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Neue Therapie gegen Glioblastom lässt noch viele Fragen offen

Ein haubenartiges Gerät mit Tumortherapiefeldern (TTF) weckt derzeit große Hoffnungen. Eine Studie hatte dramatische Verbesserungen der Lebenserwartung von Glioblastom-Patienten gezeigt. Doch ein Wundermittel ist auch das neue Therapieverfahren nicht.
Neue Therapie gegen Glioblastom lässt noch viele Fragen offen

Experte zur Glioblastom-Therapie mit TTF: Von einem Durchbruch zu sprechen wäre übertrieben

Lange haben Ärzte auf so einen Erfolg beim Gliobastom gewartet: Drei Monate mehr bis zum Rezidiv und im Schnitt ein Viertel Jahr länger leben – dieses bemerkenswerte Ergebnis brachte eine klinische Studie zur Glioblastom-Therapie mit sogenannten Tumortherapiefeldern(TTF) hervor. Auch die 2-Jahres-Überlebensrate war bei den Anwendern des Optune-Systems der Firma Novocure mit 48 Prozent deutlich besser als in der Kontrollgruppe mit 32 Prozent.

Experten warnen allerdings vor zu viel Euphorie. „Von einem Durchbruch zu sprechen wäre übertrieben“, meint Professor Wolfgang Wick von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Die bislang vorliegenden Daten seien zwar prinzipiell erfreulich, müssten aber in weiteren Studien bestätigt werden. „Es gibt noch viele offene Fragen“, sagte er, „wissenschaftliche, klinische und nicht zuletzt wirtschaftliche.“

Leise Zweifel an den Überlebensdaten

Obwohl die TTF in der EF-14 Studie extrem gut abgeschnitten hatte, gibt es offenbar noch erheblichen Klärungsbedarf. Kritisiert wird zum Beispiel, dass die Studie vorzeitig und bereits in der Interimsanalyse abgebrochen wurde, nachdem der primäre Endpunkt erreicht worden war. Auch dass es keine Placebo-Gruppe gab und man den Patienten aus der Kontrollgruppe nach dem Studienabbruch das Überwechseln in den Behandlungsarm erlaubte, bewerten Experten als Verzerrung der Ergebnisse.

Neuroonkologe Wolfgang Wick aus Heidelberg kritisiert noch einen weiteren Punkt: „Grund zur Skepsis gibt auch die Tatsache, dass das Gerät zwar bei der Primärtherapie offenbar einen klaren Vorteil gebracht hatte; eine vorausgegangene Studie zur Progressionstherapie war jedoch wegen fehlender Effektivität gescheitert.“ Auf jedem aktuellen Kongress, auf dem die Daten vorgestellt wurden, seien die Gesamtüberlebensdaten wieder etwas modifiziert gewesen; unabhängig beurteilte, reife Daten stünden also noch aus, meint Wick. „Wir müssen uns Zeit nehmen für eine sorgfältige Bewertung dieser neuen Methode, denn dies wird uns weiter bringen als intensives Marketing.“

Weitere Studien müssen folgen

Heißt im Klartext: Weitere wissenschaftliche Studien und eine genaue Überprüfung aller Daten sind nötig, um den Nutzen der TTF für Glioblastom-Patienten verlässlich beurteilen zu können. Hinzukommt, dass eine Behandlung mit Tumortherapiefeldern mit knapp 20.000 Euro pro Monat im Vergleich zu anderen Therapien sehr teuer ist. Und auch die Therapie selbst ist nicht ganz ohne. Über einen längeren Zeitraum müssen nämlich die Elektroden für die Wechselstromapplikation auf der rasierten Kopfhaut verbleiben. Die Patienten sind zwar mit einem kleinen Rucksack frei beweglich, tragen jedoch die ungewöhnliche, mit einem Kabelstrang verbundene Haube auf dem Kopf. Vielen macht das zwar nichts aus und sie nehmen die Unannehmlichkeiten für die Hoffnung auf eine Lebensverlängerung gerne in Kauf. Doch andere fürchten sich vor einer noch größeren Stigmatisierung und lehnen die Therapie deshalb ab.

Keine Standardtherapie beim Glioblastom

In Deutschland darf die Therapie, die die Hirntumorzellen mit elektrischen Wechselfeldern zerstört, von spezialisierten Ärzten angewendet werden. Ein Ersatz für eine Operation oder eine Bestrahlung ist sie aber zunächst nicht. Bei neu diagnostiziertem Glioblastom ist derzeit noch eine Resektion des Tumors, gefolgt von Radio-Chemotherapie mit Temozolomid der gültige Therapiestandard. Bei rezidivierendem Glioblastom kann die TTF dagegen eine Alternative zur Chemotherapie sein - wenn die Kasse die Kosten übernimmt. Bislang ist das noch Verhandlungssache.

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Hauptkategorie: Medizin
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