtbild verschmelzen konnte. Durch die Störung der so genannten binokularen Fusion war dem Mann jede räumliche Orientierung abhanden gekommen und er musste sogar einen Blindenstock benutzen.  

Doch dann wurde sein räumliches Sehen drei Wochen lang mit täglichen Übungen geschult.  Dabei kamen Prismen, Vergenztrainer und Cheiroskop zum Einsatz. Mittels der drei optischen Trainingsgeräte wurden dem Patienten zwei seitlich leicht versetzte Bilder präsentiert. Diese sollte der Patient mit Hilfe sogenannter konvergenter Augenbewegungen zu einem einzigen Bild zusammensetzen. Bei diesem Prozess bewegen sich die Augen gegensinnig zur Nase hin, während die Bilder aber im Blickfeld bleiben. Mit der Zeit „verschmelzen“ die beiden zu einem Bild, das auch räumliche Tiefe enthält. So war es dann auch bei dem in Saarbrücken behandelten Patienten. 

3-D-Areal im Gehirn noch wenig erforscht

Von dem Erfolg der Behandlung versprechen sich die Wissenschaftler, auch anderen Schlaganfall-Patienten mit dieser extremen Form der Sehstörung helfen zu können. Zudem seien die Ergebnisse für die Forschung interessant: „Die Ergebnisse zeigen, wie spezifisch unser Gehirn organisiert ist“, sagt Neurologie-Professor Dr. Stephan Brandt. Das geschädigte Areal im sogenannten Parietallappen V6/V6A sei auf 3D-Sehen spezialisiert, ihre Funktion beim Menschen sei aber - anders als beim Primaten - noch nicht hinreichend erforscht.

Foto: Oliver Dietze

 
Hauptkategorien: Berlin , Medizin
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