. Tierexperiment erregt Aufsehen

Nature-Studie an Schweinhirnen: Lebenszeichen nach dem Tod

Schweinehirne können vier Stunden nach dem Tod des Tieres die Blutzirkulation wiederaufnehmen und auch begrenzt neuronale Aktivität zeigen. Das zeigte eine aktuelle Studie. Nach Ansicht von Neurologen hat der Fund offenbar aber keine Aussagekraft für den Hirntod bei Menschen.
Nature, Studie, Vier Stunden nach Schlachttod, Nervenzellaktivität, Blutzirkulation, Schweinehirne

Befremdender Fund: Vier Stunden nach Schlachttod messen Forscher Nervenzellaktivität in Schweinehirnen

Am 17. April hat das renommierte Journal „Nature“ eine tierexperimentelle Studie veröffentlicht, die zeigt, dass Schweinehirne vier Stunden nach dem plötzlichen Schlachttod des Tieres die Blutzirkulation wiederaufnehmen können und auch begrenzt neuronale Aktivität zeigten.

Es wurde eine spontane synaptische Aktivität der Neuronen beobachtet, aber keine Zeichen einer globalen elektrischen Aktivität des Gehirns. Es handelt sich um ein Experiment mit einem sehr komplexen Aufbau und einem bedeutsamen Ergebnis: Die Tiere wurden getötet, anschließend geköpft, dann wurde der Kopf blutentleert und eine spezielle (20° kalte) Nährlösung wurde infundiert. Die Köpfe wurden anschließend auf Eis präpariert. Vier Stunden später wurden die Gehirne dann sechs Stunden lang mit einer speziellen, blutähnlichen und zellschützenden Nährlösung „durchflutet“. Danach führten die Wissenschaftler verschiedene Tests zur Überprüfung der Nervenzellfunktionen durch.

So bewerten Neurologen den Fund

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) versucht den Befund einzuordnen: „Das Experiment ist von so hoher wissenschaftlicher Bedeutung, weil es einen ersten Hinweis darauf liefert, dass ein bis dahin intaktes Gehirn nach einem plötzlichen Ereignis, das zu Atemstillstand und Sauerstoffmangel führt, wie z.B. einem schweren Herzinfarkt oder Schlaganfall, vor dem endgültigen Untergang bewahrt werden könnte“, erklärt Prof. Georg Gahn, Karlsruhe, Vorsitzender der Kommission Neurologische Intensivmedizin der DGN. Das sei aus wissenschaftlicher Sicht eine bahnbrechende Erkenntnis.

 

Hat mit Hirntod angeblich nichts zu tun

Die Studie hat nach Ansicht des Neurologen hingegen nichts mit der Hirntoddiagnostik zu tun und sollte nicht zu falschen Rückschlüssen verleiten. „Der Hirntod ist eine völlig andere Situation. Beim Hirntod liegt bereits eine irreversible Hirnschädigung vor, obwohl die Blutzirkulation künstlich aufrechterhalten wird und kein Sauerstoffmangel besteht. Der Sterbeprozess ist bereits weit fortgeschritten und unumkehrbar", so Gahn.

Die vorliegende Studie untersuchte hingegen, ob und wie ein gesundes, bis dahin ungeschädigtes Hirn eine längere Phase des Durchblutungsstillstands überwinden kann, ohne unterzugehen. "Das ist eine völlig andere Fragestellung. Die Studie darf keinesfalls so interpretiert werden, als sei es möglich, ein sterbendes oder bereits verstorbenes Gehirn zum Leben zu erwecken", erklärt Gahn. 

Die Hirntoddiagnostik ist in Deutschland sehr streng geregelt und wird nach definierten Kriterien von zwei Experten durchgeführt. Die Prüfung der Unumkehrbarkeit des Sterbeprozesses erfolgt nach 12, 24 oder 72 Stunden je nach Hirnschädigung und Alter des Sterbenden. 

Foto: pixabay

Autor: red
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Neurologie , Gehirn
 

Weitere Nachrichten zum Thema Hirntod

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Noch im Januar gab es in Deutschland etwa 1400 Ärzte, die ihren Patienten Videosprechstunden anboten – heute sind es fast zehnmal so viele. Jörg Debatin, Berater der Bundesregierung für die Digitalisierung des Gesundheitswesens, spricht in einem Podcast-Interview mit Gesundheitsstadt Berlin über die Frage, wie die Coronakrise Gesellschaft und Gesundheitssektor technisch revolutionieren könnte – und welche Werte dabei zu beachten sind.
 
 
. Interviews
Noch müssen Ärzte in Deutschland keine Triagierung von COVID-19-Patienten vornehmen. Doch was wenn, die Intensivkapazitäten auch hier zu Lande nicht reichen? Gesundheitsstadt Berlin hat über das bedrückende Thema mit Prof. Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen gesprochen. Die Charité-Medizinerin befasst sich als Mitglied des Deutschen Ethikrats und einer soeben eingerichteten Task Force des Berliner Senats intensiv mit dem Worst-Case-Szenario „Triagierung“.
Work-Life-Balance, geregelte Arbeitszeiten – in altersgemischten Stationsteams prallen Welten aufeinander. Wie sich der Generationenkonflikt im Krankenhaus lösen lässt, weiß Professor Wolfgang Kölfen, Chefarzt und Kommunikationsberater aus Mönchengladbach.