. Onkologisches Spitzenzentrum in Berlin

„Netzwerk ohne Gebäude“: CCCC feiert 10-jähriges

Das Charité Comprehensive Cancer Center (CCCC) gehört zu den onkologischen Spitzenzentren Deutschlands. Jetzt ist das Tumorzentrum zehn Jahre alt geworden. Am Donnerstag wurde die Jubiläumswoche mit einem Festakt eröffnet.
CCCC, 10 Jahre Jubiläum

Blumen für Anna Faroqhi, ehemalige Eierstockkrebs-Patientin der Charité: Habe mich in diesem großen Haus geborgen gefühlt

Vor zehn Jahren wurde an der Charité das Comprehensive Cancer Center (CCCC) gegründet. Mit einem Festakt am Donnerstag, einem Cancer Science Day am Freitag, einem Fortbildungstag für niedergelassene Onkologen und einem offenen Patientenforum am Samstag wurde das Jubiläum jetzt mit vielen Gästen gefeiert.

Die Gründung sei kein einfacher Akt gewesen, erklärte der Ärztliche Direktor der Charité Prof. Ulrich Frei am Donnerstag in seiner Festansprache. Trotz vieler Ambivalenzen sei es Prof. Peter M. Schlag gelungen, wegweisende Strukturen aufzubauen und das CCCC in die Gruppe der onkologischen Spitzenzentren zu führen. „Das war eine große Aufgabe, für die ihm unser Dank gebührt“, sagte Frei.

Der Patient im Mittelpunkt

Prof. Schlag, Experte für chirurgische Onkologie, hatte das interdisziplinäre Tumorzentrum 2008 an der Charité aufgebaut, nachdem die Charité seine Klinik auf dem Forschungscampus Buch aufgegeben hatte. Die große Aufgabe bestand darin, das gesamte onkologische Know-how der Charité fach- und standortübergreifend zusammenzuführen, klinische Experten mit der Forschung zu verzahnen und Qualität messbar zu machen. Die neu geschaffene Infrastruktur sollte am Ende einem dienen: „Der Patient steht im Mittelpunkt“, erklärte Schlag. Dabei gehe es nicht nur darum, Innovationen schneller ans Krankenbett zu bringen und für jeden Patienten die optimale Therapie zu finden. „Es geht um ein ganzheitliches Konzept, das auch das psychosoziale Umfeld des Patienten und die Nachsorge einschließt“, betonte Schlag, der vor diesem Hintergrund auch für das Wortungetüm Charité Comprehensive Cancer Center die Abkürzung "4C" erfand.

 

Im CCCC laufen die Fäden zusammen

Seit Prof. Schlags Emeritierung im Jahr 2013 leitet der internistische Onkologe Prof. Ulrich Keilholz das CCCC, das wie zwölf weitere Tumorzentren als onkologisches Spitzenzentrum von der Deutschen Krebshilfe gefördert wird.

„Wir sind ein Netzwerk ohne Gebäude“, beschrieb Prof. Keilholz die besondere Identität des Zentrums, die sich aus der Struktur der Charité ergibt: Die drei bettenführenden Campi sind quer über die Stadt verteilt und an einem weiteren Campus, dem in Buch, wird ausschließlich geforscht. Das CCCC versteht sich als die vereinende Kraft.

Weil sich das CCCC für eine bessere und ganzheitliche Patientenversorgung stark gemacht habe, sei es ein Glücksfall für die Stadt, meinte Boris Velter, Staatssekretär für Gesundheit in Berlin. „Ich gratuliere Ihnen zu dieser Erfolgsgeschichte“, sagte er.

Um nur einige Verdienste des „Netzwerks“ zu veranschaulichen, blickte CCCC-Direktor Ulrich Keilholz auf die Zeit vor der Gründung zurück. Als er vor 20 Jahren aus Heidelberg an die Charité gekommen sei, habe es an jedem Charité-Standort nur eine Tumorkonferenz gegeben. Etwa vier besonders komplexe Patientenfälle seien da von einem Tumorboard besprochen worden. „Heute haben wir jede Woche 26 interdisziplinäre Tumorkonferenzen, an denen rund 200 spezialisierte Fachärzte aus 18 Fachdisziplinen teilnehmen“, rechnete Keilholz vor. Davon profitierten alle Krebspatienten der Charité. Außerdem habe man eine molekulare, organübergreifende Tumorkonferenz eingeführt und halte elf weitere mit kooperierenden Kliniken ab.

