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Neue Leitlinie: ADHS-Kinder sollen noch früher Medikamente erhalten

Kinder mit ADHS sollen noch früher Medikamente wie Ritalin erhalten. Die aktualisierte Behandlungs-Leitlinie empfiehlt sie bereits bei einer mittelschweren Ausprägung der Störung.
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Bereits Kinder mit einer mittelschweren Ausprägung der ADHS sollten Medikamente erhalten

Kinder mit ADHS sollen noch früher Medikamente wie Ritalin erhalten. Die aktualisierte S-3-Leitlinie empfiehlt sie  bereits bei einer mittelschweren Ausprägung. Der in Ritalin enthaltene Wirkstoff Methylphenidat soll die ADHS-Symptome lindern. Bisher wurde die Gabe von Arzneimitteln vorrangig für Kinder mit einer starken Ausprägung der psychischen Störung empfohlen.

"Die Auswertung der aktuellen Datenlage hat gezeigt, dass die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie auf die Kernsymptome der ADHS nicht sicher belegt ist, und in der Praxis die Symptomatik häufig nicht ausreichend gebessert wird", erläutert Prof. Tobias Banaschewski vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Der Stellvertretende Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie hat die Erstellung der Leitlinien koordiniert.

Neue Leitlinie: ADHS-Kinder sollen noch früher Medikamente erhalten

Für ADHS-Patienten und ihre Familien wird sich mit der neuen Leitlinie wenig ändern, weil viele Mediziner ohnehin schon Medikamente für die weniger stark Betroffenen verschreiben, berichtet der Branchendienst Apotheke adhoc unter Berufung auf die Nachrichtenagentur dpa.

Dass ADHS-Kinder noch früher Medikamente erhalten sollen, dürfte erneut Kritiker auf den Plan rufen. Einige Fachleute meinen, dass die Medikamente zu häufig verordnet werden. Zumindest bei einem Teil der Kinder seien Überforderung und Stress oder andere Erkrankungen für bestehende Verhaltensauffälligkeiten verantwortlich, teils seien sie im Rahmen der kindlichen Entwicklung normal.

 

Verschreibung von Ritalin zurückgegangen

Schaut man auf die Zahlen, hat zumindest in den vergangenen zehn Jahren die Verschreibung von ADHS-Medikamenten in Deutschland nicht generell zugenommen. Seit 2012 sind die verordneten Tagesdosen für Ritalin rückläufig, wie Daten zu den von niedergelassenen Ärzten verordneten und über die gesetzlichen Krankenkassen abgerechneten Arzneimittel zeigen.

Der Ritalin-Wirkstoff Methylphenidat gehört zu den Amphetamin-ähnlichen Substanzen. Der Arzneistoff wirkt stimulierend im zentralen Nervensystem, der genaue Wirkmechanismus ist bislang nicht bekannt. Wahrscheinlich hemmt Methylphenidat, ähnlich wie Amphetamin, die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin im synaptischen Spalt und erhöht so die Konzentrationsfähigkeit.

Vier weitere Wirkstoffe neben Methylphenidat

Neben Methylphenidat (Ritalin) stehen vier weitere Wirkstoffe für die Behandlung zur Verfügung: Dexamfetamin (Attentin, Medice), Lisdexamfetamin (Elvanse, Shire) unterliegen wie Methylphenidat der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung. Atomexetin (Strattera, Lilly) und Guanfacin (Intuniv, Shire) sind weitere Optionen.

Auf den Wirkstoff Methylphenidat entfielen im Jahr 2016 die meisten verordneten Tagesdosen (DDD) mit 51 Millionen DDD. Dahinter liegen Lisdexamfetamin (8,3 Millionen DDD) und Atomoxetin (2,1 Millionen DDD). Guanfacin und Dexamfetamin spielen mit etwa 430.000 und 310.000 nur eine untergeordnete Rolle.

Keine Behandlung ohne Psychotherapie

Auch Erwachsene können unter ADHS leiden. Bei ihnen wird bereits bei leichten Formen der Störung eine medikamentöse Therapie empfohlen. Viele behandelnde Ärzte und Therapeuten halten eine generelle Ablehnung einer medikamentösen Behandlung denn auch für falsch. "Ich würde es quasi als Kunstfehler ansehen, ADHS-Patienten Medikamente vorzuenthalten", sagt etwa Ralph Schliewenz, Diplom-Psychologe aus Soest und Mitglied im Vorstand der Sektion Klinische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Allerdings: "Keine Medikation ohne begleitende Psychotherapie", betont Schliewenz. "Medikamente wirken immer nur so lange, wie man sie nimmt. Sie allein können die mit ADHS einhergehenden Probleme nicht beseitigen. Eine Verhaltenstherapie hilft dabei." Auch an der Psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Tübingen werden ADHS-Patienten in einem umfassenden Behandlungsplan therapiert. "Eine reine Medikamententherapie gibt es bei uns nicht", sagt Dr. Tobias Renner, Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Diagnose nur vom speziell ausgebildeten Arzt

Eine Verhaltenstherapie wird weiterhin begleitend bei allen Schweregraden der ADHS empfohlen, sagt Banaschewski. Auch die Psychoedukation, die Betroffenen und Eltern Strategien für den Umgang mit ADHS vermitteln soll, soll nach wie vor Bestandteil des Behandlungsplans sein.

Einstimmig betonen die Experten die Notwendigkeit von ausgesprochener Sorgfalt schon bei der Diagnose der ADHS. "Die Diagnose sollte etwa ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie stellen oder ein speziell dafür ausgebildeter Kinderarzt", sagt Renner.

Foto: s.kobold/fotolia.com

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