Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
31.10.2017

Nahrungsmittelallergien überwiegend genetisch bedingt

Wenn Kinder allergisch auf Eier, Milch oder Erdnüsse reagieren, sind größtenteils die Gene schuld. In der weltweit größten Studie zu genetischen Ursachen von Nahrungsmittelallergien konnten Berliner Wissenschaftler nun fünf Genorte identifizieren, die auch bei Autoimmunerkrankungen eine Rolle spielen.
Nahrungsmittelallergie bei Kindern: Wissenschaftler kennen jetzt die auslösenden Gene

Nahrungsmittelallergie bei Kindern: Wissenschaftler kennen jetzt die auslösenden Gene

Etwa jedes 20. Kind in Deutschland leidet an einer Nahrungsmittelallergie. Hühnereier, Kuhmilch und Erdnüsse rufen am häufigsten allergische Reaktionen hervor, die sich durch juckende Hautausschläge und Gesichtsschwellungen äußern. Nahrungsmittelallergien können aber auch schwere allergische Reaktionen mit Atemnot, Erbrechen oder Durchfall verursachen: Sie sind die häufigste Ursache von Anaphylaxien im Kindesalter. Es handelt sich dabei um die schwerste Form einer allergischen Sofortreaktion, die tödlich verlaufen kann.

80 Prozent Gene, 20 Prozent Umweltfaktoren

Natürlich fragen Eltern nach den Auslösern. Bislang hat die Wissenschaft keine eindeutige Antwort darauf, da sowohl Umwelt als auch Erbgut eine Rolle spielen. „Aufgrund von Zwillingsstudien vermuten wir, dass das Risikoeiner Nahrungsmittelallergie zu etwa 80 Prozent von erblichen Faktoren bestimmt wird. Aber bislang ist noch wenig über die genetischen Risikofaktoren bekannt“, sagt Prof. Young-Ae Lee, Wissenschaftlerin am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin und Leiterin der Hochschulambulanz für Pädiatrische Allergologie an der Charité.

Doch nun hat die Forscherin mit einer genomweiten Assoziationsstudie mehr Klarheit geschaffen. Fünf Genorte konnten Lee und ihr Team identifizieren, die auf die Bedeutung der Haut- und Schleimhautbarriere und des Immunsystems bei der Entstehung von Nahrungsmittelallergien hinweisen. „Vier dieser Genorte zeigen eine starke Übereinstimmung mit bekannten Genorten für Neurodermitis und Asthma, aber auch mit anderen chronisch entzündlichen Erkrankungen, wie Morbus Crohn, Schuppenflechte sowie mit Autoimmunerkrankungen“, erklärt Wissenschaftlerin Lee.

 

Allergiegeschehen spielt sich an fünf Genorte ab

An der bisher weltweit größten Studie zu genetischen Ursachen von Nahrungsmittelallergien nahmen rund 1.500 Kinder aus Deutschland und den USA teil. Alle litten an einer Nahrungsmittelallergie, die zuvor mit einem Provokationstest nachgewiesen wurde. Bei der genetischen Analyse hat das internationale Forscherteam mehr als fünf Millionen erbliche Varianten, sogenannte SNPs, bei jedem Studienteilnehmer untersucht und ihre Häufigkeit mit der in Kontrollpersonen verglichen.

Nahrungsmittelallergien sind demnach im sogenannten SERPINB-Gencluster auf Chromosom 18 verortet. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von zehn Vertretern der „Serinproteasehemmer“. Die Gene dieser Gruppe werden vor allem in der Haut sowie in der Schleimhaut der Speiseröhre exprimiert. Die Wissenschaftler vermuten daher, dass sie dort für die Intaktheit der epithelialen Barrierefunktion von Bedeutung sind. Ein weiterer wichtiger Befund der Studie ist, dass vier von fünf identifizierten Genorten mit allen Nahrungsmittelallergien assoziiert sind. Bloß der für die Erdnussallergie spezifische HLA-Genort scheint hier eine Ausnahme zu sein.

Unverträglichkeiten nicht mit Nahrungsmittelallergie verwechseln

Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt in „Nature Communications“ veröffentlicht. „Die Studie ist eine Ausgangsbasis für die Entwicklung besserer diagnostischer Tests für Nahrungsmittelallergien und für die weitere Erforschung ihrer ursächlichen Mechanismen und möglicher Therapien“, erläutert Lee. Eltern rät sie, auf die unbegründete Vermeidung von Nahrungsmitteln zu verzichten und sich beim Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie an einen Spezialisten zu wenden. „Aus der Praxis wissen wir, dass bis zu 80 Prozent der vermuteten Nahrungsmittelallergien keine sind“, sagt Lee. Oft handele es sich um Unverträglichkeiten, aber nicht um eine echte Nahrungsmittelallergie.

Foto: pixabay Freie kommerzielle Nutzung

Autor: ham
Hauptkategorien: Berlin , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Nahrungsmittelallergie , Autoimmunerkrankungen , Ernährung
 

Weitere Nachrichten zum Thema Nahrungsmittelallergie

Lange war man der Meinung, dass die Vermeidung von allergenen Nahrungsmitteln Allergien bei Säuglingen verhindern könnte. Doch neue Studien zeigen, dass eine frühe Fütterung mit Erdnüssen und Co. keine Allergien auslöst und diesen sogar verbeugen kann.

Immer öfter klagen Verbraucher nach dem Verzehr von Produkten aus Weizenmehl über gesundheitliche Probleme. Kurios dabei ist: Manche vertragen die Brötchen vom einen Bäcker nicht, die vom anderen schon. Viele haben Probleme mit Weizen, aber nicht mit Dinkel – dabei sind beide Getreide eng verwandt. Ein Forschungsprojekt der Uni Hohenheim liefert neue Erkenntnisse darüber, warum.

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Antibiotika sind die Standardtherapie bei bakteriellen Infektionen und retten jedes Jahr Millionen von Leben. Aber sie greifen auch die hochkomplexe Darmflora an und damit das Immunsystem. Und: Sie können sogar ihrerseits Krankheiten auslösen. Forscher haben jetzt 1.200 Medikamente daraufhin getestet, ob sie sich hier – parallel verabreicht – als „Gegenmittel“ eignen.

In Israel gelten nur noch Personen mit dritter Impfung als vollständig geimpft. Und tatsächlich sinken die Fallzahlen im Land. Das Vorgehen ist jedoch wissenschaftlich umstritten.

 
Kliniken
Interviews
Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.

Logo Gesundheitsstadt Berlin