Mit biomedizinischer Forschung eng vernetzt

Ein weiterer Unterschied zu früher: Vor 20 Jahren gab es lediglich die drei Behandlungsmodalitäten Operation, Chemotherapie, Strahlentherapie. Heute sind mit zielgerichteten Medikamenten und den Immuntherapien zwei weitere Modalitäten hinzugekommen. Allerdings sind die beiden neuen Therapieoptionen zumeist noch in der Erprobungsphase und müssen von Forschern und Ärzten gemeinsam weiterentwickelt werden.

„Die Immuntherapie, für die gerade der diesjährige Medizin-Nobelpreis vergeben wurde, ist seit Jahren fester Teil unseres Konzepts und wir werden weiterhin alles daransetzen, unseren Patientinnen und Patienten eine auf sie zugeschnittene und optimale Therapie zu bieten“, betonte Keilholz. Dabei verwies er auch auf die enge Vernetzung mit der biomedizinischen Forschung, zu denen Einrichtungen wie das Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin oder das Deutsche Krebsforschungszentrum gehören.

Mehraufwand von Tumorzentren wird nicht vergütet

Es gab jedoch auch nachdenkliche Stimmen. Tumorzentren wie das CCCC kämpfen seit Jahren für eine bessere Vergütung. Schließlich halten sie Dinge vor, die über das Übliche hinausgehen. Die molekulare Tumordiagnostik, die interdisziplinären Tumorkonferenzen, der Datenaustausch, das Messen der Qualität, klinische Studien, zusätzliches Personal wie Psychoonkologen und neue Forschungsgebäude kosten viel Geld. Hinzukommt, dass onkologische Spitzenzentren überproportional viele hochkomplexe Fälle behandeln. Der Mehraufwand wird aber bisher nicht vergütet. Dabei ist es auch Aufgabe der Cancer Center, ihr Wissen an andere Versorger weiter zu geben.

Dass die Deutsche Krebshilfe mit Spenden aus der Bevölkerung der Hauptförderer ist, sei ein Unding, meinte Prof. Peter Albers, bis vor kurzem Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG). „Da muss sich dringend etwas ändern“, sagte er. Unter den knappen Mitteln litten letztendlich die Behandlungsqualität und die Innovationskraft des Landes.

In Sachen klinischer Forschung schwebt dem Urologen und Direktor des universitären Tumorzentrums Düsseldorf eine Art „National Cancer Institute“ vor, das die Forschungsförderung bündelt und finanziell ähnlich gut ausgestattet ist wie der Innovationsfonds. „Dass England das 10-fache in die Krebsforschung investiert, sollte uns ein Vorbild sein“, erklärte Albers.

Wohl wirkungsvollstes Förderprogramm der Krebshilfe

Die Deutsche Krebshilfe hat seit 2008 mehr als 120 Millionen Euro in die onkologischen Spitzenzentren investiert. Das ist auch für eine NGO wie die Krebshilfe kein Pappenstiel. Ihr Vorstandsvorsitzender Gerd Nettekoven wünscht sich zwar auch, dass der Staat künftig mehr für die onkologische Forschung und Spitzenmedizin tut, aber rückblickend sagt er, der hohe finanzielle Aufwand habe sich gelohnt. „Uns wird mittlerweile sehr häufig zugetragen, dass es sich wahrscheinlich um das wirkungsvollste Förderproramm der Deutschen Krebshilfe seit unserer Gründung vor über 40 Jahren handelt.“

Was es dagegen für einen Menschen bedeutet, an einem meist unheilbaren Krebs zu erkranken, machte Anna Faroqhi mit sehr emotionalen Worten aus Patientensicht deutlich. Das große Haus (die Charité) habe sie durch schwierige Zeiten getragen und die Gespräche mit ihrem Behandler Prof. Jalid Sehouli seien außergewöhnlich gewesen. „Wir haben über alles geredet“, erinnerte sich die Zeichnerin, die vor sechs Jahren an Eierstockkrebs erkrankte. Dank des großen Netzwerks und insbesondere ihres Behandlers Prof. Sehouli gilt die „Eierstockkrebsüberlebende“ heute als geheilt.

Foto: ©Sabine Gudath/Charité / v.l.n.r: Peter M. Schlag (CCCC-Gründungsdirektor), Anna Faroqhi (Eierstockkrebsüberlebende), Ulrich Keilholz (CCCC-Direktor) und Jalid Sehouli (Eierstockkrebspezialist der Charité)

Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik
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